Atomkraft in FrankreichBrüssel bekräftigt verkrustete Strukturen

Die Nuklearenergie gehört zu Frankreich wie der Eiffelturm oder das Baguette. Mit seinem Beharren auf die Atomenergie halte Frankreich auch an verkrusteten Strukturen und an dem Bild fest, eine große, unabhängige Nation zu sein, kommentiert Christiane Kaess. Es fehle der Mut, wirklich neue Wege zu gehen.

Ein Kommentar von Christiane Kaess | 04.01.2022

Kernkraftwerk von Cattenom in Frankreich im Januar 2021
Kernkraftwerk von Cattenom in Frankreich im Januar 2021 (picture alliance / Silke Rottleb)
Der Atomenergie wird in der EU der grüne Stempel aufgedrückt. Präsident Macron und der französischen Regierung könnte nichts Besseres passieren. Die Nuklearenergie gehört zu Frankreich wie der Eiffelturm oder das Baguette. In Frage wird sie kaum gestellt. Ganz im Gegenteil: Emmanuel Macron preist den Atompark als historisches Modell und als Chance. Er hat angekündigt, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder neue Meiler zu bauen wollen. In seiner Amtszeit wurde das Ziel, den Anteil aus der Kernkraft an der Stromproduktion von über 70 Prozent auf 50 Prozent zu senken, verschoben - von 2025 auf 2035.
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Einigkeit wie sonst nie in Frankreich

Macron will massiv in die Nuklearbranche investieren, von der in Frankreich mehr als 200.000 Jobs abhängen. Dabei können auch die alten Reaktoren frische Investitionen gut gebrauchen. Der Entwurf aus Brüssel ist also höchst willkommen, nicht nur bei den Regierenden in Paris. Von weit rechts bis weit links sind sich die meisten Politikerinnen und Politiker einig wie sonst nie, dass Frankreichs Kernkraft die Unabhängigkeit bei der Energieversorgung und auch im militärischen Bereich sichert.
Diejenigen, die der Atompolitik des Landes kritisch gegenüberstehen, findet man lediglich bei den Grünen oder im Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Der kratzt an dem Mythos der Unabhängigkeit mit dem Hinweis, dass das für die Atomkraft nötige Uran schließlich nicht aus Frankreich kommt. Der grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot stellt das Argument in Frage, die Atomkraft sei doch so billig. Das wird gerade im anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf gern vorgetragen.

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Das Gegenteil zu belegen, ist nicht schwer. In Flamanville in der Normandie wird seit Jahren an einem europäischen Druckwasserreaktor gebaut. Schon seit 2012 sollte er in Betrieb sein. Vielleicht ist es 2023 so weit. Die Kosten dieses Unglücksprojektes haben sich von gut drei Milliarden Euro auf fast 20 Milliarden erhöht.

Brüssel bekräftigt verkrustete Strukturen

Kaum jemand spricht offen darüber, dass Atomenergie langfristig wohl kaum wettbewerbsfähig ist, weil mit erneuerbaren Energien Strom günstiger produziert werden dürfte. Über die Frage des Atommülls wird so gut wie gar nicht diskutiert. Und Risiken? Die wurden schon nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, als Deutschland sich auf den Weg zum Atomausstieg machte, vom Tisch gewischt. Die Politik vermittelt lieber den Eindruck: So etwas passiert in Frankreich nicht. Ausgerechnet dort, wo während heißer Sommer immer wieder alte Meiler stundenweise abgeschaltet werden, weil das Kühlwasser aus den nahegelegenen Gewässern zu knapp wird oder bei der Rückleitung zu heiß ist für die ohnehin schon erhitzten Flüsse, Seen oder das Meer.
Aber auch das spielt kaum eine Rolle. Es ist wie so oft im konservativen Frankreich. Man hält lieber an verkrusteten Strukturen fest und an dem Bild, eine große, unabhängige Nation zu sein. Der Mut, wirklich neue Wege zu gehen, fehlt. Schade, dass Brüssel, dies nun auch noch bekräftigt.
Christiane Kaess
Christiane Kaess (Deutschlandradio/Bettina Fürst-Fastré)
Christiane Kaess ist Deutschlandradio-Korrespondentin in Frankreich. Sie hat in Berlin Politikwissenschaft studiert und in Amsterdam ein Graduierten-Programm Internationale Beziehungen und European Social Studies absolviert. Sie war vor ihrem Volontariat im Deutschlandradio als freie Autorin tätig und berichtete als Reporterin u.a. aus Zentral- und Ostafrika. Außerdem hat sie als Redakteurin und Moderatorin in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunk gearbeitet. In der Abteilung Aktuelles war sie Redakteurin und Moderatorin, u.a. moderierte sie die Sendung "Informationen am Morgen". Sie war in dieser Zeit regelmäßig als Urlaubsvertreterin und Verstärkung immer wieder auf dem Korrespondentenplatz Paris im Einsatz.