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StartseiteInformationen am MorgenIngrid Betancourt ruft zur Versöhnung auf09.05.2016

Kolumbien Ingrid Betancourt ruft zur Versöhnung auf

Sie war die prominenteste Gefangene der FARC-Rebellen in Kolumbien: Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der kolumbianischen Grünen, Ingrid Betancourt, wurde nach sechs Jahren Gefangenschaft im Juli 2008 vom kolumbianischen Militär befreit. Bei ihrem jüngsten Besuch in Kolumbien rief sie erneut zur Versöhnung zwischen Regierung und Rebellen auf.

Von Julio Segador

Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der kolumbianischen Grünen, Ingrid Betancourt, bei einem Interview in Bogota, Kolumbien.  (dpa / picture alliance / Leonardo Muñoz)
"Ich habe viel Hoffnung für Kolumbien": Ingrid Betancourt, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der kolumbianischen Grünen. (dpa / picture alliance / Leonardo Muñoz)
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Erst zum zweiten Mal nach ihrer Befreiung aus dem Dschungel vor acht Jahren ist Ingrid Betancourt nach Kolumbien zurückgekehrt. Viel Zeit ist seit dem ersten, kurzen, überhasteten Besuch vergangen.

"Sechs Jahre war ich nicht mehr hier. Ich musste mein Leben neu ordnen, mich in der Lebenswirklichkeit wieder einrichten. Ich musste die Beziehung zu meinen Kindern, zur ganzen Familie wieder aufbauen. Ich musste wieder zu einem Menschen werden."

Ingrid Betancourt, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der kolumbianischen Grünen, war 2002 während einer Wahlkampfreise von den FARC entführt und mehr als sechs Jahre im Dschungel gefangen gehalten worden. Im Juli 2008 wurde sie vom kolumbianischen Militär in einer spektakulären Aktion befreit. Sie war die prominenteste Gefangene der FARC-Rebellen. Wie sehr ihr jetziges Leben mit der jahrelangen Gefangenschaft immer noch verwoben ist, wird in dem Interview mit dem kolumbianischen Sender Caracol immer wieder deutlich. Etwa als sie berichtet, dass sie in diesen Tagen zum zweiten Mal Großmutter wird.

"Ich denke an eine Unterhaltung mit einem Guerillero zurück. Damals im Dschungel. Er sagte zu mir: Sie bleiben hier. Sie kommen hier erst heraus, wenn sie Großmutter werden. Das war für mich reine Folter."

Hoffnung auf Frieden

Dass es nicht so kam, lag auch an Juan Manuel Santos. Der damalige Verteidigungsminister und jetzige Präsident befehligte die "operación jaque”, die "Operation Schach”, in der Ingrid Betancourt und mehr als ein Dutzend weiterer Geiseln befreit wurden. Juan Manuel Santos ist es, der dem jahrelangen Krieg nun ein Ende setzen will. Für Ingrid Betancourt ist es der richtige Weg. Sie sieht die Versöhnung als einzigen Weg, der Kolumbien den langersehnten Frieden bringen kann.

"Ich habe viel Hoffnung für Kolumbien. Wir müssen den Wagemut aufbringen, an uns selbst zu glauben. Es ist der Wagemut, der es uns ermöglicht, unsere Träume zu verwirklichen. Ich weiß, dass viele Menschen Angst haben. Das ist verständlich. Aber wir sind stark. Und ich glaube, dass wir die Kraft für den Frieden aufbringen werden. Und wir werden viel Kraft brauchen, um auch weise vorzugehen."

Als ehemaliges FARC-Opfer hat Ingrid Betancourt Verständnis, wenn der Versöhnungsprozess ein Weg voller Hindernisse, ein Wagnis ist. Und dass der Wunsch nach Rache vielen Kolumbianern schwer zusetzt. Auch deshalb unterstützt sie das Konzept der Regierung nach einer Übergangsjustiz, die die Rebellen differenziert zur Verantwortung zieht.

Leben zwischen Paris und New York

"Wir müssen uns Fall für Fall genau ansehen. Wer sind jene, die von der Amnestie profitieren? Ich hoffe, dass es möglichst viele sind. Junge Kerle, die in den Dschungel gingen. Woran wir nicht unschuldig sind, weil wir ihnen keine Perspektiven boten. Und dann gibt es die andere Gruppe: Jene, die vom Krieg profitiert haben, die für den Genozid und all die Grausamkeiten verantwortlich sind. Sie werden sich verantworten und ins Gefängnis gehen müssen. Wir alle müssen jetzt unseren Beitrag leisten, auch wenn es alle schmerzen wird."

Ingrid Betancourt lebt inzwischen in Paris und New York. In Oxford schreibt sie an ihrer Doktorarbeit im Fach Theologie: Eine Doktorarbeit, die viel mit den Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit zu tun hat. Der Titel: "Die Freiheit im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Glauben".

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