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StartseiteKommentare und Themen der WocheGrünen-Papier gegen die Flugscham23.07.2019

Klimawandel und VerkehrswendeGrünen-Papier gegen die Flugscham

Die Grünen nutzten die Sommerpause und machten Nägel mit Köpfen, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Ihr Verkehrspapier sei durchdacht. Mit der Einführung einer Kerosinsteuer würde die bisherige Praxis klimaschädlicher Subventionen endlich beendet werden.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Ein Flugzeug fliegt bei strahlendem Sonnenschein tief über einem Strand mit Reihen voller Liegen und Touristen. (imago/Eibner Europa)
Muss die klimaschädliche Flugreise wirklich sein? (imago/Eibner Europa)
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Sommerpause ausgerechnet im Sommer? Nicht für die Grünen. Nicht jetzt, wo alle auf Reisen gehen und heimlich – oder auch ganz ehrlich über ihre Flugscham nachdenken, also darüber, ob die klimaschädliche Flugreise wirklich sein muss. Dank der Fridays-for-Future-Bewegung hat sich unser Bewusstsein längst verändert – doch im Berliner Regierungsviertel bleiben die Grünen vorerst die einzige Partei, die diese Stimmung konkret aufgreift und eine aktivere Klimaschutz-Politik fordert.

FDP und Linke machen auch ein bisschen mit, die AfD hingegen stellt mit pseudowissenschaftlichen Thesen laufend ihre klimapolitische Inkompetenz unter Beweis.

Große Koalition sichtet und sucht noch

Und die Bundesregierung? Sortiert, sichtet, sucht nach Lösungen. Hier ein bisschen Klimakabinett, dort ein bisschen CO2-Preis, aber erst im September wollen Union und SPD endlich ein Gesamtpaket vorlegen. Die Kanzlerin lässt unterdessen den gesamten Bundestag zur Vereidigung der neuen Verteidigungsministerin morgen in Berlin einfliegen – klimapolitisch ist das ein GAU. Die Grünen hingegen nutzen die Sommerpause und machen Nägel mit Köpfen.

Ende Juni haben sie bereits ein Sofort-Programm zur CO2-Abgabe vorgestellt. Heute legte die Fraktion nach mit einem klug durchdachten Verkehrspapier: Darin schlagen fünf Parlamentarier vor, das Eisenbahn-Fahren endlich so attraktiv und bezahlbar zu machen, dass niemand mehr Lust hat auf einen Inlandsflug mit lästigen Sicherheitskontrollen, matschigen Bord-Brötchen und einem unverschämten CO2-Ausstoß. 

Wie eine Ölsardine ohne Öl

Konkret regen die Grünen an, die Mehrwertsteuer im Bahn-Fernverkehr zu senken, und im Gegenzug schrittweise eine Kerosinsteuer erst in Deutschland, später auch EU-weit einzuführen. Damit würde die bisherige Praxis klimaschädlicher Subventionen endlich beendet werden. Noch aber lässt sich der Staat jedes Jahr 50 Milliarden Euro durch die Lappen gehen. Geld, das die Deutsche Bahn dringend nötig hat.

Dass ausgerechnet heute neue Meldungen bekannt wurden über anscheinend jahrelang verschleppte Sanierungsmaßnahmen und erschreckend marode Eisenbahnbrücken, all das macht die Forderungen der Grünen noch aktueller und dringlicher.

Auch ihre weiteren Vorschläge – schnellere und häufigere Zug-Verbindungen, flächendeckendes WLAN, genügend Fahrrad-Abteile, funktionierende Klima- und Kaffeemaschinen an Bord, ein umfassendes Nachtzug-Angebot – all das wäre eine Freude. Und zwar für all jene, die schon mal bei 36 Grad in einem überfüllten, verspäteten, schließlich ganz liegengebliebenen Bahnabteil ohne Kaltgetränk gesteckt haben wie eine Ölsardine ohne Öl.

Chapeau, wer trotzdem einsteigt, tut sehr viel mehr für den Klimaschutz als im Flieger von Köln nach Berlin.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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