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StartseiteForschung aktuellDas "Letzte Eis" nördlich von Grönland schmilzt02.07.2021

Klimawandel und extremes WetterDas "Letzte Eis" nördlich von Grönland schmilzt

Die Wandelsee nördlich von Grönland gilt als eine Art Arche für vom Klimawandel bedrohte Arten wie Eisbär, Narwal und Ringelrobbe. Dort soll sich das Meereis Jahrzehnte länger halten als anderswo. Doch eine aktuelle Studie zeigt: Diese Hoffnung könnte sich als trügerisch erweisen.

Von Dagmar Röhrlich

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Ein Eisbär bei Dämmerung mitten im Eis. (imago / ITAR-TASS / Gavriil Grigorov )
Der Klimawandel verändert das Ökosystem der Arktis und bedroht das Überleben der Eisbären (imago / ITAR-TASS / Gavriil Grigorov )
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In der Arktis verläuft der Klimawandel rasant, die Temperaturen steigen zwei- bis dreimal so schnell wie in angrenzenden Gebieten. Und so könnte das Meer rund um den Pol schon bald im Sommer weitgehend eisfrei sein. Bis auf einen kleinen Rest – das sogenannte "Letzte Eis". Das sammelt sich in einem 2.000 Kilometer langen Bogen zwischen der kanadischen Arktis und der Nordküste Grönlands: Dorthin treiben Wind und Strömungen das Meereis und pressen es gegen die Küste, so dass es sich meterhoch auftürmt.

"In dieser Region finden wir derzeit das älteste und auch das dickste Eis in der Arktis. Doch wir sehen Veränderungen, die darauf hindeuten, dass dieses "Letzte Eis" vielleicht nicht so resistent ist, wie wir glauben."

Letzte Zuflucht für Eisbären schwindet

Mit diesem fünf und mehr Jahre alten Packeis verschwände auch die letzte Zuflucht für Eisbär, Walross und Ringelrobbe, erklärt Kent Moore von der University of Toronto Mississauga. Als eines der Warnzeichen hatte sich 2018 erstmals seit Beginn der Satellitenüberwachung nördlich von Grönland mitten im Winter eine Polynja geöffnet, ein Loch im Eis. Es war so groß wie Spitzbergen.

Das auf einer Eisscholle eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" drifttet ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer. (Copyright Lukas Piotrowski / Alfred-Wegener-Institut ) (Copyright Lukas Piotrowski / Alfred-Wegener-Institut )Ende der MOSAIC-Mission
Die größte Arktis-Expedition aller Zeiten ist zu Ende: Der Forschungseisbrecher ‚Polarstern‘ hat in Bremerhaven angelegt. Seine Crew hatte sich monatelang im Packeis einfrieren lassen, um auf den Spuren Fridtjof Nansens übers Nordpolarmeer zu driften.

"Wir haben dieses Gebiet, die sogenannte Wandelsee, deshalb anhand von Satellitenbildern beobachtet. Außerdem lief die MOSAiC-Expedition mit der Polarstern, in die wir auch involviert waren. Und so merkten wir, dass sich dort im August 2020 ein großes Stück offenes Wasser auftat. Zu dieser Zeit versuchte die Polarstern zurück zum Nordpol zu gelangen. Überraschenderweise führte die schnellste Route durch dieses Gebiet, das normalerweise von dickem Packeis bedeckt ist. Also begannen wir uns zu fragen: Warum entsteht dort im Sommer ein offenes Wassergebiet?" Axel Schweiger vom Applied Physics Laboratory der University of Washington.

Klimawandel und extremes Wetter verstärkten einander

Beantworten konnten die Forscher diese Frage mit Satellitendaten und Meereismodellen: "Im vergangenen Jahr hatte sich ein sehr, sehr starkes Hochdrucksystem in der westlichen Arktis entwickelt, das Beaufort-Hoch. Dieses Wettersystem steuert einen großen Teil der Eisbewegung. Weil es so stark war, wehten die Winde in der Wandelsee im Wesentlichen von Ost nach West, und diese sehr starken Winde trugen dazu bei, das Eis aus dieser Region herauszublasen."

Die nächste Frage war dann, welche Rolle der Klimawandel dabei spielte: "Könnte es wichtig sein, dass das arktische Meereis in den vergangenen 40 Jahre dünner geworden ist? Und in der Tat legen unsere Modellrechnungen nahe, dass das Phänomen zu etwa 20 Prozent auf dem Klimawandel beruhte und zu 80 Prozent auf dem ungewöhnlichen Wetter."

Eisberge in Grönland - der Klimawechsel hat große Auswirkungen auf Gletscher und Polkappen (dpa / NurPhoto / Ulrik Pedersen) (dpa / NurPhoto / Ulrik Pedersen)Die Arktis erwärmt sich dreimal so schnell wie die Welt
Die Arktis erwärmt sich noch schneller als bislang verlautet, das zeigt ein aktueller Klimastatusbericht. Damit einhergehen nicht nur der Schwund von arktischen Eis- und Landmassen, sondern auch ein Freisetzen gefährlicher Schadstoffe.

Denn der Wind konnte das dünnere Eis leichter auseinandertreiben. Die Forscher untersuchten, was früher unter den gleichen Windbedingungen passiert wäre. Das Ergebnis: 2018 und 2019 wäre das Resultat wohl ähnlich gewesen. Doch 1979, als das Packeis noch mächtiger war, hätten die Winde nicht viel ausrichten können. Die Studie belege, wie sich Klimawandel und die Variabilität im Wetter gegenseitig verstärken könnten, erklärt Luisa von Albedyll vom Alfred-Wegener-Institut. Sie war nicht an den Arbeiten beteiligt:

"Das liegt einfach daran, dass das Eis dünner wird und dadurch auch empfindlicher wird auf die vorherrschenden atmosphärischen Bedingungen, die sich von Jahr zu Jahr unterscheiden."

Wolle man besser abschätzen, wie es in den kommenden 20, 30 oder 50 Jahren um das Meereis bestellt sein dürfte, müsse man also auch mehr über die – wenn man so will – normale Variabilität des arktischen Wetters lernen.

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