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StartseiteEuropa heuteFrankreich stellt sich der Vergangenheit22.01.2021

KolonialgeschichteFrankreich stellt sich der Vergangenheit

Nach einem Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich wurde Algerien vor 59 Jahren unabhängig. Die Beziehungen beider Länder sind bis heute angespannt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will das ändern – aber für die Kolonialzeit entschuldigen will er sich nicht.

Von Christiane Kaess

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Im Hintergrund Algerien-Franzosen, Gegner der Unabhängigkeit Algeriens, während einer Demonstration Ende Januar 1960 in Algier. Im Vordergrund an den Barrikaden französische Fallschirmspringer.  (dpa/Picture Alliance)
Algerien-Franzosen demonstrieren 1960 in Algier gegen die Unabhängigkeit von Frankreich, französische Soldaten beobachten das Geschehen. (dpa/Picture Alliance)
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Es passt ins Bild, dass ausgerechnet Emmanuel Macron als erster französischer Präsident das große Tabu des Algerienkrieges angeht. Noch im Präsidentschaftswahlkampf 2017 hatte Macron mit einer Aussage dazu in einem Interview für Wirbel gesorgt.

"Die Kolonisation ist Teil der französischen Geschichte. Sie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, eine Barbarei. Wir müssen uns dieser Vergangenheit stellen, auch indem wir uns entschuldigen."

Diese Äußerung kam nicht überall gut an. Dennoch glaubt der Historiker Pascal Blanchard, Macron hätte den Vorteil, dass er weit nach Ende des Algerienkrieges geboren ist und deshalb freier ist als seine Vorgänger.

"Gerechte und präzise Bestandsaufnahme"

"Wir hatten vor Macron sieben Präsidenten, die dazu eine zögerliche Politik machten, sie hatten vor allem ein nostalgisches Verhältnis zu der Geschichte oder waren selbst involviert. Zum Beispiel François Mitterrand. Er war einer der Akteure, als Innenminister, Justizminister, davor Minister für die Kolonien."

Im vergangenen Juli hatte Macron dann den renommierten Algerien-Experten Benjamin Stora um eine "gerechte und präzise Bestandsaufnahme" des Umgangs von Frankreich mit seiner Kolonialgeschichte und des Algerienkrieges gebeten. Stora kommt aus einer algerisch-jüdischen Familie, die nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 nach Frankreich ging. Er gilt als ausgewogen – jemand, der beide Seiten in Betracht zieht. So erklärte er es auch in einem Interview im letzten Jahr:

"Ich wollte nie der Gefangene einer einzelnen Geschichte sein. Egal ob es um eine Familiengeschichte geht oder eine religiöse oder nationale. Dem habe ich versucht zu entkommen und alle Geschichten anzunehmen und zu bewahren."

"Ich erinnere mich an den Geruch des Schießpulvers"

Als Kind erlebte Stora selbst noch die Schrecken des Krieges in Algerien mit und erinnert sich an ein Erlebnis als Fünfjähriger.

"In mein kleines Kinderzimmer sind französische Soldaten gekommen, haben Maschinengewehre installiert und auf Algerier geschossen, die versuchten zu fliehen. Ich erinnere mich gar nicht mehr so sehr an den Lärm, der sicher furchtbar war, sondern an den Geruch des Schießpulvers, der sich im Zimmer ausbreitete. Das hat mich sehr beeindruckt."

12 Jahre alt war Stora als er mit seiner Familie in Frankreich ankam. Er arbeitete sich hoch zum Akademiker. Um das immer noch angespannte Verhältnis zwischen beiden Ländern zu verbessern und die Vergangenheit aufzuarbeiten, macht Stora nun an die 30 Vorschläge.

Mehr Erinnerung an historische Daten

Zentral ist eine Kommission für Erinnerung und Wahrheit. Beide Seiten der Überlebenden des Krieges sollen dort ihre Version der Geschichte erzählen. Außerdem, findet Stora, solle mehr an historische Daten der beiden Länder erinnert werden. Er nennt unter anderem den 19. März 1962 und die Verträge von Evian. Vertreter Frankreichs und der Algerischen Nationalen Befreiungsfront beendeten damit den Krieg und besiegelten die Unabhängigkeit.

Auch ein Denkmal für den algerischen Freiheitskämpfer Haddschi Abd el-Kader solle errichtet werden und dessen Schwert von Frankreich an Algerien zurückgegeben werden, ebenso wie eine umstrittene historische Kanone.

Stärkeres Gedenken der Opfer auf beiden Seiten

Der Report sieht ein stärkeres Gedenken der Opfer auf beiden Seiten vor. Internierungslager, die auf französischem Territorium errichtet worden waren, sollen zu Gedenkstätten werden. Stora plädiert auch für eine stärkere Zusammenarbeit, unter anderem um den sogenannten Harkis, die gegen die Unabhängigkeit Algeriens waren, Reisen zwischen beiden Ländern zu erleichtern. Sein Historiker-Kollege Blanchard begrüßt die Vorschläge:

"Sieben Millionen Franzosen sind heute in unserem Land mit Algerien verbunden. Wir haben also junge Leute, die sich vor allem über diese koloniale Frage definieren. Ich glaube, zu versuchen diese Vergangenheit irgendwie zu befrieden und das Blatt der Geschichte zu wenden geht am besten, wenn wir uns ihr stellen und darüber reden."

Kritik vom rechten Rassemblement National

Präsident Macron will den wichtigsten Empfehlungen des Reportes folgen. Eine Entschuldigung oder Reue schließt man im Élysée aus. Auch der Historiker Stora spricht davon nicht. Aber genau das verlangt die algerische Regierung. Im Élysée erklärt man umständlich und ausweichend: Reue sei etwas wie Eitelkeit, die Anerkennung des Geschehenen dagegen entspreche der Wirklichkeit und die äußere sich im Handeln.

Gut möglich, dass der Präsident nach seinem mutigen Satz im Wahlkampf vor fast vier Jahren vorsichtig geworden ist. Vom extrem rechten Rassemblement National kommt dennoch Kritik. Ein beschämender Report, twitterte Louis Aliot, Bürgermeister von Perpignan. Er fragt provokativ, ob Macron den französischen Familien, die durch die Gräueltaten der Algerischen Nationalen Befreiungsfront hart auf die Probe gestellt wurden, einen Erinnerungskrieg erkläre.

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