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StartseiteKultur heute"Keine Kommunikation, keine Verantwortung"03.03.2019

Kölner Stadtarchiv "Keine Kommunikation, keine Verantwortung"

Köln leide an einer Krankheit der abgekapselten Zuständigkeiten, sagte der Architekt Peter Busmann im Dlf. Bis jetzt gäbe es keine Pläne, einen Ort des Gedenkens zu gestalten, unter Historikern sei das Archiv mittlerweile abgeschrieben.

Peter Busmann im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Baustelle des neuen Stadtarchiv Köln, Einsturz des Kölner Stadtarchiv,Waidmarkt, Stadtbahnbau, Köln, Rheinland, Nordrhein-Westfalen, Deutschland  (imago)
Einsturzstelle des Stadtarchivs am Kölner Waidmarkt (imago)
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Anja Reinhardt:Vor zehn Jahren, am 3. März 2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv in eine Baugrube, zwei Menschen starben, rund 30 Regalkilometer an Dokumenten, Manuskripten, Fotos und mehr wurde von Bauschutt und Wasser bedeckt, darunter die Nachlässe von Heinrich Böll, Irmgard Keun oder Jacques Offenbach.

Das Archiv gehörte bis zu seinem Einsturz zu den größten in Nordeuropa. Was unwiederbringlich verloren ist, das lässt sich auch heute gar nicht abschätzen, es wird dreißig bis fünfzig Jahre dauern, bis alle Archivalien wiederhergestellt sind, wenn das überhaupt machbar ist. In einem ersten Prozess wurde "menschliches Versagen" als Einsturzursache festgestellt, es gab drei Freisprüche und eine Bewährungsstrafe. Ein Zivilverfahren steht noch an, bei dem es um eine Schadenssumme von über 1,3 Milliarden Euro geht. Viele der Geschädigten beklagen die schlechte Kommunikation und auch die mangelnde Information seitens der Stadt Köln.

Zu denen, deren Archivalien verloren gegangen sind, gehört auch der Kölner Architekt Peter Busmann, der unter anderem die Philharmonie, das Ludwig Museum oder das DuMont Haus mitgebaut hat. Was ist schief gelaufen, wenn es um den Einsturz des Stadtarchivs geht?

Peter Busmann: Ja, das würde ich mal so ausdrücken: Wir haben vor vierzig Jahren dieses große Projekt am Dom gebaut, mit über 200 Millionen, 250 Millionen. Und ich würde sagen, alles was damals gut gelaufen ist, an Kommunikation in der Stadt selbst – zwischen den einzelnen Abteilungen und natürlich auch mit uns Architekten - das läuft jetzt alles nicht mehr so gut. Das kann man so umfassend mal sagen.

Reinhardt: Aber welche Gründe gibt es dafür? Wo sehen Sie die?

Busmann: Das ist die Krankheit der abgekapselten Zuständigkeiten in der Stadt. Die Kommunikation innerhalb der Stadt und natürlich auch mit den Außenstehenden - mit uns Planern - die funktioniert einfach nicht mehr so wie es mal gewesen ist. Es wurde sehr treffend formuliert nach dem Archiveinsturz, und von der "organisierten Verantwortungslosigkeit" gesprochen. Es gibt sehr viele Zuständigkeiten, aber keine Verantwortung.

Es gab Zeichen, die auf das Unglück hindeuteten

Reinhardt: Das heißt, Sie führen letztendlich den Einsturz auf mangelnde Kommunikation der verantwortlichen Stellen untereinander zurück?

Busmann: Ja, ich sage nur mal als Beispiel: Einige Zeit vor dem Einsturz waren schon Risse zu erkennen in dem Gebäude. Da hat man auch Laut gegeben, hat gesagt, das muss man untersuchen und so weiter. Dann ist das untersucht worden, aber es wurde beruhigt, es kommt bei jedem Bau oder Baustelle vor und so weiter. Und es wurde immer schlimmer, so dass die Aktenwagen in dem Haus schon von selbst liefen, weil der Fußboden schon schief war. Das waren doch alles Warnungen und die wurden einfach nicht richtig transportiert. Das hat dann dazu geführt, dass der Verantwortliche damals von dem Stadtarchiv, dass er gekündigt hat. Er sagte, "Ich kann das nicht mehr verantworten"  und ist weggegangen. Das nur als ein Beispiel.

Reinhardt: Naja, es gibt noch mehr Beispiele - der Johann-Baptist-Turm, der in der Nähe sich deutlich neigte …

Busmann: Ja, klar. Das war doch ein Menetekel. Da hätten doch alle Alarmglocken schlagen müssen! Mit das Kritischste ist, aus meiner Sicht, wenn es um Verantwortung geht, auch die Schuldfrage, bei den Verantwortlichen der Stadt - es gab vor der Planung der ganzen Nord-Süd-U-Bahn eine Liste, auf der mussten eingetragen werden alle bedeutende Bauwerke, die an dieser Linie liegen, die besonderen Schutz brauchen. Angefangen natürlich beim Dom, das ist ja klar. Und dieses Gebäude ist nicht auf dieser Liste gewesen.

Reinhardt: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Busmann: Ja, erstmal technisch. Vor dem Gebäude war der einzige Platz, wo man ein sogenanntes Gleiswechsel-Bauwerk bauen konnte. Das ist die Ursache von dem Ganzen. Bei jeder U-Bahn-Strecke, wenn so was geplant wird, nicht nur da, muss so ein Bauwerk gemacht werden, für den Fall, dass eine Bahn liegen bleibt, dass sie da rein geschoben wird. Und nur an der Stelle war der passende Platz für so was zu planen und ich kann mir nur so vorstellen, dass von den Planern Einfluss ausgegangen ist, dass es nicht auf der Liste war. Sonst hätte man das gar nicht bauen dürfen.

Reinhardt: Habe ich Sie jetzt richtig verstanden? Ist Ihre These, dass man das Stadtarchiv deswegen nicht aufgelistet hat, weil man wusste, wenn man da diese Gleiswechselanlage baut, dann ist das nicht möglich, wenn das Stadtarchiv auf der Liste steht?

Busmann: Ja, Sie haben mich ja eben gefragt wo ich den Grund sehe. Das ist ein technischer Grund, aber wie das genau gelaufen ist, da kann ich überhaupt nichts behaupten. Da würde ich mich Vorwürfen aussetzen, irgendwas nicht Beweisbares.  Aber das ist für mich einer der vielen Gründe, die da schiefgelaufen sind. Oder zumindest hätte man, wenn man das gebaut hätte, viel, viel achtsamer sein müssen.

Zerstörte Dokumente, zerstörtes Vertrauen

Reinhardt: Aber gibt es so etwas wie eine grundsätzliche Verantwortungslosigkeit auch schon früher im Umgang mit dem Stadtarchiv? War man sich vielleicht auch ganz lange nicht bewusst, was man an diesem Archiv überhaupt hatte? Also die Mitarbeiterzahl ist stetig zurückgegangen – kann es sein, dass die Stadt Köln da sozusagen einfach nicht genug Wert auf die Arbeit im Archiv und auf die Bedeutung des Archivs gelegt hat?

Busmann: Das würde ich so nicht unterstreichen können, da weiß ich zu wenig. Aber so eine Institution betrifft ja in der Regel nicht so viele Menschen sondern die, die darin arbeiten und die, die darin ihren Nachlass oder Vorlass hineingeben, es ist eine überschaubare Zahl von Menschen.

Da war ja auch ein Vertrauen von all diesen Vor – und Nachlassgebern, dass das dort pfleglich behandelt wird. Und eben mein eigener Vorlass, von unserem Büro, ist ja auch darein gegeben worden, meine eigenen Sachen sind alle zerstört.

Reinhardt: Wann haben Sie Ihren Vorlass hineingegeben?

Busmann: Ungefähr zwei Jahre vor dem Desaster.

Reinhardt: Und Sie wissen, dass das alles zerstört ist?

Busmann: Ich kriege ab und zu einen Hinweis, dass ein paar Akten gefunden wurden, aber die interessieren mich nicht so sehr. Was ich ganz ganz schlimm finde – aus meiner persönlichen Sicht – ist, dass alle Architekturmodelle, das sind ja die interessantesten Artefakte von Architekten, zerstört sind. Und die wird man auch nie wieder restaurieren können.  

Schriftstücke werden ja im Laufe der nächsten Jahrzehnte, wahrscheinlich dauert das bis fünfzig Jahre, irgendwie wieder zusammengeflickt, aber bei einem Modell wird sich niemand die Mühe machen, ist auch nie davon die Rede gewesen. Das muss ich einfach hinnehmen.

Geborgen heißt nicht gerettet

Reinhardt: Es steht ja diese Zahl von 95 Prozent im Raum, wenn es um die Rettung der Archivalien geht – was halten Sie von dieser Zahl?

Busmann: Das wird jetzt öfter gesagt oder geschrieben - ehrlich gesagt regt mich das richtig auf! Das ist einfach nur eine gegriffene Zahl. Was ich weiß, und das wird auch von der jetzigen Direktorin öffentlich gesagt, ist, dass insgesamt 85 Prozent schwer – und schwerstbeschädigt sind. Das ist eine andere Zahl.
Und ich unterscheide zwischen dem Begriff gerettet oder geborgen.   

Reinhardt: Sie gehen eher davon aus, dass möglicherweise 95 Prozent eher geborgen sind.

Busmann: Ja. Diese 85 Prozent habe ich vor kurzem noch gelesen. Ich bin zum Beispiel befreundet mit einem der Söhne von Heinrich Böll. Furchtbar für ihn, der hat nämlich relativ kurz vor dem Einsturz noch, ich glaube zehn Kartons mit Originalen von seinem Vater reingegeben, die zum Teil noch nicht einmal digitalisiert oder kopiert waren.

Reinhardt: Es wird ja auch immer davon gesprochen, dass es bis zu fünfzig Jahre dauern kann, bis Manuskripte, Dokumente, Fotografien überhaupt restauriert sind, Nun werden in dieser Zeit auch wichtige Zeitzeugen wahrscheinlich versterben - was bedeutet das für diese Dokumente? Die sind ja dann, selbst wenn sie gerettet sind, eigentlich verloren, weil sie nicht mehr identifiziert werden können?

Busmann: Ja, es ist wirklich schlimm. Ich bin auch mit einigen Historikern ganz gut bekannt, und in Fachkreisen, unter Historikern, die ja auch in solchen Archiven arbeiten, ist das Archiv praktisch abgeschrieben. Denn die müssen ja jetzt und in absehbarer Zeit darin arbeiten können. Und ganz wichtig ist ja, dass die Archivalien, die da drin sind, zueinander eine gewisse Zuordnung haben. Und die ist ja total zerstört, und ich weiß nicht, ob die überhaupt wiederhergestellt werden kann.

Initiative "ArchivKomplex" füllt eine planerische Lücke

Reinhardt: Sie gehören ja der Initiative "ArchivKomplex" an, die sich für einen Erinnerungsort an der Einsturzstelle einsetzt. Das ist ein unterirdischer Erinnerungsort – wie sieht es denn überhaupt mit dem Erinnern von offizieller Seite aus?

Busmann: Ich würde sagen, das beschränkt sich auf das vom Stil her erforderliche. Zum Beispiel an einem Tag wie heute vor Ort zu gedenken.
Aber da dranzublieben, wie man so schön sagt, das sehe ich bei der Stadt nicht.

Es gibt auch noch keine richtigen Pläne, auch bei der Stadtentwicklung – und Planung, für die Zeit danach – einschließlich eines würdigen Ortes des Gedenkens.   
Da gibt es von der Stadt praktisch keine Signale und da, in diese Lücke, ist eben unsere Initiative gestoßen. Die haben wir ArchivKomplex genannt, und da werden Ideen entwickelt für die Zukunft, für eine zukünftige Nutzung.

Ob dass das Gedenken sein wird, das sagen wir jetzt noch nicht, aber das man überhaupt solche Potentiale nutzt und nicht wiederhergibt.
Also jetzt sieht es so aus – da kann man nur die Daumen drücken – dass bei der nächsten Ratssitzung tatsächlich der Rat dafür stimmt. Und das ist ein positives Zeichen.  

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