Mittwoch, 17. August 2022

EM und neues Selbstbewusstsein
Fußball von Frauen statt Frauenfußball

Die Fußball-Europameisterschaft hat auch in Deutschland für Rekord-Einschaltquoten gesorgt. Das liegt nicht nur am spielerischen Niveau, sondern auch am gesellschaftlichen Wandel, kommentiert Marina Schweizer. Dieses Momentum gelte es jetzt zu nutzen.

Ein Kommentar von Marina Schweizer | 30.07.2022

Fußball-Frauen-EM: Vor dem Spiel Deutschland - Frankreich steht das deutsche Team rund um Alexandra Popp (3.v.r) im Kreis.
Geballte Frauen-Power bei der Europameisterschaft: Das deutsche Team rund um Alexandra Popp (3.v.r) vor dem Halbfinalspiel Deutschland - Frankreich. (pa/dpa)
Die Fußball-Europameisterschaft hat sich zu einem Publikums-Liebling entwickelt. Über zwölf Millionen Menschen haben das EM-Halbfinale der DFB-Elf gegen Frankreich im deutschen Fernsehen gesehen. Selbst das Halbfinale England gegen Schweden haben knapp 5,4 Millionen verfolgt – Rekord für eine Partie ohne deutsche Beteiligung.

„Die spielen so gut!“ und „Was für ein Niveau!“ – das sind so Sätze, die man als Sportredakteurin in den vergangenen Tagen viel von Menschen hört, gerade auch von Menschen, die bisher kaum einen Abend freigeräumt hätten, um „Frauenfußball“ zu schauen. Die Quoten und die mediale Aufmerksamkeit bestätigen den Eindruck: Das Momentum für den Fußball von Frauen ist da.

Bewusstsein, dass diese Welt sehr lange eine Männerwelt war

Was hat sich getan im Fußball-Land Deutschland? Die Antwort: Nicht nur der Fußball von Frauen selbst hat sich weiter professionalisiert. Vor allem hat es in den vergangenen Jahren eine Entwicklung in der Gesellschaft gegeben, und damit auch beim Sportpublikum.

Es hat sich inzwischen in breiten Gesellschaftsteilen ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass diese Welt sehr lange eine Männerwelt war. Viele hat in den vergangenen Jahren zumindest einmal die Frage gestreift, warum der Mann so häufig selbstverständlich als klassischer Anführer, als Orientierungspunkt, als natürlicher Großverdiener gilt. Flankiert wurden diese Gedanken von medialen Debatten und von Initiativen aus der Wirtschaft. Auch Gesetzgebungsverfahren der vergangenen Jahre haben sich um Themen wie Equal Pay und Quotenregelungen gedreht.

Stereotype über Qualität und Geschwindigkeit von Frauen

Gewisse Strukturen und Denkmuster werden dadurch langsam aufgeweicht. In diesem Zeitgeist kann es dann auch für den eingefleischtesten Männerfußball-Fan eine Option werden, Fußball von Frauen anzuschauen und zu zeigen: „Seht her, auch ich entwickle mich weiter.“ Gelegentlich sogar, ohne gefangen zu sein in alten Glaubenssätzen über weibliche Stereotype, Qualität und Geschwindigkeit.
Fußball-Frauen EM 2022: Vor dem Spiel Deutschland - Österreich im Brentford Community Stadium in London
Fußball-Frauen EM 2022: Vor dem Spiel Deutschland - Österreich im Brentford Community Stadium in London - das deutsche Team gedenkt dem DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler, der im Alter von 85 Jahren verstorben ist. (picture alliance/dpa)

Luft nach oben für Professionalisierung und Vermarktung

Es hat sich aber tatsächlich auch etwas auf dem Platz weiterentwickelt.  Fußballvereine und Verbände müssen sich heutzutage fragen lassen, wie sie es mit den Investitionen in die Frauen-Teams halten. Und es macht sich bemerkbar, dass nach und nach mehr in den Fußball von Frauen investiert wird. Auch, wenn noch viel Luft nach oben ist: Die Professionalisierung hat in den vergangenen Jahren Fahrt aufgenommen: Neun Clubs, die aus dem Männer-Profigeschäft bekannt sind, haben inzwischen ein Frauen-Team in der Bundesliga. Das Ziel: Knowhow weitergeben, Infrastruktur teilen. Der deutsche Fußball hat sich da auf einen Weg gemacht – aber er könnte bei der Professionalisierung und bei der Vermarktung definitiv einen Zahn zulegen, auch im internationalen Vergleich.

Hochdotierte Verträge in der englischen Frauen-Profiliga

Dass man damit nicht nur guten Willen für die Gleichberechtigung unter Beweis stellt, zeigt die englische Profiliga: Mit ihren hochdotierten Fernsehverträgen macht sie vor, dass selbstverständlich auch die Frauen Geld einspielen können.

Frauen-Tennis schon seit den 70er-Jahren anerkannt

Andere Sportarten haben sich da schon früher auf den Weg der Emanzipation gemacht. Tennisspielerinnen haben schon in den 70er-Jahren mit der Gründung und Vermarktung ihrer Frauen-Tour den Durchbruch geschafft. Inzwischen ist Tennis eine der wenigen Sportarten, in der Frauen mit Preisgeldern Millionärinnen werden können. Ein Sport, der schon seit Jahrzehnten auf dem Top-Level auch für Frauen hochprofessionalisiert ist. Das Resultat ist Sichtbarkeit, Anerkennung, mehr Gleichberechtigung.

Nicht umsonst ist Tennis-Ikone Steffi Grad oft die einzige Frau, die in der Riege der großen deutschen Jahrhundertsportler neben Männern wie Schumacher, Beckenbauer, Nowitzki und Becker genannt wird. Es sagt etwas aus, dass den meisten Deutschen hier der Name der Fußballerin Birgit Prinz nicht in den Sinn kommt, mit allein fünf Europameisterinnen- und zwei Weltmeisterinnentiteln.
Steffi Graf, Olympiasiegerin 1988 in Seoul
Olympiasiegerin Steffi Graf 1988 in Seoul (Norbert Schmidt/dpa)

Fußball von Frauen kann ein Lagerfeuer-Erlebnis sein

Das lässt sich ändern. Wenn Menschen so viel Kapazität für jede kleinste Zuckung im Fußballgeschäft der Männer haben, dann gibt es da auch Platz für erfolgreiche Fußballerinnen.

Und es gibt gerade auch die Chance, aus der aktuellen Euphorie etwas mitzunehmen. Denn momentan stehen die Medien-Rechte für die Fußball-Bundesliga der Frauen zum Verkauf. Es geht darum, wie dieser Sport von Frauen in den kommenden Jahren präsentiert wird. Mit attraktiven Anstoßzeiten fürs Publikum, mit guten Vermarktungsmöglichkeiten in den wichtigen Sozialen Netzwerken. Und die Nationalmannschaft hat in den vergangenen Wochen gezeigt: Fußball von Frauen kann auch in Deutschland ein Lagerfeuer-Erlebnis sein. Nicht nur während einer Erfolgs-EM.
Marina Schweizer
Marina Schweizer
Marina Schweizer studierte Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München, längere Auslandsaufenthalte in Alaska/USA. Während und nach dem Studium arbeitete sie als freie Reporterin u. a. für den SWR-Hörfunk, bevor sie ein crossmediales Volontariat bei Deutschlandradio absolvierte. Nach einem Jahr als Junior-Redakteurin in den Redaktionen Sport und Zeitfunk arbeitet sie heute beim Deutschlandfunk als Redakteurin und Moderatorin in der Sportredaktion und als Moderatorin im "Zeitfunk".