Freitag, 30. September 2022

Coronastrategie des Bundes
Chaotisch in den Herbst

Für einen Umgang mit der Pandemie im Herbst brauche es klare Regeln, kommentiert Volkart Wildermuth. Der bisherige Vorschlag für ein novelliertes Infektionsschutzgesetz dagegen rolle Rausmoglern den roten Teppich aus.

Ein Kommentar von Volkart Wildermuth | 09.08.2022

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Ende Juni 2022 bei einer Pressekonferenz in Berlin
Maske auf oder Maske ab? Viele werfen dem ersten Entwurf von Gesundheitsminister Lauterbach (Bild) und Justizminister Buschmann Unentschiedenheit in wichtigen Punkten vor (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Nach der Welle ist vor der Welle, deshalb redet die Politik jetzt viel von Vorbereitung. Entscheidend dafür sind klare Regeln. Die werden befolgt, das zeigt die bisherige Erfahrung. Unklare Vorgaben dagegen bieten vielen die Möglichkeit, sich rauszumogeln. Diesen Rausmoglern wird aber gerade der rote Teppich ausgerollt.
Beispiel Impfung: Da steht ein zweiter Booster an. Nur für wen? Für jeden über 70, wie die Ständige Impfkommission empfiehlt oder für alle, wie der Bundesgesundheitsminister vorschlägt? Und mit welchem Impfstoff? BioNTech und Moderna haben Omikron-BA.1-Impfstoffe produziert. Jetzt sagt Karl Lauterbach, er möchte lieber BA.4-und-5-Impfstoffe haben, die bekommen die Amerikaner schließlich auch.

Verwirrende Impfbotschaften, Maskendurcheinander

Immer das neueste Modell mag bei Turnschuhen die richtige Einkaufsstrategie sein. Bei Impfstoffen ist das anders, schließlich ist unklar, welche Variante im Herbst umläuft. Was dagegen fest steht: Die verwirrenden Botschaften rund ums Impfen verunsichern und werden sicher nicht zu einer höheren Impfquote beitragen.
Auch bei den Masken Durcheinander. Im Zug, im Flugzeug, in Krankenhaus und Heim Vorschrift. Ansonsten sollen die Länder entscheiden. Aber auf keinen Fall müssen Geimpfte, Genesene oder Getestete Maske tragen. Bleibt da noch wer übrig?
Und woran genau sollen sich die Länder orientieren? Die Inzidenzen sind wenig aussagekräftig. Die versprochene Abwasseruntersuchung funktioniert noch nicht in der Fläche. Die Belastung der Intensivstationen blendet aus, dass Corona auch unterhalb eines schweren Verlaufs für große Probleme sorgen kann. In der Sommerwelle wurden viele eigentlich Gesunde von dem Virus für zwei, drei Wochen ins Bett geworfen. Problematisch für den Einzelnen und wegen der Arbeitsausfälle auch für uns alle.
Soll das verhindert werden, oder ist das jetzt akzeptierter Teil der neuen Coronarealität? Alles offen, die Politik legt sich nicht fest.

Klare Kriterien sind eigentlich nicht zu viel verlangt

Ist die Winterwelle mild, spielt all das keine Rolle. Aber wenn sich eine noch ansteckendere Variante ausbreitet oder eine, die wieder aggressiver ist, dann wird wieder hektisch nachgebessert. Dann gibt es erneut einen Flickenteppich an Maßnahmen und alle werden sich fragen, was gilt bei mir, und kümmert es mich überhaupt?
Klare Vorgaben anhand klarer Kriterien, das ist nach über zwei Jahren Coronaerfahrung eigentlich nicht zu viel verlangt. Aber die Politik hat Angst, die Freiheit mit einer Maske einzuschränken und ignoriert die eingeschränkte Freiheit all derer, die SARS-CoV-2 aus guten Gründen immer noch fürchten müssen.
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist
Volkart Wildermuth, geboren 1962 in München. Studium der Biochemie in Tübingen und Berlin. Parallel Radioreporter rund um Tübingen. Nach dem Diplom Volontariat beim WDR. Seitdem freier Wissenschaftsjournalist für das Deutschlandradio und die ARD-Anstalten.