100.000 Corona-Tote in DeutschlandNichtstun der Bundesländer verantwortlich für das Versagen

Die Zahl der Corona-Toten in Deutschland hat die Marke von 100.000 überschritten. Schuld daran ist auch das Nicht-Reagieren der Bundesländer, kommentiert Volker Finthammer. Andererseits nützten Regeln nichts, wenn sich niemand daran hält. Die vielen Toten könnten aber zu einem Bewusstseinswandel führen.

Ein Kommentar von Volker Finthammer | 25.11.2021

Kerzen und Steine mit Aufschrift zur Erinnerung an die Toten der Corona-Pandemie
In Deutschland sind über 100.000 Menschen an dem Coronavirus gestorben (picture alliance / Jochen Tack)
Kaiserslautern ist nicht mehr da. Es könnte aber auch Hildesheim sein. Oder Cottbus. Diese drei Städte haben jeweils um die 100.000 Einwohner. So viele, wie bislang an der Corona-Pandemie in Deutschland verstorben sind.
Würde es wirklich um einen dieser Orte gehen, dann wäre der Aufschrei sicherlich groß, weil nicht mehr hier wäre, was vor einem Jahr noch mit prallem Leben gefüllt war. So aber sind die 100.000 Corona-Toten eine abstrakte Zahl. Für alle, die einen Angehörigen, einen Freund oder eine Freundin verloren haben, bleibt es jedoch eine bittere Wahrheit, die auch ihr Leben verändert hat.

Viele Tote führen zu einem Bewusstseinswandel 

Aus Spanien und Portugal aber auch aus Italien wissen wir, das die vielen Toten dort auch zu einer Veränderung geführt haben, zu einem gesellschaftlichen Bewusstseinswandel, dass das Virus keine grippeähnliche Erkältung, sondern sehr wohl eine tödliche Gefahr ist.
Diese unmittelbare Gefahr hat andernorts die Impfbereitschaft und die allgemeine Vorsicht befördert. Deutschland ist gut durch die ersten Wellen gekommen und die Impfkampagne und die anfänglichen Impferfolge haben und bis zum Spätsommer glauben lassen, das die vierte Welle schon so schlimm nicht werden wird.
Grafik mit der Entwicklung der Todeszahlen in Deutschland
(dpa)
Der historische Vergleich mit den Wellen der spanischen Grippe ließ diese Vermutung zu. Aber den Experten war früh genug klar, dass die Virusvarianten sich nicht an historische Vorbilder halten, sondern eigene Wege gehen. In Sachsen, Bayern und Thüringen können sie derzeit ein Lied davon singen.

Politisches Vakuum rund um die Bundestagswahl 

Dazu kommt das politische Vakuum, das der Vorlauf zur Bundestagswahl und die schwierige Zeit der Regierungssuche danach befördert hat. Die noch geschäftsführende Regierung wollte lange Zeit nicht wirklich eingreifen, die kommende konnte noch nicht, weil sie sich über Mittel und Wege noch nicht einig war.
Aber wir machen es uns auch zu einfach, wenn wir da immer nur auf den Bund schauen. Der kann letztlich nur für den gesetzlichen Rahmen und die notwendige Abstimmung sorgen. Praktisch handeln und umsetzen müssen das immer wieder die Bundesländer. Das kann man nicht oft genug betonen, zumal auch sonst die föderalen Fahnen der Unabhängigkeit und Souveränität gerne hoch gehalten werden.

Gemeinsam handeln und sich schützen

Im Nichtstun der Länder und dem viel zu späten Reagieren liegt das eigentliche Versagen und eine wesentliche Ursache für die enorme Dynamik der vierten Welle.
Aber vielleicht reicht die große Zahl der Verstorbenen wenigstens hin, um wieder mehr Bürger zur Einsicht zu bewegen. Alle Maßnahmen und Regeln nutzen nichts, wenn sich niemand daran hält. Und derzeit gibt es ganz offensichtlich wieder kaum andere Möglichkeiten, als sich impfen zu lassen, Abstand zu halten, wo immer das nötig ist, damit nicht noch viel mehr Menschen sterben müssen.
Volker Finthammer
Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.