Freitag, 07. Oktober 2022

Ein Jahr Taliban-Herrschaft
Afghanistan ist weiter im freien Fall

Ein Jahr nach der Machtübernahme in Afghanistan haben sich die Taliban als politisch inkompetent und schwierig in der Zusammenarbeit erwiesen, kommentiert Emran Feroz. Dabei seien sie im Kampf gegen den IS und die Armut der Bevölkerung auf internationale Partner angewiesen.

Ein Gastkommentar von Emran Feroz | 13.08.2022

Ein Freitag Mitte August 2022 in Kabul: Männer mit Turbanen stehen auf dem einem Hügel im Norden der Stadt.
Die Taliban haben unter anderem strikte Geschlechtertrennung beim Besuch von Parks und anderen Freizeitorten eingerichtet (pa/abaca/Oriane Zerah )
Vor einigen Monaten saß ich im Wohnzimmer eines Freundes in Kabul, als dessen Vater das Geschehen wie folgt zusammenfasste: „Wir leben zurzeit in einem Käfig und unsere Zukunft ist ungewiss.“ Der ältere Mann wusste, wovon er sprach, denn er hatte die Kriege und Umbrüche in Afghanistan hautnah und am eigenen Leib miterlebt. Anfang der 1980er-Jahre verlor er als Soldat ein Bein. Damals wie heute hoffte er auf einen Frieden, der nie kam.

Taliban-Herrscher scheinen von Staatsführung nichts zu verstehen

Ein Jahr nach dem Abzug der NATO-Truppen befindet sich Afghanistan weiterhin im freien Fall. Die neuen Taliban-Herrscher, die 20 Jahre lang mit Guerillakrieg und Terror beschäftigt waren, scheinen überfordert zu sein und von Staatsführung nichts zu verstehen. Daran leidet in erster Linie die afghanische Bevölkerung, denn die westlichen Sanktionen gegen das Regime treffen hauptsächlich den einfachen Bürger. Die ausländischen Devisenreserven in Höhe von rund zehn Milliarden US-Dollar stehen weiterhin unter Verschluss, während die Bevölkerung verarmt. Viele Afghanen und Afghaninnen würden ohne private Hilfen aus dem Ausland und die finanzielle Unterstützung der großen Diaspora wohl gar nicht überleben können.
Dabei sind nicht Privatpersonen Afghanistan etwas schuldig, sondern die internationale Staatengemeinschaft. Sie war rund zwei Jahrzehnte in Afghanistan präsent und hat mehrere hundert Milliarden US-Dollar in das Land investiert. Geld, das jene, die es bitter benötigten, nie erreicht hat. Stattdessen waren Politiker und Militärs in Washington und anderswo auf eine kurzfristige Kriegswirtschaft bedacht, von der vor allem der militärisch-industrielle Komplex, Söldnerfirmen, korrupte Politiker und Warlords profitierten. Jedem, der die Lage ernsthaft beobachtete, hätte klar sein müssen, dass so kein wirtschaftlich souveräner Staat entstehen würde, obwohl das sogenannte Nation Building im Land von vielen westlichen Politikern als „Ziel“ genannt wurde.

Die Realität unter den Taliban sieht düster aus

Dass die Taliban mitsamt ihrer geballten Inkompetenz in solch einem Zustand scheitern würden, war ohnehin klar. Doch hinzu kommt, dass die Extremisten es aufgrund ihrer Haltung nicht nur möglichen internationalen Partnern schwermachen, sondern auch den Afghanen im Land. Dass die allermeisten von ihnen weiterhin bleiben werden, ist klar. Nicht jeder kann fliehen oder hat das Glück auf eine Evakuierung. Für diese Menschen sind die Taliban keine Wahl, sondern eine Realität, mit der sie sich auseinandersetzen müssen.
Gegenwärtig sieht diese Realität düster aus. Seit der Machtübernahme der Taliban sind die meisten weiterführenden Schulen für Mädchen geschlossen. Eine strikte Trennung von Geschlechtern, die in solch einem Ausmaß vor allem in den Städten ungewohnt war, bestimmt zunehmend den Alltag. Öffentliche Parks dürfen nur noch getrennt besucht werden. Reisen ohne männliche Begleitung ist nicht erlaubt. Journalisten und andere Medienschaffende zensieren sich aus Furcht vor Strafen selbst. Viele von ihnen haben bereits das Land verlassen, ähnlich wie Menschenrechtsaktivisten.
Zugleich spitzen sich die Differenzen innerhalb der Taliban zu. Vor Kurzem wurde Al-Qaida-Führer Ayman az-Zawahiri mitten in Kabul durch einen Drohnenangriff der CIA getötet. Der berühmt-berüchtigte Haqqani-Flügel der Taliban soll sein Gastgeber gewesen sein, während andere Fraktionen nichts über den Aufenthalt des seit Jahren gesuchten Topterroristen wussten.

Interne Machtkämpfte, Bedrohung durch IS

Dies ist nur eine von vielen Krisen, die sich in den Reihen der Taliban auftun. Auch bei der Öffnung von Mädchenschulen gibt es Unstimmigkeiten. Radikale Kräfte konnten sich durchsetzen, während moderatere Kräfte beiseite gedrängt wurden. Es gibt Machtkämpfe. Und dann gibt es noch die Bedrohung von außen: Der Hauptfeind IS hat zuletzt einen prominenten Taliban-Führer getötet. Dies dürfte die Frage aufwerfen, inwiefern die neuen Machthaber in Kabul auf internationale Partner im Kampf gegen die neue Bedrohung angewiesen sind.