Donnerstag, 26. Januar 2023

Kommentar zu Benin-Bronzen
Diese Rückgabe kann nur ein Anfang sein

Nach der Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria müsse über andere Stücke in deutschen Museen gesprochen werden, die auch aus ihren Ländern geraubt wurden, kommentiert Stefan Koldehoff. Zudem sollte Deutschland andere Staaten zur Rückgabe animieren.

Ein Kommentar von Stefan Koldehoff | 20.12.2022

Claudia Roth (l-r, Bündnis 90/Die Grünen), Staatsministerin für Kultur und Medien, Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Außenministerin, und Geoffrey Onyeama, Außenminister der Bundesrepublik Nigeria, halten eine Benin-Bronze.
Deutschland gibt mit den Benin-Bronzen erstmals einen wertvollen Kulturschatz aus Kolonialzeiten an Nigeria zurück. (picture alliance / dpa / Annette Riedl)
Von einem historischen Tag sprechen auch die, die die Rückgabe-Zeremonie in Nigeria durchaus kritisieren: Viele Kuratorinnen und Wissenschaftler, die sich seit langem für die viel zu späte Rückgabe von Kulturgut in ehemalige Kolonien eingesetzt haben, sind dafür lange angefeindet und beschimpft worden – von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von der Politik.
Man sollte sich das Eigentum doch lieber teilen, statt zu restituieren, wurde ihnen lange in deutschen Museen entgegengehalten – obwohl es nie ein deutsches Eigentum gab. Einige von denen, die darauf zu Recht hinwiesen, haben in Abuja gefehlt – wie auch kritische Wissenschaftlerinnen und Aktivisten von vor Ort.

Historischer Tag für Deutschland und Nigeria

Restituiert wird nämlich an einen Staat, an Nigeria. Der ist aber nicht identisch mit dem nach wie vor bestehenden Königreich Benin – einem Landesteil Nigerias, in dem die Bronzen vor Jahrhunderten gefertigt wurden. Von einer „neokolonialen Geste“, einer Aneignung der Rückgabe durch die Politik auf beiden Seiten, ist deshalb auch hinter vorgehaltener Hand die Rede – in Nigeria, wie in Deutschland.
Historisch ist der Tag trotzdem: nicht nur, weil Unrecht korrigiert wurde und geraubtes Kulturgut zurückgekehrt ist. Für die Menschen, denen es wieder übergeben wurde, bedeutet das auch eine Art von Heilung – darauf haben Aktivistinnen immer wieder hingewiesen. Und es gibt nun das – ebenfalls viel zu späte – Signal der Erkenntnis, dass die Benin-Bronzen natürlich in ihrer Heimat ebenso sicher sein werden, wie sie es in Deutschland wohl waren – trotz Bodemuseum, Grünem Gewölbe und Münzenschatz von Manching.

Deutschland nun ein Musterland - andere sollten folgen

Der 20. Dezember 2022 darf aber kein Abschluss, er muss ein Anfang sein. Die Benin-Bronzen, die nun aus Deutschland zurückkehren, stehen stellvertretend: für viele andere Stücke in deutschen Museen, die einst aus ihren Ländern geraubt wurden und über die noch zu sprechen ist. Über das Prachtboot von der Pazifik-Insel Luf zum Beispiel, das sich als Kolonialbeute noch immer im Berliner Humboldtforum befindet. Dort, an prominentester Stelle der Republik, hat man immer noch keine Haltung zu diesem Thema gefunden und macht nicht einmal die Herkunft vieler Stücke transparent.

Deutschland zählt nun trotzdem zu den Musterländern in Sachen Aufarbeitung. Und sollte deshalb mit anderen Staaten über seinen Weg sprechen: mit Großbritannien zum Beispiel. Die einst größte Kolonialmacht der Welt weigert sich nach wie vor, über seine Schätze im British Museum, aber auch über Kunst und Juwelen im Besitz der Königsfamilie auch nur zu diskutieren. Selbst der Papst hat in der vergangenen Woche angekündigt, Fragmente des Parthenon-Tempels auf der Akropolis nach Griechenland zurückzuschicken. Weitaus mehr davon liegt in London. Die Krönung des neuen Königs böte dort im Mai Gelegenheit zu einer ähnlich großen Geste, wie es sie in Nigeria gab.
Stefan Koldehoff
Stefan Koldehoff
Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal, studierte Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik und arbeitete als freier Journalist unter anderem für "taz", "FAZ" und "Die Zeit". Seit 2001 ist er Redakteur in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunks.