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StartseiteGesichter EuropasKommen und Gehen29.04.2006

Kommen und Gehen

Geschichten vom Einwandern und Auswandern in Norditalien

Die Welt ist in Bewegung. Von Ost nach West, von Süd nach Nord - und vice versa. Es gibt viele Gründe, sich auf den Weg zu machen: ökonomische, ökologische, soziale und politische Bedingungen brachten und bringen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde ihr Glück zu suchen - oder nur ein besseres Leben.

Eine Sendung von Karl Hoffmann, Redakteurin am Mikrofon: Simonetta Dibbern

Die Rialto-Brücke in Venedig. (AP)
Die Rialto-Brücke in Venedig. (AP)

Und die Richtungen wechseln. Ein Beispiel: Italien. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war Italien, ähnlich wie Polen und Irland, ein klassisches Auswanderungsland - zwischen 1860 und 1920 gingen etwa 18 Millionen Menschen weg, nach Nordamerika, Argentinien, Brasilien - und nach Deutschland. 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen unterzeichnet zwischen Bonn und Rom, das Wirtschaftswunderdeutschland brauchte Arbeitskräfte.

Doch Mitte der 70er, nach Ölkrise und Anwerbestopp, drehte sich das Blatt: Viele Auswanderer kehrten zurück nach Italien, brachten ihre Erfahrungen mit und gründeten mit dem angesparten Geld Unternehmen und kleine Betriebe. Die Region Veneto etwa, früher das Armenhaus Italiens, begann aufzublühen: Heute ist die Region im Nordosten das wichtigste Standbein der italienischen Wirtschaft, das seinerseits wiederum Arbeitssuchende aus anderen Teilen der Welt anzieht: aus ehemaligen italienischen Kolonien, aus dem Maghreb und aus anderen afrikanischen Ländern - und mit der Öffnung des eisernen Vorhangs zunehmend auch aus Osteuropa.

Längst ist Italien - so wie alle europäischen Länder - ein Einwanderungsland. Die Betriebe im Veneto sind angewiesen auf qualifizierte Arbeiter. Und manche der Immigranten haben sich anstecken lassen vom sprichwörtlichen Unternehmergeist der Norditaliener.



Die Arbeitswut im Veneto steckt an - Eine junge Ukrainerin ist Chefin ihrer eigenen Wäscherei

Nataliya schwingt das Dampfbügeleisen. Drei Minuten für ein paar Hosen, die sind am einfachsten zu bügeln. Hemden machen viel mehr Arbeit, eine Viertelstunde braucht Nataliya, bis ein Hemd perfekt geplättet, gefaltet und auf dem Stapel abgelegt ist, den der Kunde am Abend abholen möchte. Perfektion geht vor Schnelligkeit , sagt sie:

"Wenn du nicht beste Arbeit lieferst, dann kommen die Kunden nicht wieder. Natürlich hängt es von meinem Geschick ab, wie schnell ich die Arbeit erledige, aber was zählt, ist die Qualität. Das Kleidungsstück muss perfekt sein, wenn du deine Kunden behalten willst. Ich versuche immer perfekt zu sein, aber manche Flecken gehen einfach nicht raus."

Nataliya Garashchuk ist stolz auf ihre Arbeit. Zufrieden schuftet sie 12 oder gar 13 Stunden, denn die kleine Reinigung in dem ruhigen Wohnviertel von Congeliano ist ihre eigene. Seit einem Jahr arbeitet sie unermüdlich. Dafür ist sie jetzt Unternehmerin, eine bemerkenswerte Karriere für eine Ausländerin, die vor zehn Jahren in Italien mit nichts angefangen hat.

"In Kiew sind wir in den Zug gestiegen. In Bratislava wartete dann ein Reisebus, der uns direkt nach Bibbione gebracht hat. Eigentlich war es eine recht wohlhabende Reisegruppe, Touristen, die sich diese teuren Ferien leisten konnten. Ich war die einzige, die etwas anderes im Sinn hatte als Ferien. Die anderen sind auch alle wieder nach Hause gefahren. Nur ich wollte in Italien bleiben. Ein paar wenigen Mitreisenden habe ich verraten, dass ich heimlich in Italien bleiben würde, und so habe ich mich auch von niemandem verabschiedet."

Sie stammt aus einer Kleinstadt in der Nähe von Tschernobyl. Den Atomunfall hat sie als Schulmädchen erlebt. Die radioaktive Strahlung ist heute für sie ein fast vergessener Albtraum. Aber der darauffolgende Zusammenbruch der Wirtschaft war schließlich der Hauptgrund, dass sie ihre Heimat verlassen hat. Italien schien ihr zunächst wie ein Traum:

"Es war so schön, überall roch es so gut, die Leute waren alle so gepflegt und dann die Farben. Ich bin sehr empfänglich für schöne Dinge, und so schien mir Italien wunderbar sauber und aufgeräumt. Aber ganz besonders fiel mir auf, dass alle arbeiteten, wie die Wilden, arbeiten, arbeiten, arbeiten, immer arbeiten."

Nataliya passte sich den arbeitswütigen Norditalienern sofort an. Ganz systematisch versuchte sie, Fuß zu fassen. Dabei half ihr ein offenes freundliches Wesen, ihr blendendes Aussehen, die strahlend blauen Augen und die langen blonden Haare. Um Italienisch zu lernen, verdingte sie sich erst mal als Kindermädchen, dann bewarb sie sich als Kellnerin, verdiente mehr und lernte die Sprache noch besser. Getrieben war sie von einem starken Verantwortungsgefühl für die Familie in der Heimat:

"Meine Eltern hatten große Hoffnungen in mich gesetzt. Heute noch sagt mein Vater zu mir, wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre es der ganzen Familie in der Ukraine noch viel schlechter gegangen. Ich habe sie lange Zeit unterstützen können."

Schon ein Jahr nach ihrer Ankunft hatte sie ein gigantisches Glück, wie Nataliya sagt. Ein Parlamentsbeschluss, die so genannte sanatoria von 1997 gestand allen illegalen Ausländern eine reguläre Aufenthaltserlaubnis zu. Nataliya bekam das begehrte Papier, musste nun nicht mehr schwarz arbeiten und nahm eine feste Stelle als Fabrikarbeiterin an, ohne dabei höhere Ziele aus dem Auge zu verlieren. Vor einem Jahr schließlich lieh sie sich 20.000 Euro von der Bank und mietete eine chemische Reinigung. Seitdem ist sie ihre eigene Herrin.

"Hier dieser Rock und ein paar Hosen, reinigen und bügeln . Sonst habe ich doch nichts mehr hier bei Ihnen. Danke, einen Zettel brauche ich nicht."

Die ältere Dame reicht ihre Kleidungsstücke über den Tresen und zeigt Nataliya die Schmutzstellen. Sie ist schon seit einer Weile Dauerkundin und mit dem Service, den die junge hübsche Dame aus der Ukraine bietet, ausgesprochen zufrieden.

"Die Signora ist einmalig, es macht mir richtig Freude, in die Reinigung zu gehen. Manchmal suche ich zuhause nach schmutziger Wäsche, nur um einen Grund zu haben, hierher zu kommen. Die Inhaberin ist ein wahrer Sonnenschein. Ich weiß zwar, dass sie keine Italienerin ist, aber nicht woher sie kommt. Ah, aus der Ukraine ist sie. Hat sich aber gut bei uns eingelebt. Ja, sie macht das wirklich toll. Ich habe überhaupt nichts gegen Ausländer. Hier sind sehr ordentliche Immigranten."

Nataliya ist inzwischen rot angelaufen wegen des überwältigenden Lobes, doch ihre Kundin ist nicht zu bremsen:

"Sie hat zurecht einen fabelhaften Ruf bei uns. Und außerdem ist sie 'bellissima’. Mein Bruder sagte jüngst zu mir, nachdem er seine Kleider in die Reinigung gebracht hatte: 'Weißt du denn, ob sie noch zu haben ist, die Signora?’ 'Nein', habe ich ihm gesagt, 'sie ist nicht mehr frei. Schon vergeben.' Mein Bruder hat das zum Scherz gesagt, aber sie ist wirklich wunderschön. Frohes Schaffen."

Seit drei Jahren ist die heute 34j-ährige Nataliya mit einem Italiener verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn ist zwei Jahre alt, der inzwischen 13-jähriige aus erster Ehe lebt auch wieder bei ihr. Nataliyas nächstes Ziel ist es, eine oder zwei Filialen in Conegliano aufzumachen. Sie spürt, dass sie gemocht wird von den Menschen in ihrem Städtchen. Und sie ist bereit, ihren Teil dazu beizutragen, mit viel Fleiß und Anpassungsvermögen. Ihr natürlicher Charme, ihre Intelligenz und das ansprechende Äußere tragen ihren Teil zum Erfolg bei:

"Ich verstehe sehr gut die Politik und die sozialen Probleme mit Ausländern. Als Fremder muss man sich anständig benehmen und von der besten Seite zeigen. Wir sind hierher gekommen und von den Italienern freundlich aufgenommen worden. Und dafür haben sie unseren Dank verdient. Sie haben vielen Menschen eine Chance gegeben. Als Immigrant muss man vor allem die positiven Seiten seiner eigenen Kultur mitbringen, nicht die negativen. Man darf sich nicht als Eindringling benehmen, man darf nicht aggressiv sein. Oder Streit suchen stehlen oder sonst etwas Böses anstellen. Das ist wirklich das Schlimmste, was man in einem Land tun kann, in dem man zu Gast ist."


Das Weggehen von Zuhause fällt nicht leicht. Und das Ankommen in einem neuen Land ist schwierig, es gilt, mit einer fremden Sprache und mit misstrauischen Menschen zurechtzukommen. Wer seine Heimat verlassen hat, wird immer anders sein als seine neuen Nachbarn, und, sollte er zurückgehen, auch dort wiederum ein Fremder sein. In seinem Roman "Der Himmel im Süden" erzählt der Schriftsteller Erri De Luca die Geschichte eines Mannes, der seiner großen Liebe nach Argentinien folgt, mit ihr gegen die Militärdiktatur kämpft und viele Jahre später heimkehrt nach Italien. Nur wenigen Menschen kann und will er sich mitteilen – er zieht Bücher als Begleiter vor, führt ein zurückgezogenes Leben als Gärtner und macht sich seine Gedanken über das Wurzelschlagen, über das Leben, und über das Unterwegssein.

"Der Morgen bricht an über dem Zug, der mich in die Stadt bringt. Das Dunkel gibt an einer Stelle nach und wird blass. Wenig Licht zum Lesen, der Waggon ist alt, er knarrt, rüttelt.

Ich betrachte die Äcker, denke an den Garten. Bäume wachsen zu lassen schenkt Befriedigung.

Ein Baum ähnelt eher einem ganzen Volk als einem Menschen. Er läßt sich unter Mühen nieder und schlägt Wurzeln im Verborgenen. Hält er durch, ist das der Beginn vieler Generationen von Blättern.

Dann nimmt die Erde ringsum ihn gastfreundlich auf und treibt ihn in die Höhe.

Die Erde sehnt sich nach Höhe, nach Himmel. Sie drängt die Kontinente zum Zusammenstoß, damit sich die Gebirgskämme erheben.

Sie reibt sich an den Wurzeln, um sich mit dem Holz in die Luft hinein auszudehnen.
Und wenn sie Wüstenerde ist, wird sie zu Staub, um aufzusteigen. Der Staub ist ein Schleier, er wandert, weht übers Meer hinweg. Der Schirokko nimmt ihn mit aus Afrika, er stiehlt die Gewürze von den Märkten und würzt damit den Regen.

Was für ein seltsamer Baumeister ist die Welt."

Die Region Veneto gilt als die Lokomotive der italienischen Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist hier so niedrig wie sonst nirgendwo in Italien. Der Unternehmergeist der Veneter ist sprichwörtlich, ebenso ihr Fleiß und ihr Erfindungsreichtum. Die einst bitterarme Bauernregion ist heute ein Paradies kleiner und mittelständischer Betriebe - und die Gegend um die Städte Vicenza, Padua, Venedig und Treviso inzwischen die zweitwichtigste Industrieregion des Landes, nach dem Piemont. Die zahlreichen Unternehmen, die in den 70er und 80er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, florieren, weil sie innovativ und flexibel auf den Markt reagieren. Ohne Arbeitsmigranten aus dem Ausland hätte es diese Erfolgsgeschichte nicht gegeben. Denn es fehlt an einheimischen Facharbeitern. Und arbeitssuchende Süditaliener können sich den Umzug wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Norditalien nicht leisten.

Immigranten aus dem Ausland scheuen den Weg nicht und nehmen alle Mühen in Kauf. Se haben meist auch keine andere Wahl. Sie geben sich zufrieden mit Löhnen, die weit unter dem Durchschnitt liegen, akzeptieren harte Arbeitsbedingungen und begnügen sich mit einfachsten Unterkünften. Ihre Rechte können sie nicht geltend machen - und auch das macht sie für Arbeitgeber attraktiv.



"Wir wollten Arbeiter und es kamen Menschen" - Im ehemaligen Pfarrhaus kümmert sich Don Bruno um die Einwanderer

Zwei junge Männer hantieren mit Aluminiumtöpfen auf dem Herd in der Mitte des kleinen Raumes, eine einfache Küche mit Resopalmöbeln und einer großen Neonlampe an der Decke. Sie bereiten sich ein spärliches Abendessen: gekochte Eier mit Gries, etwas aufgewärmter Couscous. In der "Casa di Accoglienza per Stranieri", dem Ausländerwohnheim in Giavero del Montello kennt man keinen Luxus. Hier wohnen die Ärmsten der Armen, all jene, die sich keine eigene Bleibe leisten können. Betrieben wird das ehemalige Pfarrhaus von der Caritas in Treviso. Don Bruno Baratto kommt beinahe täglich aus der Nachbarstadt, um im Heim nach dem Rechten zu sehen. Die 20 Schlafplätze sind meist voll belegt. Das Pfarrhaus hat den einfachen Komfort einer Jugendherberge, aber dafür zahlt man auch nur 120 Euro Unkostenbeitrag im Monat.

"Noch bis vor kurzer Zeit herrschte erheblicher Bedarf an Arbeitskräften, auch wenig qualifizierten, hier im Veneto und im ganzen Nordosten Italiens. Aber die Zeiten ändern sich drastisch. Arbeit finden nur noch spezialisierte Leute. Andererseits: die Fremdarbeiter sind nun mal hier. Ich zitiere immer wieder die Worte von Max Frisch: 'Wir wollten Arbeitskräfte und es kamen Menschen.'"

Don Bruno ist ein kleiner Mann mit schütterem Haar, hager, etwa 45 Jahre alt. Er trägt ein dunkles Hemd unter seinem Anorak, nur das kleine silberne Kreuz an seiner Brust verrät, dass er Priester ist.

"Was tun wir jetzt mit ihnen, schicken wir sie einfach wieder zurück? Zusammen mit ihren Frauen und Kindern? Wie oft haben wir es erlebt, dass die Immigranten, so lange sie allein hier waren, Schwierigkeiten machten und zu trinken begannen. Aber sobald ihre Familien nachgekommen waren, führten sie plötzlich ein ganz reguläres Leben und konnten sich viel besser einfügen in die Gesellschaft."

Sein Leben besteht nicht aus Messe und Beichte, sondern aus den Problemen der Tausenden von Immigranten in seiner Diözese: Wohnungsnot, Krankheit, Einsamkeit, all die Schwierigkeiten, sich in der Welt der fleißigen aber auch oft scheuklappentragenden Wohlstandsgesellschaft in Nordostitalien zurechtzufinden. Die Politik bietet keine Lösungen an, also sind Initiativen der Kirche und vieler freiwilligen Helfer gefragt. Don Bruno sorgt im Wohnheim für die alleinstehenden Männer, er hält sie zur Ordnung an, sucht Arbeit, vermittelt psychologische Hilfe - für den kleinen drahtigen Gottesmann nicht nur Mühe, sondern auch ein Gewinn über alle religiöse Grenzen hinweg.

"Ich arbeite vorwiegend mit Moslems, das hat sich so ergeben. Der Islam ist nichts für mich, ich würde meinen Glauben dafür nicht aufgeben. Aber der Islam hat mir entscheidend geholfen, die essentiellen Inhalte meines eigenen Glaubens wieder zu entdecken. Unwichtiges zu lassen und zu sehen, was wirklich zählt. Eindeutig eine Bereicherung."

Ein junger Mann nähert sich, kurzes dunkles Haar, er begrüßt Don Bruno herzlich und stellt sich vor: Mustafa Morshid, 32 Jahre alt, seit vier Jahren in Italien, ein unschuldiges Opfer internationaler Konflikte.

"Ich wollte emigrieren, aber nicht nach Italien, sondern nach Kanada. Ausgerechnet zum Zeitpunkt der Terroranschläge in Amerika, am 10. September 2001 kam ich in Paris an. Am nächsten Tag sollte ich weiterreisen, aber mein Antrag auf Einwanderung war prompt in den Müll gewandert. Da saß ich nun und hatte eine Menge Schwierigkeiten. Ich hatte meinen Job in Marokko aufgegeben und konnte nicht mehr zurück. Da hat mich die Schwester meiner Mutter, also meine Tante, die in Treviso lebte, zu sich eingeladen. Und so bin ich in Italien gelandet."

Er hatte es schwer: Kultur und Sprache waren ihm fremd. Mustafa brauchte fast ein Jahr, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, erst danach konnte er sich eine Arbeit suchen, aber er fand nichts, was seiner Qualifikation als Betriebswirt im Textilgewerbe entsprach.

"Ich habe mich zu jedem Job gezwungen, den ich finden konnte. Auch als einfacher Arbeiter hab ich geschuftet, nur um etwas zu verdienen. Was anderes bleibt mir nicht übrig. Berauschend ist das natürlich nicht. Es ist hart, wenn man jahrelang studiert hat, wenn die Familie Opfer gebracht hat, um dich was lernen zu lassen und du arbeitest dann Seite an Seite mit denen, die keine Schule besucht haben. Und es ist traurig, wenn du nicht beweisen kannst, was in dir steckt."

Mustafa will auf jeden Fall ehrlich bleiben, er träumt von einer eigenen Familie, aber dafür muss er noch eine ganze Weile sparen. Und das kann er nur, wenn er im bescheidenen Wohnheim von Don Bruno lebt. Sein Abendessen besteht aus Oliven, etwas Brot und Frischkäse, zum Kochen hat er keine Lust. Mustafa muss um sechs Uhr wieder aufstehen, von sieben Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags steht der zarte Mann am Hochofen in der Fonderia del Montello.

Don Bruno wünscht den Männern aus Marokko, Ghana, aus Algerien, Sudan, aus Palästina und woher sie alle kommen, eine gute Nacht. Alles scheint friedlich, das ist nicht immer so, verrät der quirlige Priester auf dem Weg zu seinem Auto.

"Manchmal muss ich die Polizei rufen, wenn es Streit gibt, weil jemand betrunken ist oder weil man sich um die Wäsche zankt. Wenn so was vorkommt, muss der Schuldige das Heim für mindestens eine Woche verlassen. Damit die anderen verstehen, dass bestimmte Regeln hier eingehalten werden müssen. Man muss sich um die Leute kümmern. Sonst funktioniert das Zusammenleben nicht."


Der Ausländeranteil im Veneto liegt bei 6,1 Prozent und ist damit etwas höher als der italienische Durchschnitt. Verglichen mit Deutschland oder Frankreich leben wenige Einwanderer in Italien, doch sie kommen aus der ganzen Welt. In der traditionell geprägten ländlichen Region zwischen Venedig und den Dolomiten leben Menschen aus 190 Nationen. Von einem Multikulti-Paradies ist jedoch nichts zu spüren im Veneto. Höflichkeit und Pragmatismus bestimmen das Zusammenleben. Widersprüche und unterschwellige Konflikte zeigen sich erst bei genauerem Hinsehen: Die Kleinunternehmer haben nichts gegen die Ausländer, die für sie arbeiten. Im Gegenteil: Sie brauchen sie. Und trotzdem wählen die meisten von ihnen die Lega Nord, die zwar die Unternehmer unterstützt, aber gleichzeitig eine rigorose Anti-Ausländerpolitik betreibt, bis hin zu offenem Rassismus.

Doch die Firmenbesitzer im Veneto sehen über diese Doppelmoral hinweg. Sie haben nur ein Ziel vor Augen: finanziellen Erfolg. In ihren kleinen Betrieben geht es um das Produkt. Und im schlimmsten Fall ums Überleben, angesichts der harten Konkurrenz aus Fernost.



Die Textilfabrikantin Daniela Carraro und die chinesische Konkurrenz

"Anteo" steht auf einem unscheinbaren Schild an einer unscheinbaren Halle am Ortsrand von Montebelluno, eine von vielen tausend kleinen Fabriken, die Norditalien reich gemach haben. Es ist Samstagmorgen, Daniela Carraro macht Bestandsaufnahme in ihrem kleinen Büro und bereitet mit einigen wenigen Mitarbeiterinnen die Aufträge der kommenden Woche vor, wenn die gesamte Belegschaft von 22 Männern und Frauen wieder an den Nähmaschinen sitzen wird.

Vor genau 20 Jahren hat Daniela zusammen mit ihrem Mann diese Näherei erstanden. Eigentlich wollte sie Turnlehrerin werden, doch wie viele aus dem Veneto hat sie ihr Organisationstalent und ihren Wunsch nach Selbstständigkeit dann doch lieber als Unternehmerin verwirklicht. Diese Entscheidung hat sie nie bedauert, aber sie brauchte viel Fleiß und Ausdauer. Die Zukunft macht der blonden Chefin Sorgen. Sie hat zwei Kinder, halbwüchsige Jungen, um die sie sich intensiv kümmern muss. Und dann sind da ja auch ihre Angestellten.

"Wir sind ein Zulieferbetrieb für die Firma Benetton, ein schwieriges Geschäft. Die Textilbranche hat als erste die Konkurrenz der Billigländer zu spüren bekommen. Aber auch vorher mussten wir uns schon abstrampeln, um mit dem heimischen Personal zu überleben. Wir arbeiten mit sehr geringen Gewinnmargen, wir müssen auf den Cent genau kalkulieren und versuchen oft, Sekunden in der Produktion einzusparen, damit uns noch etwas übrig bleibt. Und man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, die Mitarbeiter zu motivieren, denn hohe Löhne können wir nicht zahlen."

Stolz zeigt die elegante, schlanke Chefin die Kleidungsstücke, die sie heute noch ausliefern wird: Damenhosen, Jeans, Strandkleidung. Sie fertigt Musterware, die einwandfrei sein muss und jene Teile der Kollektion, die in den Vorzeigeläden der Benetton-Kette verkauft werden und zwar als rein italienisches Qualitätsprodukt. Denn die Massenware kommt längst aus Fernost:

"Unsere Ware muss absolut perfekt genäht werden. Bei ausländischer Ware, die nur drei Euro kostet, sind irgendwelche Defekte kein Problem. Selbst wenn man die Hälfte wegwerfen muss, ist das kein Verlust. Aber wenn die Kleider, die wir herstellen, und die erheblich teurer sind, Mängel aufweisen, dann bekommen wir das massiv zu spüren Wir dürfen uns eigentlich nicht den geringsten Fehler erlauben."

Höchste Qualität zu niedrigsten Preisen, diese Gleichung kann auf Dauer nicht aufgehen. Daniela Carraros beste Arbeitskräfte wollen gut bezahlt werden - und kündigen, wenn ihre Lohnforderungen nicht erfüllt werden.

Daniela Carraro machte aus der Not eine Tugend. Weil die Konkurrenz aus China immer größer wurde, stellte sie selbst chinesische Arbeitskräfte ein. Die Hälfte ihrer Belegschaft kommt aus Fernost. Ihre Lieblingsmitarbeiterin ist Huang Yuhua. Die 20-jährige Chinesin ist nicht nur ausgesprochen flink, sondern sie spricht auch einwandfrei Italienisch. Sie fungiert als Dolmetscherin für die übrigen elf chinesischen Männer und Frauen, die an den Nähmaschinen arbeiten, und ist inzwischen unverzichtbar. Die Sprache ist das größte Hindernis für ihre Landsleute, meint Huang.

"Nur die Chinesen die hier schon länger leben und auch zur Schule gegangen sind, können Italienisch. Meine Eltern zum Beispiel tun sich sehr schwer."

In Italien findet man nicht nur billige Ware, sondern auch viele billige Arbeitskräfte aus China. Sie kommen aus illegalen chinesischen Werkstätten, wo sie unter schlimmsten Bedingungen arbeiten mussten, meint Daniela Carraro.

"Viele kommen illegal, dann arbeiten sie erst mal ein Jahr in chinesischen Werkstätten. Die sind zwar auch illegal, aber man weiß, dass es sie gibt. Dort arbeiten die Menschen im Zwölf-Stunden-Turnus für italienische Kunden, die es besonders eilig haben. Nach einem Jahr, wenn die Neuankömmlinge die Kosten für ihre Immigration abgearbeitet haben, wechseln sie in italienische Firmen. Und es kommen neue Arbeitskräfte aus China nach."

Huang, die mit ihrer randlosen Brille aussieht wie eine Intellektuelle, ist sich nicht sicher, ob die chinesische oder die italienische Methode besser ist. Geschuftet wird überall.

"Mein Cousin arbeitet hier in einer chinesischen Fabrik. Er verdient je nach Stückzahl, während ich einen Stundenlohn bekomme. Ich habe ihn gefragt, ob er zu uns in die italienische Fabrik kommen möchte Er hat nein gesagt, es gefällt ihm bei seinen Landsleuten besser, da kann er bei der Arbeit plaudern oder, wenn mal gerade nichts zu tun ist, machen sie einen Ausflug. In der italienischen Fabrik musst du acht oder neun Stunden stillsitzen, darfst nicht reden und musst dich immer nur hetzen."

Dass nun ausgerechnet der Druck aus ihrem Heimatland schuld sein könnte, wenn sie eines Tages in Italien ihren Job verliert, das schreckt Huang nicht. Die 1,50 Meter kleine junge Frau mit den klugen Augen und der sanften, melodischen Stimme hat keine Angst vor der Zukunft:

"Dann gehe ich halt zurück nach China, Es ist ein großes Land und wunderschön. Und ich habe meine Schulfreunde noch dort, meine Großeltern und meine Lieblingstante."

Für ihre Chefin gibt es keine Alternative zum Veneto. Daniela Carraro hofft, dass sie ihre Firma noch ein paar Jahre weiterführen kann. Auch wenn sie manchmal der Mut verlässt.

"Bisher konnten wir immer ganz gut überleben. Aber oft will ich alles hinschmeißen. Erst gestern sagte mein Mann zu mir: 'Jetzt ist Schluss, ich mach nicht mehr mit.' Wir müssen inzwischen derart schnell produzieren, dass wir keine Kontrolle mehr über die Qualität unserer Arbeit haben. Man ist so im Stress, dass man hinterher nie weiß, ob man nicht irgendwelche Fehler übersehen hat. Diese ständige Angst ist grausam."


Bis Ende der 80er Jahre gab es in Italien keine illegale Einwanderung: Wer kam, kam als Tourist. Und wer bleiben wollte, blieb. In der Landwirtschaft, in der Fischerei, im Baugewerbe und in der Gastronomie gab es immer genügend Arbeit für so genannte irregulär Beschäftigte. Erst auf den Druck Nordeuropas, und mit dem Plan, die europäischen Binnengrenzen zu öffnen, führte Italien 1990 eine Visapflicht für bestimmte Länder ein, unter anderem für die Maghreb-Staaten oder für Senegal und Gambia. Dann erst kamen die ersten illegalen Einwanderer nach Italien, die meisten per Schiff. Die Kontrollen wurden verschärft. Und je mehr Europa sich abschottet am italienischen Stiefel, desto mehr wird das Mittelmeer zum Schauplatz täglicher Dramen. Wieviele von ihnen die Überfahrt nicht überleben, weiß keiner. Und was mit ihnen geschieht, wenn die Aufnahmelager überfüllt sind, will keiner so genau wissen.

Der Erzähler in Erri De Lucas Roman kommt mit einem afrikanischen Einwanderer ins Gespräch und freundet sich an mit dem Fremden, der, wie er selbst, Sehnsucht hat nach dem Himmel im Süden.

"Ein hoch gewachsener Mann, ein Afrikaner, er ist alt, macht mir ein Zeichen vom Tor her. Ich gehe zu ihm, er stellt sich vor, gibt mir die Hand. Er fragt, wie es mir geht, wie die Arbeit vorankommt. Ich antworte auf den guten Brauch, erst ein wenig Konversation zu machen, bevor man zur Sache kommt. Ich weiß nicht, was er mir zu sagen hat, erst einmal lasse ich ihn hereinkommen und lade ihn ein, im Werkzeugschuppen einen Kaffee zu trinken, den ich mir auf einem kleinen Ofen zubereite.

Er kommt gerne. Gute Zähne hat er zum Lächeln. Hier ist er Hilfsarbeiter, zu Hause züchtet er Vieh. Er kommt oft nach Italien, nie länger als für ein Jahr, dann kehrt er zurück. Im Mund lutscht er etwas. Es ist kein Bonbon, ein Olivenkern. Er liebt die dunklen Oliven, die Kraft des Öls, sich in einem harten Holz einzuschließen, an dem man nagen kann, er mag den Geschmack des Kerns und dreht ihn solange im Mund herum, bis er ganz glatt ist und keinen Geschmack mehr hat. Oliven leisten mir Gesellschaft, sagt er. Eine Hand voll reicht ihm für einen Tag.

Wir trinken, nebeneinander auf der Bank sitzend. Ich sage ihm, sein Italienisch sei in Ordnung. Er erwidert, daß die Sprache ihm besser gefällt als alles andere.
Hartes Leben hier, frage ich. Nein, gut, es ist nicht befriedigend mit den Menschen, doch es ist gut. Man geht aus, bekommt Lust, ein paar Worte zu wechseln, sagt er, aber nein, hier antworten die Menschen nicht. Es ist nicht befriedigend, wiederholt er, aber es ist ein gutes Leben.

Ich stelle die Tassen weg, frage, ob ich ihm mit irgendetwas helfen kann. Ja, sagt er, und zeigt auf die Mimosen. Sie beginnen gerade zu blühen, er fragt, ob er einen Bund haben kann, um sie in kleinen Sträußchen verkaufen zu können.
Ich schneide ihm einen reichlichen Arm voll ab. Er ist zufrieden, fragt nach dem Preis. Nichts, es sind genügend da, und der Pflanze tut es gut, wenn sie gelichtet wird. Komm wieder, solange es welche gibt. Er will bezahlen, keine Schulden haben. Gut, dann kaufst du mir am Ende der Blütezeit eine Flasche und wir trinken sie gemeinsam.

Er setzt sich auf die Erde, zieht eine kräftige Klinge heraus und beginnt, kleine Sträußchen zu machen. Dann geht er, schwarz voller Gelb, und jede der beiden Farben leuchtet im Arm der anderen."

Die italienische Regierung hat immer wieder Versuche gemacht, sich einen Überblick zu verschaffen über die Zahl der Illegalen: mit Aufrufen, sich freiwillig zu melden. Mit horrenden Strafandrohungen für Menschenhändler und zuletzt mit groß angelegten Legalisierungskampagnen, den so genannten Sanatorie. Alle illegalen Einwanderer erhielten, wenn sie wollten, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und eine offizielle Arbeitserlaubnis. Beim letzten Mal 2003 wurden circa eine Million Illegale auf einen Schlag legalisiert. Für die neuen Immigranten wurden aber umso strengere Regeln eingeführt: nun wird die Zahl der Einwanderer staatlich festgelegt, per Quote. Damit hat Italien klarere Verhältnisse geschaffen als etwa Deutschland, das sich bisher nicht auf eine Quotenregelung eingelassen hat. Italien akzeptiert mittlerweile, ein Einwanderungsland zu sein und ist dazu übergangen, die Immigration zu steuern. Das läuft nicht problemlos, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot, weil die zentralistische Ausländerpolitik vorbeigeht an den lokalen Bedürfnissen, und damit auch die Planung von Unternehmern erschwert, die auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind. Nicht zuletzt ist der bürokratische Aufwand dieser Quotenregelung enorm. Und viele sagen, dass die Situation für Ausländer noch unsicherer geworden sei.

Im italienischen Alltag jedoch ist von der Rigorosität der gesetzlichen Regelungen wenig zu spüren – man arrangiert sich, so hat man es schon immer gemacht, Ausweiskontrollen nehmen zwar zu, aber gnadenlose Abschiebungen wie in Deutschland sind nicht die Regel. Und so ist es auch nicht die Aufgabe der Carabinieri, die Papiere der Immigranten zu überprüfen, sondern generell für Ordnung zu sorgen in den Gassen von Venedig.



Ein fliegender Händler aus dem Senegal fürchtet die venetianische Polizei

Gleich hinter Piazza San Marco, wo elegante Läden teure Waren feilbieten und Straßenmusikanten mit dem Hut Kleingeld bei den vielen Tausenden von Touristen sammeln, stehen die senegalesischen Straßenverkäufer mit ihrem Angebot billiger Handtaschen und modischer Rucksäcke. Mahmadou ist der Aufpasser in der kleinen Gruppe. Ständig spricht er ins Handy, horcht oder antwortet.

"Die Polizei will nicht, dass wir hier unsere Waren verkaufen. Die Ladenbesitzer wollen uns nicht. Das ist eine Geschäftsstadt . Die einheimischen Händler wollen ihre Ruhe haben."

Deshalb haben die Immigranten mit ihren fliegenden Verkaufsständen ein Warnsystem eingerichtet. Nahen die Ordnungskräfte, um die Händler zu vertreiben, dann wird schnell telefoniert. Ein ständiges Katz- und Maus-Spiel, das einem das Leben unnötig schwer macht, meint Mahmadou.

"Ich bin es wirklich leid. Ich muss ja schließlich auch essen und trinken. Klauen will ich nicht, ich will die Gesetze achten . Aber obwohl wir seit Jahren in dieser Stadt leben, lässt man uns nicht in Ruhe. Wir haben allen Respekt für die Einheimischen und für die Besucher. Wir fügen uns den Vorschriften. Wir wollen dafür nur in Frieden leben."

Kein besonders üppiges Leben. Mahmadou friert in seiner dünnen Plastikjacke. In Venedig ist es abends meist kühl und feucht. Seit vier Jahren ist der 42-jährige Senegalese in Italien. Er kam mit einem Touristenvisum, hat dann eine Aufenthaltserlaubnis bekommen und einen Gewerbeschein. Zusammen mit drei seiner Landsleute lebt er in einer Wohngemeinschaft. Vier Mann teilen sich 800 Euro Monatsmiete für die kleine Wohnung am Festland. In den kleinen Betrieben von Italienern oder Chinesen rund um Treviso ersteht Mahmadou die Ware, die er dann im Zentrum von Venedig vorwiegend an Touristen weiterverkauft. Manchmal verdient er nur 20 oder 30 Euro am Tag, sagt er, manchmal etwas mehr. Kann man davon leben?

"Das ist extrem schwer. Aber wenn man nichts anderes findet, muss man halt damit zufrieden sein. Hätte ich im Senegal Arbeit gefunden, wäre ich natürlich zuhause geblieben. Das wäre viel angenehmer. Und sobald ich es mir erlauben kann, gehe ich auch in meine Heimat zurück."

Zuhause, das bedeutet ein freieres Leben, sagt Mahmadou, und ein Leben mit seiner Familie, die er nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hat.

"Ich habe eine richtige Familie, eine Frau und drei Kinder, und meine Mutter lebt auch mit ihnen. Vor zwei Jahren habe ich sie zum letzten Mal gesehen. Weil die Geschäfte nicht gut gehen, kann ich mir die Reise nicht leisten. Und das ist hart."

Zwei Jahre ohne Frau und Familie und dabei war er immer treu, sagt der schlanke, gutaussehende und sympathische Mahmadou. Er raucht nicht und er trinkt nicht. Er verdient und schickt nach Hause, und eines Tages geht er zurück, sagt er und hofft, mit den Ersparnissen irgendwann ein sorgloses Leben im Senegal führen zu können. Vorläufig aber heißt es aufpassen, die Polizisten sind im Anmarsch, also raffen Mahmadou und die drei anderen tiefschwarzen Afrikaner ihre Ware in einem Bettlaken zusammen und flüchten in eine schmale Seitengasse. Ihr Freiluftladen ist wieder mal vorübergehend geschlossen.

"Die Gendarmen sind unterwegs, wir hauen hier besser ab. Gerade hat man mich gewarnt, sie sind in der Nähe. Au revoir, e merci "


Der Veneto ist nicht nur Italiens wirtschaftliches Zugpferd, sondern auch ein Laboratorium. Hier, so sagt man, werden Trends gesetzt und so manche soziale und ökonomische Entwicklungen vorweggenommen, die nicht nur Italien betreffen, sondern ganz Europa.

Das Stichwort Globalisierung: Die Unternehmer im Veneto setzen seit jeher auf Qualität in kleinen Betrieben, sie haben gute Ideen und können schnell reagieren: die Textilproduktion etwa wird nach und nach eingestellt, wegen der Billigkonkurrenz in Fernost. Stattdessen entstehen neue Fabriken, in denen hochwertige Nähmaschinen für die Textilproduktion gefertigt werden. Die internationale Nachfrage steigt.

Das Stichwort Migration: Die Ersparnisse der ehemaligen Gastarbeiter und ihre Erfahrungen in Nordeuropa waren der Grundstein für die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Veneto. Aber ohne die Arbeitsmigranten aus dem nicht-europäischen Ausland wäre es beim Fundament geblieben – und diese wiederum werden nach ihrer Rückkehr ähnlich fruchtbare Samen säen in ihrem Herkunftsland.

Und schließlich das Stichwort Demografie: Wie überall in Europa sinkt auch im Veneto die Geburtenrate. Ökonomen fürchten, dass in den nächsten 15 Jahren die Bevölkerung im Alter zwischen 25 und 44 um 40 Prozent schrumpfen wird. Das allein schon wäre das Aus für die meisten kleinen Betriebe. Gleichzeitig schicken die aufstrebenden Veneter ihre Kinder auf die Universität: Betriebswirte oder Tourismusexperten jedoch werden nur wenige gebraucht. Ohne tatkräftige Arbeiter aus dem Ausland müsste so mancher Weinbauer seine steilen Hänge den Ziegen überlassen.



Winzer und Knecht

Nicola Lukenda steuert umsichtig den kleinen Traktor durch die schnurgraden Rebstockreihen des Weinbergs. Rückwärts. Mit einer Art riesiger Mistgabel, die am Traktor angehängt ist, räumt er den Rebschnitt zusammen und schiebt ihn aus dem Weinberg, wo er später verbrannt wird, damit sich Krankheitserreger nicht ausbreiten können.

"So, jetzt ist das alles schön ordentlich und sauber. Als nächstes müssen wir dann das Gras häckseln, das jetzt nachwächst. Das dauert noch ein paar Tage. Hier fehlt es nie an Arbeit, Winter wie Sommer ist immer etwas zu tun."

Nicola ist 35 Jahre alt, seine sonore Stimme passt zur Körpergröße. Er ist 1,92 Meter groß und wo er seinen Traktor hinfährt, da wächst garantiert kein Gras mehr. Er stammt aus Bosnien, aus Banja Luka. Doch weil er Kroate ist, hat er im Balkankrieg seine Heimat verloren, viele Freunde sind tot. Während des Krieges hat er sich versteckt, sagt er, er wollte nicht auf seine Nachbarn schießen. Nach dem Krieg ist er abgehauen.

"Ich arbeite jetzt seit sechs Jahren hier in Italien, die Landarbeit ist oft hart, so ist das nun mal. In Kroatien habe ich alle möglichen Jobs gehabt, als Waldarbeiter, als Kellner, sogar als Koch hab ich es versucht, aber in einem Land, das gerade einen Krieg hinter sich hatte, war es zu schwer. Inzwischen haben die Fabriken in Kroatien wieder angefangen zu arbeiten, es scheint aufwärts zu gehen."

Nicola überlegt natürlich, ob er wieder zurückgehen soll in seine Heimat. Beim Winzer Marsura verdient er 1500 Euro im Monat, knapp zehn Euro die Stunde. Doch die Schufterei in den steilen Prosecco-Weinbergen gefällt ihm.

"Die Arbeit macht mir Spaß. Von mir aus kann das noch eine Weile so weitergehen. Ich komme gut mit dem Padrone aus, der ist ein feiner Kerl. Eine Arbeit am Fließband, den ganzen Tag eingesperrt in der Fabrik, also das wäre nichts für mich."

Valter Marsura lädt Weinkartons in seinen kleinen Laster. Er ist 50 Jahre alt, wirkt dynamisch und aufgeschlossen. Er ist ein Mann, dem man den geschäftlichen Erfolg ansieht, äußerlich bescheiden und bodenständig, aber mit über 30 Hektar eigenen Weingärten ein ausgesprochen wohlhabender Winzer. Für Valter Marsura ist Nicola eine ideale Arbeitskraft. Nicola kann zupacken, ist zufrieden mit seiner Arbeit und seinem Lohn. Weil er keine eigene Familie hat, ist er stets bereits in die Weinberge zu gehen, auch am Wochenende, wenn es sein muss. Außer der Arbeit hat Nicola keine großen Interessen und deshalb passt er hervorragend zu den Leuten im Veneto, meint der Winzer Marsura, der jährlich 4500 Hektoliter erstklassigen Prosecco herstellt.

"Unser Problem sind die Arbeitskräfte. Unser Nachwuchs geht auf die Uni und will sich nicht mehr mit der Feldarbeit abgeben. Und deshalb müssen wir uns Personal aus dem Ausland suchen. Aber es ist gar nicht so einfach, diejenigen zu finden, die wirklich arbeiten wollen. Denn oft haben Ausländer nicht die gleiche Auffassung von Arbeit wie wir. Die lassen es ruhiger angehen. Unter zehn ist aber einer der zupackt, der versteht, wie man arbeiten muss und der zu unserem Arbeitsleben passt. Wir aus dem Veneto haben nie Zeit, sind ständig in Eile und gönnen uns keine Verschnaufpause."

Der ellenlange Nicola hat sich dem frenetischen Rhythmus angepasst und wird deshalb von den Einheimischen akzeptiert, mehr als andere Ausländer, da ist er sich sicher.

"Ich habe nie Probleme als Ausländer gehabt. Ich bin hergekommen, um zu arbeiten und Geld zu verdienen, nicht wie viele andere, die kommen und dann keinen Strich tun. Wie zum Beispiel diese Albaner, die per Schiff hier einreisen. Ich kann mir nicht vorstellen, was die hier machen. Meiner Meinung leben die von Almosen."

So sehr schätzt der Chef Valter Marsura Nicolas Arbeit, dass er ihn bei sich wohnen lässt und freundschaftlich mit ihm umgeht. Er weiß, was es heißt, fern von der Heimat zu leben.

"Mein Vater war Gastarbeiter, meine Schwiegereltern auch. Das hat sich jetzt ins Gegenteil verkehrt, nun sind sie wieder zuhause und wir beschäftigen Ausländer. Dafür erzählen uns die Eltern heute noch, wie schwierig es damals in der Schweiz war und in Deutschland. Und dass sie in Baracken leben mussten. Das hat sich geändert, heute muss man den Leuten, die kommen, eine anständige Bleibe anbieten. Wer gut arbeiten soll, der verdient auch eine gute Behandlung. Aber unsere alten Herrschaften sind damit absolut nicht einverstanden. Die hätten es lieber, man würde die Immigranten so behandeln wie früher. Aber das geht nicht mehr, die Welt hat sich inzwischen doch verändert."

Valter Marsura weiß, was er an seinem Arbeiter hat, er tut alles dafür, ihn zu halten. Doch auch wenn Nicola arbeitet, weil es ihm Spaß macht und er viel vom verdienten Geld sparen kann, will er doch irgendwann zurück nach Kroatien und sich dort ein eigenes Stück Land kaufen.

"Meine Heimat ist Kroatien, dort zu leben ist allemal besser als in Italien. Hier werde ich mich immer fremd fühlen, ich bin einfach nicht wie einer, der hier in Italien geboren ist, der ist immer etwas anderes. Bei der Arbeit, da fühl ich mich nicht als Fremder, aber nach Feierabend bin ich halt doch immer der Ausländer."

"Im Garten erscheint Selim wegen der Mimosen und um ein bißchen über sein Dorf zu reden, wo man barfuß geht und darum gerne miteinander spricht.
Wenn du Schuhe anziehst, sprichst du nicht, so denkt er über uns. Wenn uns die nackte Fußsohle auf dem Erdboden fehlt, sind wir voneinander getrennt, sagt seine Zunge, in deren Innerem eine Gräte aus Silber stecken muß, um seine Stimme so klingend zu machen.

Er sagt: Hier bei euch baut man mit Wasser aus der Erde. Ihr nehmt Wasser aus einem Brunnen, aus einer Quelle, aus einem Fluß. Bei uns baut man mit Wasser vom Himmel.

Wir sammeln es und wenn wir ein wenig haben, rühren wir mit diesem Wasser an. Unsere Häuser sind aus Regen gemacht, es sind eher Wolken als Häuser.
Und Selim lacht, er lacht über die Häuser dieser Welt.

Er begleitet mich zum Mittagstisch, verabschiedet sich damit von mir. Er geht nach Sizilien, wo jetzt die kleinen Tomaten geerntet werden, die Kirschtomaten.
Ich sage ihm, daß er der Erde folge.

Ich folge deiner Erde sagt er lächelnd, die mit den Jahreszeiten geht, während meine stillsteht.

Dann tunkt er das Brot ein und sagt: 'Gute Zusammentreffen hat es gegeben, weil die Menschen weit übers Meer gefahren sind. Die Kartoffel aus Amerika hat das Öl der Oliven gefunden und die Tomate ist auf dem Korn gelandet.'

Er kaut mit Genuß, ich denke an seinen dunklen, über das Rotgrün der Tomatenpflanzen gebeugten Rücken, an die Sonne, die er sich bald zehn Stunden am Tag und für die Hälfte des gerechten Lohns auf den Rücken laden wird. Und schließlich sage ich ihm, daß es eine Ehre für mich ist, mit ihm an einem Tisch zu sitzen."

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