Montag, 28. November 2022

Kommentar: Annexion ukrainischer Gebiete
Die russische Bevölkerung muss Putin stoppen

Die Annexion in der Ukraine sei möglich, weil es sich die Bevölkerung in Russland in der Propagandamaschinerie zu bequem mache, meint Sabine Adler. Mittelstandsmänner wählten den einfachsten Weg: abhauen und den Scherbenhaufen hinter sich lassen.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 30.09.2022

Der russische Präsident Wladimir Putin bei der Zeremonie zur Unterzeichnung der Verträge über den Beitritt von vier Regionen der Ukraine zu Russland am 30. September 2022.
Die Unterzeichnung der Verträge, die die vier ukrainischen Gebiete zu einem Teil Russlands machen, folgt auf den Abschluss der vom Kreml inszenierten Referenden (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Dmitry Astakhov)
Vor imperialer Kulisse hat der russische Präsident Putin heute 15 Prozent eines Nachbarlandes zu russischem Territorium erklärt. Weder der goldene Große Kremlsaal noch die Bühne auf dem Roten Platz konnten darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein einsames Spektakel in Putins eigener Welt handelte, ein Budenzauber, der die internationale Gemeinschaft beeindrucken sollte.

Russlands Propagandamaschinerie

Von der internationalen Gemeinschaft hat sich der Kriegsherr im Kreml heute noch weiter entfernt. Einen Nachbarn unter vorgehaltener Waffe zur Aufgabe seines Landes zu zwingen und das Ganze als transparente Abstimmung in voller Übereinstimmung mit den Normen und Grundsätzen des internationalen Rechts zu verkaufen, funktioniert nur in Russland wegen der dortigen gleichgeschalteten Propagandamaschinerie, der die Menschen aus Bequemlichkeit folgen.

Ukrainer müssen nach Annexion auf eigene Leute schießen

Der Großteil der Welt sieht das anders, aber Putin hat sich längst von ihm abgewendet, hinter den Kremlmauern ist er in seiner selbstgewählten Isolation nicht mehr für Einwände erreichbar, die ihn zu einer Kurskorrektur bewegen könnten. Ausbaden müssen seinen Größenwahn die Menschen in den unterjochten ukrainischen Gebieten.

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Wer diese nicht längst verlassen konnte, wer aus familiären oder anderen Gründen blieb, muss sich jetzt den neuen Statthaltern unterwerfen, die zu 90 Prozent Emporkömmlinge aus der dritten und vierten Reihe russischer Behörden sind. Diese werden exekutieren, was Moskau befiehlt. Einschließlich der Mobilisierung der männlichen ukrainischen Bevölkerung. Das Perfide wird wahr werden: dass ukrainische Männer aus den annektierten Gebieten die Reihen der russischen Armee verstärken müssen und so auf ihre eigenen Landsleute schießen.

Niemand aus Russland stoppt Putin

Dieses Unheil kann der Kremlherr anrichten, weil ihn zu Hause niemand stoppt. Zehntausende Männer fliehen, um einer Einberufung in die Armee zu entgehen. Das Sterben ukrainischer Männer, Frauen und Kinder verhindern sie so nicht, denn an ihrer Stelle werden andere russische Bürger eingezogen, solche, die sich eine Ausreise nicht leisten können.
Gingen diese Männer, die heute massenhaft fliehen, und Russlands Frauen stattdessen auf die Straße, dann würden sie ihre Regierung zumindest zum Nachdenken zwingen. Und sie würden zeigen, dass es den Russinnen und Russen doch nicht egal ist, welches Leid im Namen ihres Landes in dem einstigen Brudervolk nebenan verursacht wird. Sie würden sich darum kümmern, das Morden zu stoppen. Aber bislang wählen diese Mittelstandsmänner den allereinfachsten Weg: abhauen und den Scherbenhaufen hinter sich lassen.
Korrespondentin Warschau
Korrespondentin Warschau
Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012 Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.