Donnerstag, 18.10.2018
 
Seit 21:05 Uhr JazzFacts
StartseiteInformationen am MorgenOffiziell herrscht Frieden30.11.2017

Kolumbiens Regierung und die FARC-RebellenOffiziell herrscht Frieden

Vor rund einem Jahr trat das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen in Kolumbien in Kraft. Die Machtlücken, die die entwaffnete Guerilla hinterlässt, füllen nun rechte paramilitärische Gruppen und Drogenkartelle. In Medellìn finden jene, die flüchten, Zuflucht in der Comuna 8.

Von Sophia Boddenberg

Trauerfeier für Opfer des kolumbianischen Bürgerkriegs. Linke und rechte Guerilla-Gruppen begingen schwere Menschenrechtsverletzungen. (RAUL ARBOLEDA / AFP)
Trauerfeier für die Opfer des kolumbianischen Bürgerkriegs. Linke und rechte Guerilla-Gruppen begingen schwere Menschenrechtsverletzungen. (RAUL ARBOLEDA / AFP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Kolumbien "Kultur hält die Leute von der Gewalt ab"

Ringen um ein fragiles Abkommen Der Frieden in Kolumbien ist relativ

Bilanz der Papstreise nach Kolumbien Franziskus hat Dinge ins Rollen gebracht

Kolumbien Vom Scheitern und Gelingen der Friedensprozesse

Kolumbien FARC erfindet sich neu - mit Musik

Kolumbien Der holprige Weg zum Frieden

Friedensprojekt in Kolumbien Wo ehemalige Kindersoldaten weinen dürfen

Mütter von Kriegsopfern Vergebung statt Rache in Kolumbien

Über viele Treppen gelangt man hinauf in das Viertel Altos de la Torre in der Comuna 8 in Medellín. Medellín liegt in einem Tal, die Armenviertel befinden sich auf den umliegenden Hügeln. An kaum einem anderen Ort hat man so eine gute Aussicht über die Stadt. Die meisten Häuser hier bestehen aus ein paar Brettern, Pappe und Wellblech. Fast alle Bewohner leben illegal hier, aber die Regierung duldet sie. Denn sie sind hierhin geflüchtet. Geflüchtet vor der Gewalt, vor den Kämpfen zwischen Paramilitärs, Staat und Guerilla-Gruppen. Man nennt sie die "desplazados" – die Vertriebenen. Sieben Millionen intern Vertriebene gibt es in ganz Kolumbien – mehr als nirgendwo sonst auf der Welt.

Eine von ihnen ist die 44-jährige Piedad Arango. Sie hat ihre Haare achtlos zusammengebunden, ihre dunklen Augen sehen traurig aus. Vor 5 Monaten kam sie mit ihrer Familie vom Land nach Medellín. Paramilitärs hatten gedroht sie umzubringen, weil ihr Sohn nicht mit ihnen zusammenarbeitet wollte. Dort, wo sie herkommt, wird Koka angebaut. Das Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla habe alles nur noch schlimmer gemacht, sagt sie.

"Die Gewalt hat zugenommen. Als die Guerilla noch da war, haben die Bauern keine Gewalt erlebt. Weil die Guerilla gut zu den Bauern war. Aber seit der Entwaffnung haben die Paramilitärs das Land übernommen. Sie haben das Sagen auf dem Land. Die Guerilla hat einem Möglichkeiten gegeben. Aber die Paramilitärs nicht. Die bringen einen einfach um. Frieden kann es nur geben, wenn mit den Paramilitärs Schluss gemacht wird. Sonst nicht."

Die Kolumbianerin Piedad Arango aus Medellín arbeitet in einem Gemeinschaftsgarten, weil sie in der Stadt keinen Job findet.   (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)Piedad Arango arbeitet in einem Gemeinschaftsgarten, weil sie in der Stadt keine Arbeit findet. (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)

Paramilitärische Gruppen füllen Machtlücken der entwaffneten Guerillas

Offiziell herrscht in Kolumbien Frieden. Schließlich trat vor rund einem Jahr das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla in Kraft. Abseits der Städte zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Rechte paramilitärische Gruppen und Drogenkartelle füllen die Machtlücken, die die entwaffnete Guerilla hinterlässt. Häufig versuchen sie, die Kontrolle über den Koka-Anbau und den Drogenhandel zu gewinnen. 

Piedad Arango hat ihr Leben lang auf dem Land gearbeitet und hat keinen Schulabschluss. In Medellín findet sie deshalb keine Arbeit. Zurzeit arbeitet sie mit ihrer Schwester und drei weiteren Familien in einem Gemeinschaftsgarten. Das Gartenprojekt wurde von der deutschen Johanniter Unfallhilfe gefördert, die mit der Nichtregierungsorganisation Las Golondrinas in Medellín zusammenarbeitet. Mit der Ernte aus dem Garten sollen sich die Familien mit Lebensmitteln versorgen.

Mauricio Giraldo ist 31 Jahre alt arbeitet für die Organisation Las Golondrinas.

"Wir sind hier in der Comuna 8. Sie ist sehr vielfältig, denn hier leben Vertriebene aus verschiedenen Teilen Kolumbiens. Die Gemeinden, die hier angekommen sind, prallten auf die hier ansässigen Gemeinden. So entstanden viele Konflikte. Deshalb ist die Comuna 8 eine der konfliktreichsten Medellíns."

Viele der Vertriebenen, die in der Comuna 8 leben, kommen vom Land, sind Mitglieder indigener Gemeinden oder Afro-Kolumbianer. Die Organisation Las Golondrinas ist auf Bildung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert. So sollen sie eine Zukunftsperspektive bekommen, anstatt sich kriminellen Banden anzuschließen.

An der Schule "Caminos de Paz" - was so viel heißt wie "Wege zum Frieden" - in der Comuna 8 sind mehr als die Hälfte der Kinder Afro-Kolumbianer. Die Wände sind bunt, Musik und Tanz stehen jeden Tag auf dem Stundenplan. So sollen die afrokolumbianischen Kinder integriert werden.

Die Schule Caminos de Paz in Medellin setzt auf Integration der afrokolumbianischen Kinder. (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)Die Schule Caminos de Paz in Medellín setzt auf die Integration der afrokolumbianischen Kinder (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)

"Mein Name ist Jefferson Chaerra, ich bin 14 Jahre alt und wurde in Chocó geboren. Ich bin hierhin vertrieben worden. Meinte Tante hat hier gelebt."

Gewalt seit Friedensprozess stark zugenommen

Chocó ist ein Gebiet im Nordwesten Kolumbiens und hat eine lange Geschichte von Gewalt und Vertreibungen. Es wurde früher von der FARC-Guerilla kontrolliert. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens kämpfen dort kleinere Guerilla-Gruppen und die Paramilitärs um die Vorherrschaft. Amnesty International kritisierte vor einigen Tagen die Lage in Chocó, in der die Gewalt seit dem Friedensprozess stark zugenommen hat. Die Gewalt richtet sich insbesondere gegen indigene und afro-kolumbianische Gemeinden sowie gegen Menschenrechtsverteidiger.

Reinel Arias ist Sozialpsychologe und arbeitet seit 12 Jahren für die Organisation Las Golondrinas in der Comuna 8. Die Schule wird von der Organisation mit Unterstüzung der Johanniter Unfallhilfe verwaltet.  Damit die Schüler in seine Beratungsstunde kommen, musste er sein Diplom abhängen und Musikinstrumente anschaffen. Er weiß, wie schwer es viele Afrokolumbianer bei der Ankunft hatten.

"Es war nicht leicht, denn es gab viel Diskriminerung der Bewohner gegenüber den Afrokolumbianern, die hier angekommen sind. Sie kamen von einem Krieg in den nächsten. Sie wurden von bewaffneten Gruppen aus Chocó vertrieben und kamen in die Comuna 8, die seit 40 Jahren von sozialen Konflikten geprägt ist."

Viele der Bewohner der Comuna 8 im kolumbianischen Medellín sind Vertriebene und haben illegal ihre Häuser gebaut. (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)Viele der Bewohner der Comuna 8 im kolumbianischen Medellín sind Vertriebene und haben illegal ihre Häuser gebaut (Deutschlandradio/Sophia Boddenberg)

Reinel Arias erklärt, warum der kolumbianische Konflikt tiefgehende Ursachen hat.

"Der kolumbianische Konflikt dreht sich nicht nur um bewaffnete Zusammenstöße. Es geht um Vernachlässigung durch den Staat, um fehlende Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, um ein prekäres Gesundheitssystem, um Wirtschaft und Ernährung. Der Konflikt ist das Resultat der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität dieses Landes."

Der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla war zwar ein erster Schritt, aber der Weg Kolumbiens zum Frieden ist noch lang.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk