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StartseiteKultur heuteKlimaaktivisten sind "ersehnte Störenfriede"04.08.2019

Klimawandel und persönliche FreiheitKlimaaktivisten sind "ersehnte Störenfriede"

"Klimafragen haben mit der Gestaltung des sozialen Raums zu tun", sagte der Philosoph Dieter Thomä im Dlf. Das Thema gehe alle an. Sich auf persönliche Freiheiten zurückzuziehen, reiche nicht aus, sei keine Privatsache mehr. Die Klimaaktivisten nannte Thomä "ersehnte Störenfriede".

Dieter Thomä im Gespräch mit Michael Köhler

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Der Schweizer Philosoph Dieter Thomä  (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Der Philosoph Dieter Thomä von der Universität St. Gallen. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
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Wie weit geht die Freiheit des Einzelnen, wenn es um Klimawandel und Umweltschutz geht? Lässt sich klimaschädliches Verhalten umstandslos verantworten und mit der Freiheit des Einzelnen begründen? "Wenn wir jetzt über Klima reden, und über die soziale Frage, die damit verbunden ist, dann erreichen wir einen Punkt, an dem dieses Sich-Gegenseitig-In-Ruhe-Lassen nicht mehr richtig funktioniert. Und zwar deshalb, weil es um den Raum geht, den wir gemeinsam bewohnen - also die Atmosphäre", so Philosoph Thomä.

Die Welt als Kneipe

Man könne sich das durch den Vergleich mit einer Kneipe verdeutlichen, in der geraucht werde - wobei die Kneipe die Welt sei. Es könne die freie Entscheidung von Menschen sein, ob sie darin rauchen wollten, gleichzeitig seien aber auch andere davon betroffen. Deshalb sollten sich entweder der Staat oder die Leute in der Kneipe darüber einigen, ob dort geraucht werde oder nicht.

"Wenn wir das jetzt übertragen, wenn wir den Raum jetzt öffnen und sagen, diese Kneipe ist die Welt, dann wird deutlich, dass das, was der eine in diesem Raum tut - ein dickes Auto fahren oder fliegen - nicht einfach seine Privatsache ist. Und das ist philosophisch, politisch natürlich eigentlich ein glasklarer Fall, weshalb diese ganze Idee, dass wir die Freiheit nur als Nicht-Einmischung verstehen, theoretisch vollkommen unhaltbar ist."

Einmischung akzeptieren

Wenn es darum ginge, sich einzumischen in das Leben eines anderen, sei "Interaktion, also zwischenmenschliches Verhalten" ein wichtiger Begriff, so Thomä. "Ich wäre zum Beispiel dagegen, dass es irgendwelche Websites gibt, um mir einfach mal ein Beispiel auszudenken, wo alle Leute, die Flugreisen tätigen oder dicke Autos fahren, in der eigenen Nachbarschaft sozusagen mit Fähnchen gekennzeichnet sind. 'Seht, hier sind die Bösen'. Das ist dann nicht mehr Interaktion, das ist Denunziation."

Allerdings sei es ja "nicht wirklich ein Eingriff in eine heilige Privatsphäre", wenn man jemanden treffe, der etwas tue, was die Gemeinschaft schädigt - und sich dann einmischen würde. "Jedenfalls dann nicht, wenn das, was der andere tut, mein Leben beeinflusst." Dann gebe es hoffentlich nicht nur eine "Lust an der Einmischung, sondern auch eine Akzeptanz dieser Einmischung". Thomä ist der Meinung, dass wir uns "zu sehr eingerichtet [haben] mit dieser Freiheit des 'Rühr-mich-nicht-an'. Und das ist aber ein verkürzter Freiheitsbegriff."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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