Samstag, 19.10.2019
 
Seit 16:05 Uhr Büchermarkt
StartseiteMusikjournalMusik der "Stimme Armeniens" in Berlin07.10.2019

Komitas Vardapet am Gorki-TheaterMusik der "Stimme Armeniens" in Berlin

Die tragische Geschichte der Armenier spiegelt sich in Leben und Werk des Musikers Komitas Vardapet, der den Völkermord an den Armeniern überlebte und 1935 im Pariser Exil starb. Armenische und türkische Musiker führten nun gemeinsam seine Werke am Gorki-Theater auf.

Von Thomas Franke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Musiker des Yerkaran-Projektes auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters. (Deutschlandradio / Ute Langkafel)
Mit Kurzhalslaute Oud: Die Musiker des Yerkaran-Projekts in Berlin (Deutschlandradio / Ute Langkafel)
Mehr zum Thema

Armenien Zu Besuch in einem stolzen Land

Armenien Der Genozid als Propaganda

Musiktag Musikreise: Türkei und Armenien

"Herr, erbarme dich": Eines der geistlichen Stücke von Komitas. Aran Dinkjan spielt die Kurzhalslaute Oud mit geschlossenen Augen.

"Es ist der Klang der Dörfer meiner Vorfahren, den ich in meinem Blut spüre."

Die "Stimme Armeniens"

Dinkjan gilt als einer der besten Oud Spieler der Welt. Außerdem war er 40 Jahre lang Organist in einer armenischen Kirche in den Vereinigten Staaten.

"Komitas ist so etwas wie der Gründungsvater unserer Identität, unser musikalischen Identität. Durch seine Sammlung von Volksmusik und dann seine Arrangements und Kompositionen. Er hat die einzigartigen armenischen Harmonien festgelegt im Unterschied zu den europäischen Harmonien. Für mich ist er eine Quelle, um mich meiner selbst zu vergewissern."

Dinkjan ist in den USA geboren. Seine Großeltern im ostanatolischen Diabakir. Sie konnten dem Genozid im Jahr 1915 entkommen. Schätzungen zu Folge sind dabei bis zu 1,5 Millionen Armenier grausam umgebracht worden.

Musik mit politischer Dimension

"Es ist nicht wichtig, wo du geboren wurdest: Wichtig ist, wer du bist. Ich bin in den USA geboren. Aber ich bin ein Armenier."

Musik von Komitas läuft in der Genozid Gedenkstätte in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, als Dauerschleife.

Besucher in der Genozid-Gedenkstätte in Eriwan (Armenien). (picture alliance / Thomas Koerbel)Die Musik Komitas erklingt permanent an der Völkermord-Gedenkstätte in Eriwan (picture alliance / Thomas Koerbel)

Drei Viertel aller Armenier leben im Ausland. Komitas zu spielen hat auch immer eine politische Dimension, besonders, weil zur Stunde das Konzert in Istanbul noch einmal in größerer Besetzung aufgeführt wird. Die türkische Führung weigert sich bis heute, die Verbrechen während des Ersten Weltkriegs als Völkermord anzuerkennen. Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist geschlossen, immer wieder werden Armenier in der Türkei unterdrückt, 2007 wurde mit Hrant Dink einer der führenden armenischen Intellektuellen in der Türkei erschossen.

"Ich möchte sagen, dass die Armenier in der Türkei meine Helden sind. Und ich sage das, weil ich dutzende Male in der Türkei war."

Zwischen Musikern scheint die Verständigung zu funktionieren. Dinkjan schreibt unter anderem für eine der erfolgreichsten Sängerinnen der Türkei, für Sezen Aksu.

Komitas Verbindungen zu Berlin

Das Maxim Gorki Theater wollte mit dem Komitas-Abend auch an die Verbindung des Armeniers mit Berlin erinnern. Komitas promovierte 1899 an der damaligen Friedrich Wilhelm Universität, der heutigen Humboldt Universität, in Musikwissenschaft. Wenig später wurde das Kaiserreich mit verantwortlich am Völkermord an den Armeniern, verschloss die Augen vor den Massakern des Osmanischen Reichs, einem Verbündeten im Ersten Weltkrieg.

"Mein persönlicher Zugriff ist der, dass ich immer eine politische Motivation hatte."

Erläutert Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin.

"Erstmal ist es ja so, wenn man sich mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigt, die deutsche Mitschuld analysiert und rezipiert worden ist in den vergangenen Jahren. Da wächst schon Verantwortung allein aus der deutschen Perspektive, da muss man gar nicht erst die türkische einnehmen dazu."

Auf der Bühne steht die Sopranistin Pervin Chakar. Immer wieder hebt sie die Arme, tritt einen Schritt vom Mikrophon zurück. Es scheint, als könne sie sich nicht überwinden, den Text zu singen.

Sie singt von der Kugel, die auf den tapferen Kämpfer Dewreşe Evdi flog. Von zwölf Brüdern, die sich dem Tod gegenüber sahen, von den 16 Leichen der Cousins, die gewaschen wurden, vom Vater an der Schwelle zum Tod.

Armenier und Türken - eine schwierige Beziehung

Komitas hat den Massenmord nur durch Glück und dank einflussreicher Menschen überlebt. Anschließend war er jahrelang in psychologischer Betreuung.

"Ich weiß von seinen letzten Lebensjahren."

Sagt die Sängerin Lara Narin, die im letzten Teil des Konzerts mit einer Rockband auftrat.

"Er hatte seine Kraft verloren, seinen Glauben als religiöser Mensch verloren. Und das berührt mich so sehr."

Lara Narin ist Armenierin und lebt in Istanbul. Auch ihr Großvater stammt aus Diabakir. In den letzten zehn Jahren habe sich im Verhältnis zwischen Armeniern und Türken viel verändert, erzählt sie:

"Es wird leichter. Denn je mehr wir uns artikulieren, desto einfacher wird es, als Armenier in der Türkei oder in Istanbul zu leben. In meiner Kindheit war das noch nicht so."

Komitas Musik zieht alle in ihren Bann

Es gibt aber auch andere Signale. Der Initiator der Konzerte zum 150. Geburtstag von Komitas, Osman Kavala, Unternehmer und Chef der Stiftung Anadolu Kültür, sitzt seit zwei Jahren in der Türkei im Gefängnis. Die Behörden werfen ihm vor, er habe Proteste in Istanbul 2013 mit organisiert.

Trotz aller Politik und der vielen Verbrechen - die Musik zieht das Publikum in ihren Bann. Egal, ob traditionell anatolisch interpretiert oder westeuropäisch. Die Wechsel der Maqam, die Zäsuren, die Bruchteile von Sekunden sorgen für leichte Irritationen im Fluss der orientalisch anmutenden Melodien. Auch Shermin Langhoff ist begeistert.

"Es ist ein Künstler, der von niemandem okkupiert werden kann, der allen gehört. Den Deutschen, den Armeniern, den Türken, den Kurden und allen, die ihn wertschätzen und heute besingen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk