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StartseiteWissenschaft im BrennpunktKnochen, Gene, Totempfähle31.05.2009

Knochen, Gene, Totempfähle

Wer waren die ersten Siedler in der Neuen Welt?

Sie kamen aus Sibirien. Sie folgten ihrem Jagdwild, den Mammuts und den Wollnashörnern, auf dem Weg nach Osten durch die grasige Steppe. Meile um Meile legten sie zurück auf dem schmalen Landstreifen, der damals Asien und Amerika miteinander verband. Und als die Eiszeit zu Ende ging, nahmen sie den neuen Kontinent in Besitz. Diese These stellen aber immer mehr Forscher in Frage. Denn etliche archäologische Befunde sind in jüngster Vergangenheit aufgetaucht, die nicht ins Muster passen. Kamen die Ur-Amerikaner vielleicht doch aus Japan, von der Pazifischen Inselwelt oder gar aus Europa?

Von Arndt Reuning

Der Ursprung der amerikanischen Ureinwohner ist noch umstritten. (AP Archiv)
Der Ursprung der amerikanischen Ureinwohner ist noch umstritten. (AP Archiv)
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Am Anfang war das Murmeltier. Und das Murmeltier grub ein Loch. Das Loch führte direkt in die Vergangenheit. Gelehrte Menschen kamen und machten das Loch weiter und tiefer, damit sie fern in ihre eigene Geschichte zurückblicken konnten. Ferner als sie es jemals für möglich gehalten hatten. Und dann viele, viele Jahre später strömten Menschen von überall her. Sie standen am Rande des Lochs und schauten hinab.

Ein kleines Grüppchen von gut zehn Personen hat sich um Eleanor Crowe herum versammelt, sie hat heute die Führungen am "Felsüberhang von Meadowcroft" übernommen. Mit dem Auto ist man hierhin von Pittsburgh aus gut eine halbe Stunde unterwegs. Hinter Avella wird die Straße immer enger und steiler, führt dann in ein kleines Tal, kreuzt auf dessen Sohle einen trägen Fluss. Genau dort klebt in ungefähr zehn Metern Höhe eine Hütte aus Holz an der Felswand. Sie schützt die prähistorische Stätte vor Steinschlag und der Witterung. Und bietet den Touristen eine komfortable Plattform.

"Okay, if you walk up a few more steps…"

In den 70er Jahren hatte der Archäologe James Adovasio begonnen, an dieser Stelle nach Spuren einer indianischen Besiedlung zu suchen. Ein Murmeltier hatte dort einige Feuerstein-Bruchstücke aus dem Boden gewühlt. Feuerstein kommt in dieser Gegend nicht vor, war aber das bevorzugte Material für die Messer, Speer- und Pfeilspitzen der amerikanischen Ureinwohner. Adovasio und seine Mitarbeiter gruben sich unterhalb der Felswand immer tiefer in die Erde hinein und fanden Steinwerkzeuge, Reste von Pflanzen wie zum Beispiel Mais und Nüssen sowie Tierknochen und Muschelschalen. Ihre Entdeckungen markierten sie mit weißen Plastikchips, die heute noch immer an der Erdwand ihrer Grube haften. Eleanor Crowe:

"Diese unterschiedlichen Markierungen stehen für verschiedene archäologische Schichten. Wir haben hier elf wesentliche Zeithorizonte und viele Hunderte Zwischenschichten. Manche der Chips markieren besondere Funde, eine Feuerstelle beispielsweise oder den Bau eines Nagetiers. Aber die meisten kennzeichnen die Zeithorizonte der Ausgrabung."

Eine kontinuierliche Reihe von Plastikchips. Offenbar hatten zu nahezu allen Zeiten Menschen unterhalb des Felsvorsprungs gelebt. Die Frage war: Würden die Schichten so tief hinab reichen, dass die Experten darin auf Überreste der geheimnisvollen Clovis-Menschen stoßen würden? Diese eiszeitlichen Jäger hatten überall in Nordamerika ihre Spuren hinterlassen, vor allem Steinwerkzeuge. Die ältesten davon waren ungefähr 13.500 Jahre alt. Und nach gerade einmal 600 Jahren war die kurze Blütezeit der Clovis-Kultur schon wieder zu Ende gegangen. Jahrzehntelang hatte es als sicher gegolten, dass die Clovis-Menschen die ersten Vertreter der Gattung Homo sapiens waren, die je ihren Fuß auf amerikanisches Festland gesetzt hatten. Doch die Ausgrabungen in Meadowcroft sollten dieses Dogma erschüttern. Crowe:

"Bis zu dieser Ausgrabung hatte Dr. Adovasio selbst geglaubt, dass es vor der Clovis-Kultur hier keine anderen Menschen gegeben habe. Aber als die Archäologen die Ausgrabung erst einmal begonnen hatten, stießen sie irgendwann auch auf Fundstücke, die älter als die Clovis-Kultur waren. Also gruben sie einfach weiter – bis es nicht mehr tiefer ging, bis sie auf den Untergrund stießen, auf festen Fels. Und dort haben sie dann Siedlungsspuren gefunden, die mindestens 16.000 Jahre alt waren."

Haben also schon Jahrtausende vor der Clovis-Kultur Menschen im Osten Amerikas gelebt? Und woher kamen sie? Fragen, die nicht nur eine Handvoll Wissenschaftler interessieren. Vielleicht können die Antworten erklären, wie die bunte Vielfalt der amerikanischen Völker entstanden ist. Von den Indianern an der kanadischen Westküste, ihren Plankenhäusern und Wappenpfählen über die nomadischen Tipi-Bewohner, die Mississippi-Kultur mit ihren befestigten Städten bis zum Inkareich und den Gemeinschaften der Sammler und Jäger in Feuerland. Gehen sie alle auf eine einzige Gruppe von Einwanderern zurück, oder wurde Amerika in verschiedenen Wellen besiedelt? Der Felsüberhang von Meadowcroft jedenfalls war eine der ersten archäologischen Fundstätten, die nicht ins Bild passten, das sich die Wissenschaftler von der Erstbesiedlung der Neuen Welt gemacht hatten, sagt Ted Goebel vom "Center for the Study of the First Americans" an der Texas A&M University. Das Umdenken kam aber erst später.

"Obwohl wir etliche archäologische Fundstellen aus der Zeit vor Clovis vorweisen können, wurden sie bis vor ungefähr zehn Jahren nicht wirklich von allen Archäologen akzeptiert. Möglicherweise war die Datierung nicht besonders überzeugend oder die gefundenen Werkzeuge konnten nicht eindeutig dem datierten Material zugeordnet werden. Es gab also immer eine bedeutende Kontroverse um diese Vor-Clovis-Archäologie. Aber in den vergangenen Jahren sind einige neue Stätten entdeckt worden, die sehr überzeugende Beweise liefern und zum großen Teil von nahezu allen Archäologen in Nord- und Südamerika akzeptiert werden."

Lange Zeit galt das Clovis-Szenario als gesichert. Demnach stammen die ersten Siedler in Amerika aus dem heutigen Sibirien. Weil während der letzten Eiszeit der Meeresspiegel deutlich niedriger lag als heutzutage, konnten die Menschen aus Nordostasien trockenen Fußes weit nach Osten vordringen. Sie folgten ihrem Jagdwild, den Mammuts und den Wollnashörnern, auf dem Weg durch die grasige Steppe. Meile um Meile legten sie zurück auf dem schmalen Landstreifen, der damals Asien und Amerika miteinander verband, von den Archäologen auf den Namen "Beringia" getauft. Auf dem amerikanischen Kontinent trafen sie allerdings auf ein unüberwindliches Hindernis: Weite Teile des heutigen Kanada und der nördlichen USA lag unter einer dicken Gletscherschicht. Erst als die Kälteperiode zu Ende ging, öffnete sich ein eisfreier Korridor, durch den die Pioniere im Landesinneren nach Süden ziehen konnten. Diese Passage öffnete sich ungefähr zu der Zeit, aus der die ältesten Clovis-Funde stammen. Die erste Generation der Amerikaner nimmt den menschenleeren Kontinent innerhalb weniger Jahrhunderte in Besitz – von der Westküste bis an den Atlantik und im Süden bis zum heutigen Panama. Gary Haynes von der University of Nevada in Reno, einer der Experten für die Clovis-Kultur:

"Wir wissen, dass sie zu Beginn nur an wenigen Orten länger geblieben sind. Es war vermutlich ein relativ kleines Grüppchen, eine Gründergeneration von vielleicht wenigen Tausend Menschen, wenn die Genetiker mit ihren Abschätzungen recht haben. Und wir wissen, dass sie dann damit begonnen haben, sich an bestimmten Orten niederzulassen. An anderen Orten lebten sie hingegen als nomadische Jäger und Sammler. Und es scheint nicht so, als wären sie nach dem ersten Besuch jemals wieder dorthin zurück gekehrt."

Was alle Menschen der Clovis-Kultur miteinander verband, war ihre typische Technologie: charakteristisch geformte Speerspitzen aus Feuerstein, von beiden Seiten behauen, der Rand meist messerscharf ausgearbeitet. Diese Jagdwaffen sind sozusagen die Visitenkarte der Clovis-Menschen. Der erste Fundort dieser Spitzen war das Städtchen Clovis in New Mexico, daher der Name. Menschliche Skelette oder auch nur einzelne Knochen bergen die Archäologen ausgesprochen selten aus dem Boden. Und das macht die Datierung schwierig. Denn Werkzeug der Wahl für die Altersbestimmung ist die Radiokarbondatierung. Diese Methode funktioniert allerdings nur bei Materialien, die Kohlenstoff enthalten und einmal zu einem lebenden Organismus gehört haben – nicht aber bei Steinwerkzeugen. Die Archäologen sind deshalb immer auf organisches Material angewiesen, das zusammen mit den Objekten aus Menschenhand gefunden wird: Knochen, Pflanzenfasern oder Holzkohle. Aber auch dann ist noch immer Vorsicht geboten, sagt Gary Haynes.

"Es geht nicht nur darum, einen Brocken organischen Materials aus dem Boden zu holen und zu datieren. Die Fundstelle selbst muss den ursprünglichen Zusammenhang bewahrt haben. Es darf nicht sein, dass ein Stückchen Holzkohle, das nur ein paar 1000 Jahre alt ist, irgendwie seinen Weg nach unten gefunden hat zu einer Clovis-Speerspitze. Und würden wir in einer perfekten Welt leben, dann würden wir natürlich menschliche Skelette finden, die zweifelsfrei zu datieren sind. Aber Tatsache ist: Wir haben nicht ein einziges menschliches Skelett gefunden, das älter ist als Clovis."

Und daher kommt der Experte aus Reno zu dem Schluss:

"It seems like the best, the simplest model is still ,Clovis First‘.”"

Das beste und einfachste Modell sei immer noch das von den Clovis-Menschen als erste Generation in Amerika. Damit vertritt Gary Haynes aber mittlerweile eine Minderheitenmeinung. Gerade die Fundstelle unterhalb des Felsüberhangs von Meadowcroft erfüllt das Kriterium von einer ungestörten Abfolge der Schichten: Die jüngsten Funde oben, die ältesten unten, wie die Seiten in einem Buch. Deshalb wird sie immer wieder als Beleg für eine Besiedlung des Kontinents vor der Clovis-Kultur angeführt. Aber wie konnten die ersten Menschen in Amerika jene riesige Gletscherlandschaft im Inneren des Kontinents überwinden, als sich der eisfreie Korridor noch nicht geöffnet hatte? Darüber kann eine andere Fundstelle wahrscheinlich besser Auskunft geben. Die Spur führt zunächst einmal nach Tennessee, in die "Music City USA".

Am Ostende des Broadway in Nashville: Country-Kneipe an Country-Kneipe. An jeder zweiten Ecke ein lebensgroßer Plastik-Elvis. Straßenmusiker und Türsteher, Neonreklame und Touristengrüppchen. Von der Kommerzmeile aus zieht sich der Broadway hügelaufwärts, vorbei an der burgähnlichen Union Station, quer durch die eher schäbigen Viertel westlich der Innenstadt. Schließlich endet er am historischen Campus der Vanderbilt University.

Hier beginnt eine andere Welt: Das Gelände ist angelegt wie ein botanischer Garten. Verschlungene Wege unter riesigen Magnolien-Bäumen. Die Garland Hall ist ein Gebäude aus braunem Backstein mit einem neugotischen Portal. Hier arbeitet der Anthropologe Tom Dillehay. Im Archivraum beugt er sich über ein paar Probengläschen, auf deren Grund jeweils ein paar winzige, schwarze Körner liegen.

""Here’s a few things around here that we’re still studying – for instance ehm…"

"Hier in den Gläschen habe ich ein paar gut erhaltene Samen. Die sind essbar und stammen von einem Sauergras, das in Brackwasser-Flussmündungen ein Stück hinter der Küste wächst."

Entdeckt hat Dillehay die Pflanzenreste in Chile, bei einer archäologischen Fundstelle in der Nähe der Pazifikküste: Monte Verde.

"In Monte Verde habe ich seit dem Jahr 1977 gearbeitet. Damals habe ich in Chile gelebt und unterrichtet. Einer meiner Studenten berichtete mir, dass jemand einen großen Zahn einer Kuh gefunden habe. Ich habe ihn mir angesehen und gesagt: Der stammt nicht von einer Kuh. Das ist der Backenzahn eines Mastodons, eines Urelefanten. Wir haben uns die Fundstelle dann näher angeschaut und Steinwerkzeuge gefunden, und wahrscheinlich auch bearbeitetes Holz."

Die Datierung ergab, dass diese Stücke über 1000 Jahre älter waren als die Clovis-Kultur in Nordamerika. Und im Laufe der mehrjährigen Ausgrabungen kamen immer mehr Funde ans Licht. Zwar auch hier keine menschlichen Knochen, aber dafür Reste von vermutlich einer Medizinhütte und einem langen Zelt. Außerdem Feuerstellen, Tierhäute, und Pflanzenreste. Alles hervorragend in dem Torfboden konserviert. Und die Datierungen wiesen darauf hin: Hier etwas nördlich von Feuerland hatten bereits Menschen gelebt, als die Clovis-Kultur in Nordamerika noch nicht erblüht war. Wie konnten sie so schnell den Weg von der Berinigia-Landbrücke ganz im Norden bis ins heutige Chile zurück gelegt haben? Und das zu einer Zeit, als große Teile des nordamerikanischen Kontinents unter einer dicken Gletscherschicht begraben waren, einer wahrscheinlich unbezwingbaren Barriere. Tom Dillehay glaubt, dass die in der Siedlung gefundenen Pflanzenarten einen Hinweis liefern können: Einige stammen aus dem bergigen Inland, andere kommen von der Küste: Salzgräser, Meeresalgen, Tang. Manche davon essbar, manche Heilpflanzen.

"Wir meinen, dass die Erzeugnisse von der Küste in Monte Verde in der Überzahl sind. Für uns ist das ein Hinweis, dass die Bewohner von Monte Verde wahrscheinlich schon immer eine enge Beziehung zur Küste gehabt haben, eine lange Beziehung. Denn um diese verschiedenen Pflanzenarten sammeln zu können, muss man sich schon sehr gut mit dem Ökosystem auskennen und wissen, zu welcher Jahreszeit sie verfügbar sind. Das könnte also bedeuten, dass die Menschen von Monte Verde ursprünglich einmal an der Küste entlang dort hin gelangt sind. Und dann sind sie einem großen Flusslauf ein Stück ins Landesinnere gefolgt, haben dort an seinen Ufern ihr Lager aufgeschlagen. Von dort konnten sie sich gut entlang des Flusses hinauf und hinab bewegen – und auch zurück an die Küste."

Eine Route entlang der Küste hätte den ersten Amerikanern schon frühzeitig eine verhältnismäßig bequeme und schnelle Reisemöglichkeit eröffnet. Das Meer hätte sie mit Fischen, Schalentieren und essbarem Tang versorgt. Im Norden hätten sie Eis schmelzen können, um Trinkwasser zu gewinnen. Im Süden hätten sie entlang der Flüsse tiefer ins Inland vordringen müssen. Voraussetzung dafür ist, dass die Pioniere über Kanus, Einbäume oder Flöße verfügten. Allerdings wurden bisher keine Überreste von solchen Booten gefunden. Überhaupt sind die Fundstätten an der Pazifikküste eher rar. Dillehay:

"Das ist ein Problem. Denn als die Eisschilde schmolzen, stieg der Meeresspiegel um ungefähr 100 Meter. Alle diese älteren Siedlungen in den meisten Regionen lägen heute unter Wasser."

Eine Reiseroute entlang der Küste hat zum Beispiel auch Jon Erlandson von der University of Oregon in Eugene vorgeschlagen. Seinem Szenario zufolge sind Menschen aus dem Landstrich um das heutige Japan über die Küste von Sibirien und Alaska in die Neue Welt gerudert. Wobei sie immer den ausgedehnten Kelpwäldern aus Seetang folgten, die sie mit Nahrung versorgten. Andere Experten halten es nicht für ausgeschlossen, dass Stämme aus der polynesischen Inselwelt sehr früh ihren Weg nach Südamerika gefunden haben. Die Menschen, die von den Archäologen mit dem Etikett "Clovis" versehen worden sind, wären dann nichts anderes als späte Nachzügler, die entlang des eisfreien Korridors zum Herzen des Kontinents vorgedrungen sind. Die Frage ist: Sind sie dort auf unbesiedeltes Land gestoßen oder auf andere Menschen, die von der Küste aus ins Landesinnere weitergewandert waren? Eventuell sogar vom Atlantik aus, wie es ein anderes Szenario vorschlägt.

Das Smithsonian Naturkundemuseum in Washington DC. Die Eingangshalle an der Constitution Avenue. Goldfarbene Fahrstuhltüren und drei gewaltige Totempfähle im Treppenhaus. Zehn Uhr morgens, das Museum hat gerade geöffnet, und der Archäologe Dennis Stanford ist auf dem Weg zu seinem Büro. Ein stämmiger Kerl mit Vollbart, über dessen Holzfällerhemd sich stramm ein Paar rote Hosenträger spannen. Er lässt den Eingangsbereich hinter sich und betritt jenen Teil des Gebäudes, zu dem die Touristen keinen Zutritt haben: Die Eingeweide des Museums - enge, gewundene Treppenhäuser und fensterlose Flure, in denen es nach Mottenpulver riecht. Und dann: ein hoher Gang, ein Canyon, an dessen Wänden sich Archivschubladen bis unter die Decke erheben.

In den meisten dieser Schubladen lagern Steinwerkzeuge aus der Clovis-Kultur. Speerspitzen mit der charakteristischen tropfenförmigen Form. Dennis Stanford hat es sich zur Aufgabe gemacht, die geographische Herkunft dieser primitiven Technologie zu erforschen.

"Zu Beginn meiner Karriere habe ich nach den Vorläufern der Clovis-Technologie gesucht. Ich habe einige Jahre in Alaska verbracht und schließlich auch in Sibirien. Da wurde mir klar, dass es Clovis-Werkzeuge dort einfach nicht gibt."

Die Steinwerkzeuge aus dem hohen Norden ähneln eher einer Rasierklinge: eine dünne, scharfe Schneide aus Feuerstein steckt seitlich in einem Stück Knochen oder Horn.

"Die Technik in Sibirien unterschied sich deutlich von den Clovis-Spitzen. Aber ich konnte auch nachvollziehen, wie sich die Produktionsmethode allmählich verändert hatte, ausgehend von Sibirien bis nach Alaska. Also sind Menschen dort entlang gezogen und haben dann allerdings erst gegen Ende der Eiszeit durch einen eisfreien Korridor das nächste Wegstück zurück gelegt. Und die meisten wenn nicht sogar alle amerikanischen Ureinwohner sind mit diesen Menschen verwandt. Aber offenbar lebten hier schon Menschen, als sie ankamen."

Was den Archäologen so sicher macht: Er hat an der Atlantikküste der USA Steinwerkzeuge gefunden, die zwar an die Clovis-Spitzen erinnern, aber offenbar deutlich älter sind. Funde vom Susquehanna River im Bundesstaat Maryland wurden beispielsweise auf ein Alter von 21.000 Jahren datiert. Und die Machart dieser Steinwerkzeuge erinnert an eine ganz andere Technologie.

"An dieser Fundstelle haben wir acht Gegenstände entdeckt, darunter zwei Faustkeile, die sehr große Ähnlichkeit aufweisen zu solchen aus Nordspanien. Außerdem noch einige andere Werkzeuge, die niemandem ein Stirnrunzeln entlocken würden, wären sie an der spanischen Küste gefunden worden."

Menschen der sogenannten Solutréen-Kultur aus Europa könnten mit Zwischenstation in Grönland und Neufundland den Weg entlang des arktischen Eises genommen haben, glaubt Dennis Stanford. Denn Steinspitzen zum Beispiel aus Portugal, Spanien und Südfrankreich ähneln den Clovis-Projektilen. Vielleicht sind die Eiszeitjäger den Robben in Richtung Norden gefolgt, und an der amerikanischen Ostküste wieder in Richtung Süden. Dort entwickelten sich aus den europäischen Steinwaffen nur durch eine leichte Abwandlung die Clovis-Speerspitzen. Eine abrupte Klimaänderung könnte die Menschen dann ins Landesinnere getrieben haben. Stanford:

"Das ist ein wichtiges Ereignis gewesen, aber nachfolgende Wanderbewegungen haben es überdeckt. Nach dem Ende der Eiszeit findet ein erneuter Kälteeinbruch statt, die sogenannte Jüngere Dryas, überall auf der Nordhalbkugel. Und ich denke, sehr viele Menschen aus Asien sind zu dieser Zeit nach Amerika eingewandert und weiter nach Süden gezogen."

Entweder am Pazifik entlang oder durch den eisfreien Korridor im Binnenland. Irgendwo könnten dann Menschen europäischen und asiatischen Ursprungs aufeinander getroffen sein, Technologietransfer inklusive. Diese Solutréen-Hypothese wird allerdings von vielen Experten noch misstrauisch beäugt. Denn sie stützt sich vor allem auf die Analyse der Steinwerkzeuge. Sollten aber Europäer vor 20.000 Jahren nach Amerika gelangt sein, sollten sie dort auch genetische Spuren hinterlassen haben.

Die University of Illinois in Urbana-Champaign. Die Davenport Hall, Sitz der Anthropologischen Fakultät. Sechs Messingleuchter erhellen das hölzerne Treppenhaus mit seinen wappenverzierten Balken. Am Ende des Gangs im ersten Stock sitzt Ripan Malhi in seinem spartanisch eingerichteten Büro. Er vertritt eine noch relativ junge Wissenschaft.

"Mein Haupt-Forschungsgebiet ist die Molekulare Anthropologie, bei der wir uns bestimmte genetische Muster von Bevölkerungsgruppen ansehen. Und daraus schließen wir auf die Geschichte dieser Menschen oder bestimmte Ereignisse in ihrer Vergangenheit."

Jeder Mensch ist ein Archiv der Menschheit. In seinen Erbanlagen spiegelt sich die Geschichte seiner Vorfahren. Mit Hilfe von umfassenden Genanalysen können Experten wie Ripan Malhi nachvollziehen, wann und auf welchen Wegen sich die Menschheit über die Erde ausgebreitet hat. Die Untersuchungen sind umso aussagekräftiger, je mehr Individuen eine Speichelprobe abliefern. Dafür arbeitet der Forscher aus Illinois eng mit indigenen Völkern vor allem in Nord-Amerika zusammen, greift aber auch auf Gendaten anderer Ethnien von Sibirien bis Feuerland zurück. Nicht immer eine leichte Aufgabe.

"Die indigenen Gemeinschaften haben verschiedene Ansichten über diese Art der Genforschung. Manche stehen ihr ablehnend gegenüber, andere sehr aufgeschlossen. Denn sie wollen aus den Daten etwas über ihre Geschichte erfahren. Ich selbst habe zwei verschiedene Erfahrungen gesammelt: Sehr positive im kanadischen British Columbia, wo die Menschen zu einer Zusammenarbeit bereit waren. Daher besuchen wir diese Gemeinschaften auch jedes Jahr, präsentieren unsere Ergebnisse und beraten uns mit ihnen über gemeinsame zukünftige Projekte. Zuvor hatte ich Kontakt zu Gemeinschaften in Kalifornien. Dort betrachtete man sehr viel skeptischer, wozu wir diese Daten benutzen und was mit ihnen passiert."

Aber auch die klassischen Anthropologen und Archäologen standen den neuen genetischen Untersuchungen zunächst kritisch gegenüber. Die Datierungen, die sich aus der Analyse der Erbsubstanz herleiten ließen, lagen oft deutlich zu weit in der Vergangenheit. Und die Ergebnisse der unterschiedlichen Forschungsgruppen schienen sich zunächst zu widersprechen. Das hat sich mittlerweile geändert, tendenziell sind sich die Experten einig. Malhi:

"Das sind unsere Hauptergebnisse: Trotz der großen kulturellen und sprachlichen Vielfalt der amerikanischen Indianer kommen sie alle aus ein und derselben Ursprungsgruppe – aus Beringia, zwischen Nordostasien und Alaska. Sie sind vor ungefähr 20.000 Jahren eingewandert und haben den Kontinent bevölkert. Also deutlich vor 15.000 Jahren. Das heißt, der eisfreie Korridor im heutigen Kanada war noch nicht offen. Sie müssen also die Küste hinab gezogen sein."

Was auf alle Fälle dem Modell von einer Erstbesiedlung durch die Clovis-Menschen widerspricht, zumindest was den Zeitpunkt der Wanderung angeht. Mit den Spuren, die Tom Dillehay in Monte Verde gefunden hat, lässt es sich gut vereinbaren. Aber wie steht es mit genetischen Überresten einer potentiellen Einwanderungswelle aus Europa? Theodore Schurr, Molekularanthropologe an der University of Pennsylvania in Philadelphia.

"Die Vorstellung, dass vorzeitliche Menschen aus Europa ihren Weg nach Amerika gefunden haben, die sogenannte Solutréen-Clovis-Connection, hat keine genetische Basis. Wir können nicht erkennen, dass Erblinien, die zu jener Zeit in Europa häufig aufgetreten sind, eine bestimmende Rolle in Nord- und Südamerika spielen. Das müsste doch ein wichtiges Gründungsereignis gewesen sein. Es ist nicht zu verstehen, warum wir nicht irgendwelche Spuren davon im Erbgut finden."

Sollten also tatsächlich Menschen aus Europa oder Polynesien vor den Nordasiaten in Amerika angekommen sein, sind sie wahrscheinlich schnell wieder untergegangen. Vielleicht waren sie die ersten, aber sie haben offenbar bei der Besiedelung des Kontinents keine tragende Rolle gespielt. Eine Aussage, auf die sich wohl die meisten Genetiker und Archäologen einigen können. Schurr:

"In den vergangenen zehn Jahren haben wir gesehen, dass die Ergebnisse aus verschiedenen Arbeitsgebieten der Anthropologie hinsichtlich dieser Frage immer stärker übereinstimmen. Anders als noch vor einigen Jahrzehnten. Das ist für uns das Spannende: Dass alle unterschiedlichen Informationen nun langsam gemeinsam einen Sinn ergeben. Und es nicht nur so, dass die Archäologen sagen, die Erstbesiedlung ist 13.000 Jahre her, und die Genetiker sagen, 20.000, und die Linguistiker sagen, 15.000. Aber langsam merken wir, wie die verschiedenen Blickwinkel sich vereinigen. Auch wenn es noch einige Fälle gibt, wo wir noch kein wirklich schlüssiges Bild haben, sind sich die Disziplinen doch sehr viel näher gekommen."

Archäologie und Molekulargenetik – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. So sieht es auch Ted Goebel vom "Center for the Study of the First Americans".

"Für mich sind diese genetischen Studien zur Zeit das Spannendste überhaupt. Viel fesselnder als all die neuen archäologischen Entdeckungen. Die Genetiker geben uns Theorien an die Hand, mit denen wir die Archäologie überprüfen können. Und sie sagen uns: ‚OK, Archäologe, hier hast Du eine Theorie, wie die Neue Welt besiedelt worden ist. Jetzt gehe raus vor Ort und sieh nach, ob Du Beweise findest, die die Theorie stützen oder sie widerlegen.‘ Meiner Meinung nach wird das innerhalb des nächsten Jahrzehnts unserer Hauptaufgabe sein."

Da wunderte sich das Murmeltier doch sehr, worüber die Menschen sich so den Kopf zerbrachen. Und hätte es damals geahnt, was es mit seiner Wühlerei alles einmal anrichten sollte, dann hätte es seinen Bau doch lieber woanders gegraben.

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