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StartseiteForschung aktuellVerhaltensforscher: Mit Herdeneffekt zu mehr Klimaschutz19.07.2021

Klimawandel und GesellschaftVerhaltensforscher: Mit Herdeneffekt zu mehr Klimaschutz

Eine Katastrophe, wie aktuell durch Unwetter ausgelöst, könne eine Chance sein, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, sagte der Verhaltensökonom Sean F. Ellis im Dlf - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Um Menschen zum Klimaschutz zu ermutigen, könnte vor allem der Herdeneffekt hilfreich sein.

Sean F. Ellis im Gespräch mit Kathrin Kühn

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Mit Slogans wie "There is no Planet B" (Es gibt keinen Planeten B) forderten Schüler bei der Fridays-for-Future-Demonstration in New York Politiker zum Handeln gegen den Klimawandel auf. Bei der Klima-Demonstration am 20.09.2019 zogen nach Angaben der Organisatoren 250.000 vor allem junge Menschen durch Manhattan. (picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher | Jürgen Schwenkenbecher)
Wie lassen sich Appelle ummünzen in konkrete Handlungen? (picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher | Jürgen Schwenkenbecher)
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An der Universität von Pennsylvania in Philadelphia haben sich weltweit führende Expertinnen und Experten zu einer Initiative zusammengeschlossen. Sie wollen herausfinden, wie Menschen ihr Verhalten dauerhaft ändern können – zum Beispiel, um das Klima zu schützen. Der Verhaltensökonom Sean F. Ellis argumentiert, dass auch Naturkatastrophen, wie etwa gewaltige Überschwemmungen, da ein Impuls sein können – allerdings nur, wenn es sich bei ihnen um atypische, unerwartete Ereignisse handeln und auch nur bei Menschen, die nicht am Klimawandel zweifeln. Um Menschen etwa zum Sparen von Energie oder Wasser zu bewegen, könne es vor allem helfen, sich den Herdeneffekt zunutze zu machen – also dass Menschen schauen, was Nachbarn oder Freunde machen und sich damit vergleichen. Solche Maßnahmen können laut Ellis und der Initiative "Behavior Change for Good" dazu beitragen, dass sich Maßnahmen gegen den Klimawandel auf breiter Basis in der Gesellschaft durchsetzen.

Die Menschen schauen in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter auf die Zerstörungen. Mindestens sechs Häuser wurden durch die Fluten zerstört. (pa/dpa/Harald Tittel) (pa/dpa/Harald Tittel) Wie der Städtebau auf steigende Unwetter-Gefahr reagieren kann
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Das Interview in voller Länge:

Kathrin Kühn: Sie haben es vielleicht gesehen - hier in Deutschland und anderen Teilen der westlichen EU hatten wir massiven Starkregen und Überschwemmungen. Viele Menschen sind gestorben, andere haben ihre Häuser verloren oder massive Schäden hinnehmen müssen. Was macht das mit einer Gesellschaft?

Sean Ellis: Das ist ein wenig eine soziologische Frage. Aus verhaltensökonomischer Sicht kann es eine Chance sein, Maßnahmen zur Anpassung und Abmilderung der mit dem Klimawandel verbundenen Risiken zu ergreifen.

Kühn: Mit Blick auf die Klimakrise, den Klimawandel - aus Ihrer Forschung, inwieweit sind solche Katastrophen denn wirklich ein Wendepunkt?

Ellis: Also es hängt von der Art des Ereignisses und der Schwere des Ereignisses ab. Wenn es ein Ereignis ist, das nicht typischerweise passiert - wenn wir also mitten im Sommer einen großen Schneesturm bekommen, wird das einen viel größeren Effekt haben. Und es scheint auch eine Rolle zu spielen, welche Überzeugungen die Menschen haben, bevor das Ereignis eintritt. Wenn jemand bereits glaubt, dass der Klimawandel existiert und etwas ist, das angegangen werden muss, dann ist es wahrscheinlicher, dass er die extremen Wetterereignisse dem Klimawandel zuschreibt. Während jemand, der nicht an den Klimawandel glaubt, dessen Existenz anzweifelt, das Ereignis eher als Teil des normalen Spektrums von Wetterereignissen sieht, die in diesem Gebiet auftreten.

Soziale Vergleiche als Motor des Wandels

Kühn: Wenn das jetzt also ein Startpunkt sein könnte. Was wäre notwendig, um unser Verhalten jetzt zu ändern, um etwas in Bezug auf die Klimakrise zu ändern?

Ellis: Eines der wichtigsten Dinge, die wir jetzt tun können, ist, Forschung zu finanzieren, um eine evidenzbasierte Politik zu entwickeln und diese dann rigoros zu testen, nachdem sie umgesetzt wurde, und dann auch zu erkennen, wo Verhaltensinterventionen nützlich sein könnten. Zum Beispiel gibt es Möglichkeiten, soziale Vergleiche zu nutzen. Menschen mit ihren Nachbarn zu vergleichen, hat sich als extrem wirkungsvoll erwiesen, um sie dazu zu bringen, ihren Energieverbrauch oder ihren Wasserverbrauch zu reduzieren. Oder es gibt Möglichkeiten, um Landwirte dazu zu bringen, mehr Bodendecker zu pflanzen, die Kohlenstoff im Boden speichern und die helfen können, einige der Treibhausgas-Effekte Treibhausgasen abzuschwächen.

Kühn: Es geht also eher darum, dass wir nicht immer darüber reden sollten, was die Risiken sind, sondern wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben, etwas zu verändern, also eine Art positive Vision.

Ellis: Absolut. Ein großer Teil der Herausforderung im Umgang mit dem Klimawandel, aber auch mit anderen Umweltthemen, ist das Problem der Trägheit. Die Menschen sind unsicher, was die beste Vorgehensweise ist. Und wenn jemand unsicher ist, gibt es eine Tendenz, den Status quo beizubehalten, selbst wenn es Alternativen gibt.

Schutt liegt in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter und den Überschwemmungen vor einem Haus. Mindestens sechs Häuser wurden durch die Fluten zerstört. (picture alliance / Harald Tittel) (picture alliance / Harald Tittel)Auch wir werden uns an den Klimawandel anpassen müssen
Die Häufigkeit und Stärke solcher Starkregen wie in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werde mit jedem Zehntel Grad höherer Temperatur wahrscheinlicher, kommentiert Werner Eckert vom SWR.

Den Herdeneffekt für Veränderungen nutzen

Kühn: Das heißt, es könnte sehr sinnvoll sein, einzelne Personen zu stärken, die in solchen Situationen vorangehen und ein gutes Beispiel dafür sind, was man tun könnte?

Ellis: Auf jeden Fall. Es gibt einen Herdeneffekt in vielen Strategien zur Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel. Wir Menschen haben die Tendenz, das Verhalten unserer Freunde und Nachbarn zu imitieren. Und eines der kosteneffektivsten Mittel, um Individuen zu ermutigen, Klimaschutz- und Anpassungsstrategien zu übernehmen, ist es, eine soziale Norm um sie herum zu schaffen.

Kühn: Unsere Situation hier ist, dass wir im September Bundestagswahlen haben und die Politiker deswegen in einer Art Sondersituation sind, in der sie sich nicht wie sonst mit allem beschäftigen können. Kann das eine Blockade sein, da etwas zu tun?

Ellis: Das kann es auf jeden Fall. Hier in den Vereinigten Staaten waren die Politik und die politische Polarisierung ein großes Hindernis bei der Umsetzung von Maßnahmen gegen den Klimawandel. Nach meinen Forschungen und den Forschungen anderer ist der beste Weg, dies zu umgehen, die Politik mehr oder weniger zu umgehen.

Ein positiver Wettbewerb

Kühn: Aber wer könnte das tun?

Ellis: Es geht darum, eine Politik zu gestalten, die beide Seiten, unabhängig vom Klimawandel, mittragen können. So kann es, zumindest hier in den Vereinigten Staaten, polarisierend wirken, den Menschen zu sagen, dass sie ihren Energieverbrauch wegen des Klimawandels reduzieren sollten. Das kann an der Politisierung des Klimawandels liegen. Da kann es eine große Barriere geben. Wenn man stattdessen einfach auf die Leute zugeht – es gibt zum Beispiel einen Stromversorger, der Stromrechnungen verschickt und darauf einen Vergleich des Nutzers mit seinen Nachbarn anführt. Und was sie herausgefunden haben, ist, dass diese Vergleiche die Leute ermutigten, ihren Energieverbrauch zu reduzieren. Denn wichtig zu wissen ist – dass - erstens - die Menschen sich dafür interessieren, was ihre Nachbarn tun, wie sie selbst im Vergleich dazu sind und was andere über sie denken – und zweitens - dass sie durch die Reduzierung des Energieverbrauchs aber auch Geld sparen. Und ich denke, die meisten Menschen wollen das, Geld sparen.

Kühn: Eine Art positiver Wettbewerb also.

Ellis: Genau!

Das Ziel: Anpassung an den Klimawandel

Kühn: Und das heißt, wir müssen die bisherigen Strategien überdenken. Mit einem Blick auf Ihre Forschung. Was sollte am dringendsten getan werden, um den Klimawandel zu verlangsamen?

Ellis: Das Dringlichste ist, dass wir einen ganzheitlichen Ansatz brauchen. Wir wissen, dass der Wechsel von fossilen Brennstoffen zu nachhaltigeren Energiequellen wichtig ist. Und dafür braucht es eine globale Veränderung, wie wir als Menschen leben. Da gibt es dann viele viele verschiedene Dinge und Aspekte, die wir anpacken müssen. Was also passieren muss, ist, dass Forschung finanziert werden muss, wie diese verschiedenen Dinge erreicht werden können. Um eine evidenzbasierte Politik zu entwickeln, und dann sollte diese rigoros getestet werden. Und wenn etwas nicht funktioniert, sollten wir zurück ans Reißbrett gehen. Und wenn etwas funktioniert, sollten wir es vielleicht sogar noch weiter ausbauen.

Kühn: Zum Abschluss, denken Sie, wir können das Ruder noch rumreißen?

Ellis: Beim Klimawandel ist nicht mehr die Frage, ob wir ihn verhindern können. Ich denke, es ist eine Frage, wie wir uns an ihn anpassen und wie wir unsere negativen Auswirkungen auf das Klima reduzieren. Und das ist es, worauf der Fokus jetzt liegen sollte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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