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StartseiteForschung aktuellBrandrodung um 70 Prozent reduziert12.06.2014

Klimaweltmeister BrasilienBrandrodung um 70 Prozent reduziert

Klimaforschung. - Brasilien hat die Brandrodung im Amazonasgebiet offenbar weitgehend unter Kontrolle gebracht. Einem Bericht in "Science" zufolge hat das Land die Abholzung um 70 Prozent reduziert. Damit habe es, so der Leitautor, ebenso viel CO2 eingespart wie die Europäische Union.

Von Volker Mrasek

(dpa/picture alliance)
Abholzungen haben im Amazonasgebiet drastisch abgenommen. (dpa/picture alliance)

Brasilien ist es gelungen, die Rodung von Regenwald drastisch zu reduzieren. Innerhalb von nur acht Jahren ging die Abholzung am Amazonas um 70 Prozent zurück. Die Fläche, die vor dem Kahlschlag bewahrt wurde, entspricht über 14 Millionen Fußballfeldern. Das nutzte auch dem Klimaschutz: Ein wichtiger Kohlenstoff-Speicher blieb erhalten - und der Atmosphäre viel CO2 erspart: mehr als drei Milliarden Tonnen. Das Treibhausgas wäre im Falle der Brandrodung freigesetzt worden. Diese Zahlen stehen alle in einer neue Studie aus der Feder von 17 Biologen, Forstwissenschaftlern und Ökonomen. Ihr Leitautor, Daniel Nepstad, ist Exekutivdirektor des Earth Innovation Institutes in San Francisco. Es ging vor drei Jahren aus einem Umweltforschungsinstitut am Amazonas hervor.

"Brasilien hat damit Emissionen in einem Ausmaß vermieden wie die gesamte Europäische Union. Jeder weiß, daß Brasilien im Fußball Weltspitze ist. Aber kaum jemand verbindet das Land bisher mit dem Umwelt-und Klimaschutz. Dabei ist Brasilien hier heute schon Weltmeister! Kein anderes Land hat so viele Wälder gerettet."

Gerodet wird der Regenwald von Soja-Bauern, die Ackerfläche beanspruchen. Und von Viehzüchtern, die Rinder halten. Obwohl die Abholzung am Amazonas so stark zurückging, konnte Brasilien seine Soja- und Fleisch-Produktion im selben Zeitraum dennoch kräftig steigern. Das klingt paradox. Es gibt aber eine Erklärung dafür:

"Die Rinderzucht in Brasilien war lange sehr unproduktiv. Auf ein Hektar Land kam nur ein Tier, und das lieferte noch nicht einmal viel Fleisch. Doch dann haben viele Betriebe neue Rassen eingeführt und die Rinder besser gemästet, durch Zufütterung und Nährstoff-Ergänzung. Dadurch war es möglich, viel mehr Fleisch auf immer weniger Land zu erzeugen. Und es wurden große Flächen für den Anbau von Sojabohnen frei. Technischer Fortschritt hat es Brasilien also ermöglicht, weniger Regenwald zu roden und dennoch mehr Nahrungsmittel zu produzieren."

Aber natürlich waren auch noch andere wichtige Faktoren im Spiel. Vor allem umwelt- und finanzpolitische. Verwaltungsbezirke mit den höchsten Abholzungsraten kamen auf eine Schwarze Liste; den Landwirten dort wurden keine Kredite mehr gewährt. Die Regierung erhöhte die Fläche der Schutzgebiete am Amazonas um fast 70 Prozent; dabei schuf sie gezielt Sperr-Riegel für die weitere Expansion der Landwirtschaft in den Regenwald. Starke Wirkung erzielten auch zwei Kampagnen der Umweltschutz-Organisation Greenpeace. Sie führten dazu, daß Soja und Rindfleisch aus frisch abgeholzten Flächen praktisch nicht mehr am Weltmarkt verkäuflich waren ...

"Im Jahr 2004 wurde auch damit begonnen, die Abholzung besser zu überwachen. Seither liefert der Erdbeobachtungssatellit MODIS alle paar Tage Bilder vom Amazonas-Gebiet. Vorher gab es sie nur alle paar Wochen. Dadurch ist es möglich geworden, gegen illegalen Kahlschlag vorzugehen, während er noch stattfindet."

Und dann sagt Daniel Nepstad, der schon 30 Jahre lang am Amazonas forscht, etwas sehr Bemerkenswertes:

"Brasilien könnte es sogar ziemlich schnell schaffen, die Abholzung ganz zu stoppen - ohne Ertragsverluste in der Landwirtschaft."

Dafür nötig seien mehr integrierte Produktionssysteme. Flächen, auf denen man erst Soja anbaut und dann Weidegras für Rinderherden aussät. Laut Nepstad geht das sogar zeitlich überlappend und könnte den Flächenverbrauch am Amazonas noch weiter reduzieren. Allerdings geht der Trend im Moment in eine andere Richtung. Waldrodungen in Brasilien nehmen wieder zu, im letzten Jahr um fast 30 Prozent. Die Nachfrage nach Rind und Soja ist gestiegen. Und nicht alle Abnehmer wollen wissen, ob Getreide oder Rindfleisch von frischen Abholzungsflächen stammen. Die Regierung macht derweil Rückzieher. Und hat sogar einigen Regenwaldgebieten den Schutzstatus wieder aberkannt. Im Fußball hofft Brasilien noch auf den Weltmeister-Titel. Beim Klimaschutz muss das Land aufpassen, daß es ihn nicht wieder verspielt.

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