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StartseiteKalenderblatt"Er hüpfte von einem Tier und einem Thema zum nächsten"24.09.2015

Knut Schmidt-Nielsen"Er hüpfte von einem Tier und einem Thema zum nächsten"

Knut Schmidt-Nielsen war einer der größten Tierphysiologen des 20. Jahrhunderts. Trotzdem ist sein Name vielen kaum noch geläufig. Seine Forschungsergebnisse sind längst Allgemeingut geworden. Vor allem das Kamel lag dem US-Norweger am Herzen. Vor 100 Jahren wurde Schmidt-Nielsen geboren.

Von Irene Meichsner

A photo made available on 18 March 2012, shows camels barely visible during a sand storm in Kuwait City, Kuwait, 17 March 2012. According to the Kuwaiti Directorate General for Civil Aviation (DGCA), Kuwait's airports operated normally on 17 March despite the low visibility caused by the sandstorm. (picture alliance / dpa / Read Qutena)
Knut Schmidt-Nielsen hat die Anpassungsfähigkeit von Kamelen in der Wüste erforscht (picture alliance / dpa / Read Qutena)

Knut Schmidt-Nielsen:
"Die Fragen, die ich in meinem Leben zu beantworten versucht habe, waren immer ganz unkompliziert, wenn nicht sogar simpel: Trinken Seevögel Meerwasser? Wie schaffen es Kamele in heißen Wüsten tagelang, ohne Trinkwasser auszukommen - wo Menschen schon nach einem Tag verdursten würden? Wie können Känguru-Ratten in der Wüste leben, ohne überhaupt irgendetwas zu trinken? Wie finden Schnecken selbst in den ödesten Wüstenregionen noch Wasser und Futter?"

Knut Schmidt-Nielsen, einer der bedeutendsten Tierphysiologen des 20. Jahrhunderts, litt an einer "unheilbaren Neugierde". So jedenfalls steht es in seiner Autobiografie, die er 1998 unter dem Titel "Die Nase des Kamels" veröffentlichte - eine Anspielung auf dasjenige Tier, mit dem er sich am längsten und intensivsten beschäftigte. Am
24. September 1915 wurde Schmidt-Nielsen im norwegischen Trondheim geboren, in Kopenhagen studierte er Zoologie. Anders als sein Lehrer, der dänische Medizinnobelpreisträger und Pionier der vergleichenden Tierphysiologie August Krogh, wollte er Tiere nicht nur im Labor, sondern auch in ihrer natürlichen Umgebung untersuchen.

Kamele im Fokus seiner Arbeit

Knut Schmidt-Nielsen
"Ich stellte fest, dass man über die Physiologie von Kamelen, die berühmtesten aller Wüstentiere, praktisch überhaupt noch nichts wusste."

Schmidt-Nielsen ging in die USA, wurde 1952 Professor an der Duke University in Durham in North Carolina und amerikanischer Staatsbürger – und zog wenig später mit seiner Familie für ein Jahr in die Sahara, um dort den Wasserhaushalt von Kamelen zu erforschen. Dafür musste er die Tiere, die er Nomaden abkaufte, allerdings erst zähmen, unter anderem, um sie regelmäßig wiegen zu können.

Knut Schmidt-Nielsen
"Stellen Sie sich vor, wie ein Pferd reagieren würde, wenn es in einer Schlinge aus Leinwand hochgezogen würde, während seine Beine frei über dem Boden baumeln. Aber Kamele sind im Prinzip ruhig und freundlich, und mit etwas Geduld und der einen oder anderen Dattel gelang es mir, die Tiere zu dem Flaschenzug zu führen, ihnen die Schlinge umzubinden und sie langsam hochzuziehen."

Beim Wiegen stellte Schmidt-Nielsen fest, dass Kamele im Vergleich zu anderen Säugetieren doppelt so viel Körperflüssigkeit verlieren – und Unmengen von Wasser saufen können, um die Flüssigkeitsbilanz wieder ins Lot zu bringen.

Knut Schmidt-Nielsen
"Einige unserer Kamele tranken innerhalb von Minuten mehr als ein Drittel ihres Körpergewichts."

Die Körpertemperatur steigt in der glühenden Hitze bis auf 41 Grad Celsius. Beim Ausatmen durch die Nase kühlen Kamele die Luft an der Nasenschleimhaut ab, sodass die darin enthaltene Feuchtigkeit kondensiert und dem Körper erhalten bleibt. Einen ähnlichen Mechanismus hatte Schmidt-Nielsen zuvor schon bei Känguru-Ratten in der Wüste von Arizona entdeckt, derer er mit Hilfe von Lebendfallen habhaft geworden war.

Knut Schmidt-Nielsen
"Känguru-Ratten sind die liebenswürdigsten wilden Tiere, denen ich je begegnet bin. Ich konnte sie mit meinen bloßen Händen aus den Fallen holen und wurde nie gebissen. Hielt ich ein Tier einen Moment lang vorsichtig fest, beruhigte es sich und saß still auf meiner Hand."

Henry Prange:
"Er hat diese bemerkenswerte Fähigkeit, Tiere anzuschauen und intuitiv zu erfassen, wie sie funktionieren."

Lobte einer seiner vielen Schüler, der amerikanische Biologe Henry Prange, den ehemaligen Lehrer. Bei Seevögeln entdeckte Schmidt-Nielsen in den 1950er-Jahren kleine Drüsen neben dem Auge, die überschüssiges Salz aus dem Meerwasser entfernen.

Aus der Zeitschrift "Science":
"In den folgenden Jahrzehnten hüpfte er von einem Tier und einem Thema zum nächsten, wobei er immer wieder Entdeckungen machte, die physiologische Rätsel lösten und neue Forschungen in Gang setzten",

Schrieb das US-Magazin "Science", als Schmidt-Nielsen 1992 in Tokio der renommierte "Internationale Preis für Biologie" verliehen wurde. In seinen Büchern beschäftigte sich der Forscher mit den unterschiedlichsten Facetten der Physiologie von Tieren. Viele Erkenntnisse, mit denen Schmidt-Nielsen einst Aufsehen erregte, gehören inzwischen längst zum Allgemeingut.

Ewald Rudolf Weibel:
"Ein Gigant der Biologie hat diese Welt verlassen",

Schrieb der Schweizer Physiologe Ewald Rudolf Weibel in einem Nachruf, als Schmidt-Nielsen am 25. Januar 2007 in Durham starb. Schon in den 1990er Jahren hatte man ihm auf dem Gelände der Duke University mit einer lebensgroßen Bronzeskulptur ein Denkmal gesetzt. Sie zeigt einen nachdenklichen Wissenschaftler - und ihm gegenüber ein Kamel.

 

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