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StartseiteInformation und MusikFriedensvertrag mit der Farc scheitert im Referendum03.10.2016

KolumbienFriedensvertrag mit der Farc scheitert im Referendum

Entgegen Umfrageergebnissen haben sich die Kolumbianer in einem Referendum gegen das Friedensabkommen ihrer Regierung mit der linken Guerilla-Organisation Farc ausgesprochen - mit 50,21 Prozent der Stimmen. Trotz der Niederlage soll der Waffenstillstand zunächst bestehen bleiben.

Von Anne Herrberg

Menschen halten ein Plakat mit der Aufschrift "Frieden". Ein Mann weint, eine Frau schlägt die Hand vors Gesicht. (AFP/GUILLERMO LEGARIA)
Befürworter des Friedensvertrages mit der Farc nach der Bekanntgabe, dass eine Mehrheit beim Referendum mit Nein gestimmt hat. (AFP/GUILLERMO LEGARIA)
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"Ja zum Frieden", rufen sie. Doch die, die hier feiern, haben Nein gestimmt in diesem historischen Volksentscheid. Kolumbien hat den Friedensvertrag mit der Farc-Guerilla abgelehnt. Wenn auch mit einer extrem dünnen Mehrheit von rund 60.000 Stimmen Vorsprung. Doch am Ende steht das Nein.

"Wunderbar, wir sind so glücklich, die Vernunft hat gesiegt, wir wollen den Frieden, aber nicht so, nicht, indem das Land Verbrechern ausgehändigt wird."

"Wir können sagen, unser Nein hat Kolumbien gerettet, vor den Farc und vor Präsident Santos, diesem Vaterlandsverräter."

Präsident Juan Manuel Santos sagte, er sei der erste, der die Niederlage anerkenne. Für ihn ist das Nein gegen dieses Abkommen, das in vier Jahren ausgehandelt wurde und das den seit einem halben Jahrhundert andauernden bewaffneten Konflikt beilegen sollte, auch ein persönliches Debakel: Er hatte den Friedensprozess stets ins Zentrum seiner Präsidentschaft gestellt – und im Vorfeld ausgeschlossen, dass Neuverhandlungen möglich seien. In seiner TV-Ansprache erklärte er nun jedoch:

"Nun werden wir alle gemeinsam entscheiden, wie der Frieden, den wir alle wollen, möglich ist und wie wir stärker aus dieser Situation herauskommen. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde mich bis zum letzten Tag meiner Amtszeit um diesen Frieden bemühen."

Regierung und Farc wollen Waffenstillstand bewahren

Der Waffenstillstand mit den Farc bleibe trotz des Abstimmungsergebnisses zunächst in Kraft. Dies bestätigte auch der Farc-Chef Rodrigo Londoño alias "Timoschenko":

"Die Farc halten an ihrem Willen zum Frieden fest und wiederholen ihre Bereitschaft, allein das Wort als Waffe zu benutzen, um die Zukunft zu konstruieren. Der Frieden wird triumphieren."

Triumphiert hat in diesem Moment jedoch vor allem Kolumbiens Ex-Präsident Alvaro Uribe, einflussreicher Kritiker des Friedensvertrages und Wortführer der "Nein"-Wähler. Uribe stammt aus einer Familie von Großgrundbesitzern und bekämpfte die Farc einst militärisch mit harter Hand – eine Beteiligung der Rebellen an der Politik lehnt er ab und fordert härtere Strafen.

"Wir wollen zu einem großen nationalen Pakt beitragen. Es ist wesentlich, dass im Namen des Friedens nicht die Werte aufs Spiel gesetzt werden, die ihn möglich machen. Freiheit, Gerichtsbarkeit, Pluralismus, Vertrauen in das private Unternehmertum, Bildung als Garant für soziale Gerechtigkeit. Wir fordern das Überarbeiten des Vertrages, nicht seine Aufhebung."

Fassungslosigkeit in den ländlichen Gebieten

Dort in Bogota, wo die Unterstützern des Friedensvertrages eigentlich feiern wollten, herrscht Fassungslosigkeit. Jamila, die vor der Gewalt in ihrer Heimatprovinz Cauca nach Bogota geflohen ist, kann die Tränen nicht zurückhalten.

"Wir sind eine Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte nicht kennt und nicht versteht, wie die, die in den ländlichen Gebieten leben, unter diesem Krieg leiden. Diese Gesellschaft ist voller Wut, voller Hass, sie ist nicht fähig, zu verzeihen und einen Schritt nach vorne zu wagen in Richtung einer demokratischen Gesellschaft."

In den Regionen Kolumbiens, die am stärksten von der Gewalt betroffen sind, hat großteils das Si, das Ja, zum Friedensvertrag gewonnen. Kolumbien ist tief gespalten. Wie es weiter geht, ist völlig unklar. Bereits am Montag sollen Vertreter beider Lager erneut an den Verhandlungsort nach Kuba reisen, um die Lage zu sondieren.

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