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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturHistoriker Götz Aly über Raubkunst der Südsee10.05.2021

Koloniales „Erbe“Historiker Götz Aly über Raubkunst der Südsee

Die künftige Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum ist schon lange vor Eröffnung umstritten: Der Historiker Götz Aly schreibt über Kunstschätze der Südsee, die zu den Ethnologischen Sammlungen gehören.

Von Otto Langels

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Ein Portrait des Historikers Götz Aly das Buchcover von "Das Prachtboot" (Buchcover Fischer Verlag / Autorenportrait (c) Andreas Labes )
Historiker Götz Aly fordert, die Herkunft der ethnologischen Objekte offenzulegen (Buchcover Fischer Verlag / Autorenportrait (c) Andreas Labes )
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Götz Aly hat sich vor allem mit seinen Schriften zum Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Mit seinem neuen Buch betritt er gewissermaßen Neuland, das Südseegebiet Deutsch-Neuguinea, von 1884 bis 1914 in deutschen Händen, heute ein Teil Papua-Neuguineas. Die Anregung, sich mit einem düsteren Kapitel deutscher Kolonialgeschichte zu beschäftigen, verdankt Aly seinem Urgroßonkel Gottlob Johannes Aly. Der Militärgeistliche der Kaiserlichen Kriegsmarine gab der kolonialen Unterwerfung Neuguineas in den 1880er Jahren seinen Segen. Zum Dank taufte man eine Insel auf seinen Namen.  

Was der Marinepfarrer damals beschönigend als "missionieren" bezeichnete, war tatsächlich brutale Gewalt, so Götz Aly.

"Das haben Deutsche gemacht dort: eine Insel zusammenschießen, niederbrennen, Einwohner ermorden, ihnen die Lebensgrundlage entziehen. Und das ganz regelmäßig. Und dann kam es zu irgendwelchen Morden, vor allem aber auch zu sehr viel Arbeitsdeportation, Raub von Totenschädeln aus Grabstätten usw."

Götz Aly beschreibt auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen detailliert das Vorgehen deutscher Militärs, Kolonialbeamter und -händler in der Südsee, z.B. den Ablauf sogenannter Strafexpeditionen: Wenn Einheimische angeblich deutsche Händler ermordet oder ein Vermessungsschiff mit Pfeilen beschossen hatten, schickte Berlin - oft erst Jahre später - Kriegsschiffe in die Region.  

Amateur-Ethnologen auf Mission

"Bei solchen Strafaktionen fällten die europäischen Angreifer regelmäßig die Kokospalmen, brannten die Hütten nieder und zerschlugen alle für sie erreichbaren Kanus, wohl wissend, dass diese 'der größte Schatz der Eingeborenen' waren, zwingend notwendig für deren Überleben. All das bewirkte massenhaftes Sterben."

An Bord der Kriegsschiffe mit unschuldig klingenden Namen wie Elisabeth, Möwe oder Carola waren Männer mit einem ethnologischen Interesse an einheimischen Kunstschätzen. Sie alle, ob Marineoffiziere, Kolonialhändler, Missionare oder Amateur-Ethnologen, fühlten sich als Boten einer überlegenen europäischen Zivilisation, nur selten gequält von Gewissensbissen.

Götz Aly zitiert aus dem Bericht eines Schiffskommandanten an "Seine Majestät den Kaiser u. König" über den schlechten Zustand der wenigen Überlebenden auf der Insel Luf:

"Ein Verlust für das Schutzgebiet ist das Verschwinden dieser nicht mehr kulturfähigen Race nicht."

Auch wenn die Kolonisatoren die Einheimischen als primitiv und minderwertig einstuften, waren sie gleichwohl an ihren Kunst- und Gebrauchsgegenständen interessiert, die sie raubten oder gegen wertlose Glasperlen und billigen Tabak eintauschten. Ihr Vorgehen verschleierten die Händler und Sammler hinter Floskeln wie "erwerben" oder "unter Schutz stellen".

Der Weg der Beute nach Deutschland

Nachdem die Deutschen auf der Insel Luf gewütet, die Hütten zerstört und die Bewohner fast vollständig ausgerottet hatten, rissen sie das letzte verbliebene Boot an sich:

"Ein mit zwei Masten und Segeln voll betakeltes Auslegerboot, das heute zu den Glanzstücken der Ethnologischen Sammlungen Berlins gehört: stattliche 15 Meter lang, ohne einen einzigen Nagel fest zusammengefügt und mit wundervollen Schnitzwerken und Malereien verziert."

Eine historische Aufnahme zeigt das Luf-Boot vor der hernsheimschen Handelsstation auf Matupi, einer INsel in Papua-Neuguinea, 1903 (Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Richard Parkinson)Das Hochsee-Segelboot mit Ausleger wurde auf der Insel Luf in Papua- Neuguinea hergestellt (Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Richard Parkinson)

Dieses technische und künstlerische Meisterwerk, das demnächst die Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum zieren soll, gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts auf dubiose Weise in den Besitz des Kolonialhändlers Eduard Hernsheim. Götz Aly suchte in den Archiven nach Unterlagen, um die Transaktion nachzuvollziehen.

"Derjenige, der es für 6.000 RM verkauft hat an das Berliner Museum, das war Eduard Hernsheim, der sagt, dieses Boot ging in meine Hände über. Das ist kein Kaufdokument. Und ein anderes gibt es nicht. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat es immer wieder behauptet, sie hat keinen einzigen Beleg dafür, dass es redlich erworben ist."

Mitunter ist Götz Aly auf Mutmaßungen angewiesen, aber dies ist nicht dem Autor anzulasten, häufig fehlen in den Archiven eindeutige Belege zur Herkunft der Objekte. Die Umstände der Strafaktionen und Raubzüge lassen nur den Schluss zu, dass es sich in den allermeisten Fällen um betrügerischen Erwerb, Hehlerei, systematischem Diebstahl oder Raubmord handelte. Für Berlin gelte:

"Die allermeisten wurden zwischen 1880 und 1914 in die damalige Hauptstadt des deutschen Kolonialreichs verschleppt. So betrachtet, muss die einst königliche ethnologische Sammlung, die heute zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört, als Monument der Schande eingestuft werden."

Forderung nach Besitzklärung

Wie man es vom Autor kennt, verwendet er zugespitzte Formulierungen, nennt die Dinge beim Namen und verzichtet auf akademische Zurückhaltung.  

Götz Aly schätzt, dass 80 bis 90 Prozent der Bestände in den deutschen ethnologischen Museen aus der Kolonialzeit stammen. Deshalb fordert er, dass die Verantwortlichen die Herkunft der Objekte offenlegen, in Zweifelsfällen mit den betroffenen Staaten über den weiteren Verbleib verhandeln und sie gegebenenfalls zurückgeben müssen.

"Das muss man ganz klar sehen, dass man da die Beweislast umkehrt. Deutschland muss beweisen, dass es redlich erworben ist, nicht die anderen."

Immerhin: Noch in diesem Jahr wollen die Beteiligten die Rückgabe der ersten Benin-Büsten an Nigeria in die Wege leiten. Und wie wäre es, die Präsentation des berühmten Luf-Bootes im Humboldt-Forum solange durch einige Zitate aus Götz Alys erhellender Darstellung zu ergänzen, bis über dessen weiteres Schicksal entschieden wird?

Götz Aly: "Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten"
S. Fischer Verlag, 240 Seiten, 21 Euro.

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