Donnerstag, 11. August 2022

Kasseler Weltkunstausstellung
Die documenta 15 geht weiter - die Skandale auch

Der Ruf der documenta 15 ist nicht mehr zu retten - sie wird immer mit dem Antisemitismusskandal verbunden sein, meint Ludger Fittkau. Interimschef Farenholtz finde das Thema zu groß, um es in den letzten 50 Tagen der Ausstellung anzupacken, und „ruangrupa“ könne offenbar keine Diskussionsforen organisieren.

Ein Kommentar von Ludger Fittkau | 30.07.2022

Das Museum Fredericianum in Kassel, wo auch Werke der Weltkunstausstellung documenta 15 ausgestellt werden.
Noch rund 50 Tage ist die documenta 15 geöffnet: Die Weltkunstausstellung bleibt überschattet von einem Antisemitismus-Skandal rund um das Kuratorenteam des indonesischen Künstlerkollektivs "ruangrupa". Doch in Kassel gibt es offenbar keine Neigung, das Thema zügig aufzuarbeiten, meint Ludger Fittkau. (pa/AP/Martin Meissner)
Die Halbzeitbilanz der documenta 15 fällt verheerend aus: Ein Antisemitismusskandal mit Ansage, kommunikationsunfähige Kuratorinnen und Kuratoren, eine überforderte Geschäftsführung, schließlich die Entlassung der Generaldirektorin. Immer wieder werden in der Kasseler Ausstellung neue Werke gefunden, die zurecht unter Antisemitismusverdacht stehen: Zuletzt Zeichnungen in einem Druckwerk, dass ein algerisches Frauenkollektiv aus seinem Archiv nach Kassel gebracht hatte.

Längst ist klar: Der Ruf dieser Ausgabe der Kasseler Weltkunstausstellung ist nicht mehr zu retten. Sie wird in Zukunft immer mit dem Antisemitismusskandal verbunden werden. 

Bei Schließung wären 1.450 Künstler in Kollektivhaftung

Dennoch greifen die Forderungen etwa der FDP oder aus dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu kurz, die Pforten des „Museums der 100 Tage“ in Kassel schon nach 50 Tagen zu schließen. Denn: Auch wenn die documenta beendet wäre, der Antisemitismus wäre damit nicht aus der Gesellschaft verschwunden. Im Gegenteil: der Mythenbildung wäre Tür und Tor geöffnet, dass 1.450 Künstler und Künstlerinnen aus dem globalen Süden in Deutschland in Kollektivhaftung dafür genommen werden , dass vielleicht 50 ihren Hass vor allem auf Israel ausgelebt haben.

Kritik jederzeit möglich, Verschweigen nicht

Damit kein Missverständnis aufkommt: Kritik an der oft menschenverachtenden und völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik Israels in den besetzten Gebieten muss jederzeit möglich sein. Es ist schwer zu ertragen, wenn israelische Soldatinnen und Soldaten im Interesse radikaler Siedlerfamilien die palästinensischen Nachbarinnen und Nachbarn mit Straßensperren, Prügeln und anderen Schikanen aus ihren Häusern vertreiben wollen.

Doch ebenso ist es unerträglich, die israelische Armee mit den faschistischen Zerstörern von Guernica im spanischen Bürgerkrieg gleichzusetzen oder orthodoxe Juden mit SS-Verbrechern – beides war bei der documenta 15 zu sehen. Im Nah-Ost-Konflikt gibt es auf beiden Seiten nicht nur Opfer – sondern auch Täter. Wer von Gewaltaktionen Israels im Gaza-Streifen spricht, sollte von den Hamas-Raketen auf Tel Aviv nicht schweigen, die regelmäßig von Gaza aus abgefeuert werden.

Interimschef Farenholtz will das Thema jetzt nicht anpacken

Die 50 Tage, die der documenta noch bleiben, sollten allerdings genutzt werden, um über die verschiedenen Formen des Antisemitismus aufzuklären: Über antisemitische Bildsprache in Kunstwerken genauso wie über die Ziele der Boykottbewegung BDS gegen Israel, die längst über die Kritik an der Siedlungspolitik im Westjordanland hinausgehen und das Existenzrecht des Zufluchtsstaates für viele Jüdinnen und Juden der Welt in Frage stellen.

Das indonesische Kuratorinnen – und Kuratorenteam „ruangrupa“ ist allerdings nicht willens oder in der Lage, die notwendigen Diskussionsforen zum Antisemitismus zu organisieren. Aber auch documenta-Interimschef Alexander Farenholtz findet sehr zum Bedauern nicht nur der hiesigen jüdischen Gemeinschaft das Thema zu groß, um es noch während der laufenden Weltkunstausstellung anzupacken.

Systematische, öffentliche Auseinandersetzung wäre wünschenswert

Die documenta 15 braucht deshalb für ihre zweite Hälfte dringend Hilfe von außen – wenn sie noch Diskussionsakzente setzen soll. Die hessische Kunstministerin Angela Dorn sowie die Bundes-Kulturstaatsministerin Claudia Roth – beide sind grüne Politikerinnen - könnten da in den nächsten Wochen noch eine wichtige Rolle einnehmen: Wie man hört, arbeitet insbesondere Angela Dorn „fieberhaft“ daran, ein wissenschaftliches „Begleitgremium“ für die documenta zusammenzustellen, das sich noch einmal systematisch mit dem Antisemitismus-Skandal beschäftigen soll. Es wäre wünschenswert, wenn das auch in Form öffentlicher Veranstaltungen geschehen würde.

Auch die Kunstsuchenden wollen eine aufklärende Debatte

Kritische Foren in Kassel wären auch eine Geste des Respektes vor den vielleicht noch mehreren hunderttausend Menschen, die bis Ende September nach Nordhessen kommen wollen. Sie suchen doch längst nicht mehr nur den Kunstgenuss, sondern auch die aufklärende Debatte zum Antisemitismusskandal. Die sollte nicht nur in den Massenmedien oder in den Parlamenten stattfinden, wie bisher. Sondern auch „vor Ort“ in Kassel. Das müsste doch zu organisieren sein! Notfalls auch ohne das kuratierende Kollektiv „ruangrupa“.
Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.