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StartseiteKommentare und Themen der WocheRückgabe der Benin-Bronzen kann nur der Anfang sein30.04.2021

Koloniale RaubkunstRückgabe der Benin-Bronzen kann nur der Anfang sein

Deutsche Museen sollen 2022 mit der Rückgabe der als Raubgut eingestuften Benin-Bronzen an Nigeria beginnen. Ein längst überfälliger Schritt, kommentiert Stefan Koldehoff. Bald werden alle Bestände jener Häuser, die sich einmal hochnäsig „Völkerkundemuseen“ genannt haben, zur Diskussion stehen, glaubt er.

Ein Kommentar von Stefan Koldehoff

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14.02.2018, Hamburg: Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. Das MKG hat die Herkunftsgeschichte der drei Bronzen aus seiner Sammlung erforscht und präsentiert die Ergebnisse nun in einer Ausstellung. (zu dpa «Museum für Kunst und Gewerbe zeigt Bronzen aus Benin» vom 15.02.2018) Foto: Daniel Bockwoldt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (picture alliance / Daniel Bockwoldt/dpa | Daniel Bockwoldt)
Drei Raubkunst-Bronzen aus Benin sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. (picture alliance / Daniel Bockwoldt/dpa | Daniel Bockwoldt)
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Für diesen längst überfälligen Schritt brauchte es erst die Initiative von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und dem Auswärtigen Amt. Dessen Kulturchef, Andreas Görgen, war mehrfach in Afrika, um dort die gestrige Entscheidung vorzubereiten. Berliner Zentralismus schlägt föderalistische Einzelinteressen – ein sehr aktuelles Thema, auch in der Kultur.

Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg in einer Vitrine ausgestellt.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt ) (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt )Der Tag - Benin-Bronzen: Was "Rückgabe" bedeutet Die Benin-Bronzen sollen von Deutschland an Nigeria zurückgegeben werden, erste Stücke bereits 2022. Warum das ein längst überfälliger Schritt ist und was "Rückgabe" für die Länder und Museen bedeutet.

Seit gestern gibt es nun kein Zurück mehr für zögerliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Museen, die zu sehr an ihren Sammlungen hängen. Und auch nicht für die Mitglieder der "Benin Dialogue Group", die seit 2007 ohne rechtes Ergebnis und Akzeptanz debattiert und lange in kolonialem Geist von "shared ownership – geteiltem Eigentum" geträumt haben.

Verkündet wird die Bereitschaft zur Rückgabe trotzdem seit langem. Damit sie nun auch tatsächlich stattfindet, sind einige wenige Punkte entscheidend:

  • Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen des Bundes sind natürlich andere Regierungen – von Staaten, die es aber zum Teil noch gar nicht gab, als die Bronzen aus dem Königreich Benin geraubt wurden. Neben deren Regierungen muss nun dringend auch die afrikanische Zivilgesellschaft in den Dialog einbezogen werden. Ihr wurden die Kulturschätze geraubt – nicht irgendwelchen Staaten.
  • Wissenschaftliche Bedürfnisse, die angeblich nur in Deutschland zu erfüllen wären, dürfen nicht weiterhin zu Verzögerungen führen. Absolute Transparenz hat Vorrang.
  • Und der gestern formulierte Wunsch, auch künftig noch in den deutschen Museen Benin-Bronzen zeigen zu können, darf keine Bedingung für eine Restitution sein. Sonst bliebe die gestrige Erklärung nur ein wertloses Zeugnis fortgesetzten deutschen Kolonialismus‘.

Bestände aus "Völkerkundemuseen" werden zu Diskussion stehen

Erst einmal geht es "nur" um die rund 1.100 Benin-Bronzen in Deutschland. Schon bald werden aber die gesamten Bestände jener Häuser, die sich einmal hochnäsig "Völkerkundemuseen" genannt haben, zur Diskussion stehen. In Frankreich hat diese Debatte dank mutiger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Bénédicte Savoy und Felwine Sarr längst begonnen.

Die Experten für Provenzienzforschung im Museum Wiesbaden, Miriam Merz und Peter Forster, untersuchen am 10.12.2013 im Landesmuseum Wiesbaden (Hessen) die Rückseite eines Bildes. Das Museum Wiesbaden hat 1999 begonnen, alle zwischen 1933 und 1945 erworbenen Kunstwerke auf ihre Herkunft zu überprüfen. (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen) (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)Tag der Provenienzforschung - Kunsthistoriker beklagt fehlende Mittel und Stellen
Die Diskussionen über koloniale Raubkunst und NS-Raubkunst haben das Bewusstsein für die Bedeutung der Provenienzforschung geschärft. Bewusstsein allein aber reiche nicht, sagt der Münchner Provenienzforscher Christian Fuhrmeister. Es werden auch Stellen und Geld gebraucht - und die fehlen.

Bei uns wird man mit besonderem Interesse in Berlin auf den Fortgang schauen: Hier soll im Herbst das Prestige-Museum Humboldt-Forum eröffnet werden – mit Tausenden geraubten Kulturgütern aus ehemaligen Kolonien. Sie sind bislang nicht einmal klar identifiziert, und eine klare Haltung zum Umgang mit ihnen gibt es auch noch immer nicht. Ausgerechnet die Leiterin der "Dialogue Group" und der Präsident der immer noch so genannten "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" sollen nun in den kommenden Monaten die Position der deutschen Museen vertreten. Beide haben die Rückgabe-Debatte in der Vergangenheit nicht gerade beschleunigt.

Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal, studierte Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik und arbeitete als freier Journalist unter anderem für "taz", "FAZ" und "Die Zeit". Seit 2001 ist er Redakteur in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunks.

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