Samstag, 08. Oktober 2022

Kommentar zu Firmen-Rettungen
Bei Uniper nicht auf ein weiteres Märchen hoffen

Nachdem sich die Lufthansa-Rettung als gewinnbringend erwiesen hat, sei es verlockend, in der aktuellen Krise wieder nach mehr Staat in der Wirtschaft zu rufen, kommentiert Benjamin Hammer. Erfolgreiche Hilfsaktionen seien jedoch die Ausnahme.

Ein Kommentar von Benjamin Hammer | 14.09.2022

Logo des Energiekonzerns Uniper an einer Fassade
Das Geschäftsmodell von Uniper - billiges Gas aus Russland zu importieren und weiterzuverkaufen - sei wohl langfristig kaputt, kommentiert Benjamin Hammer. (Imagp / NurPhoto / Ying Tang)
Wer im Frühjahr 2020 mit einem Flugzeug verreiste, wird das nie wieder vergessen. Die Stimmung in den verwaisten Terminals der Flughäfen war gespenstisch. Die wenigen Flugzeuge, die noch abhoben, waren häufig leer. Die Corona-Pandemie traf eine Branche, die jahrzehntelang davon profitiert hatte, dass die Welt immer mehr zusammenwuchs. Innerhalb von Wochen wurden aus selbstbewussten Airlines Unternehmen, die von der Pleite bedroht waren. 
So war das auch bei der Lufthansa. Die Fluggesellschaft verlor in jener Zeit zwischenzeitlich fast eine Milliarde Euro pro Monat. Pilotinnen und Piloten dachten auf einmal darüber nach, Lokführer bei der Bahn zu werden. Fast 140.000 Beschäftigte bangten um ihren Arbeitsplatz. Und Deutschland lief Gefahr, seine systemkritische Verbindung in die Welt zu verlieren. 

Staatliche Lufthansa-Rettung war richtig

Es war richtig, dass der Staat die Lufthansa damals stützte, ja rettete. Denn die Lage war historisch beispiellos und die Lufthansa trug für die Corona-Pandemie natürlich keine Verantwortung. Der Staat ging damals ganz schön ins Risiko: Mit einem Paket in Höhe von insgesamt neun Milliarden Euro. 
Nun, da der Bund seine letzten Anteile an der Lufthansa verkauft hat, ist die Bilanz enorm positiv. Die Lufthansa kann sich vor Kundinnen und Kunden kaum retten. Die Flieger sind wieder voll. Und der Staat hat unterm Strich auch noch Gewinn gemacht: 760 Millionen Euro. 
Auf den ersten Blick erscheint es da verlockend, nach mehr Staat in der Wirtschaft zu rufen. Zweieinhalb Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie sind wir mitten drin in einer weiteren Wirtschaftskrise. Ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Es gibt viele Unternehmen, die von einer Pleite bedroht sind. 

Geschäftsmodell von Uniper ist langfristig kaputt

Heute gibt es neue Berichte über eine mögliche Verstaatlichung des Gasversorgers Uniper, an dem der Bund schon jetzt beteiligt ist. Noch mehr Staat bei Uniper: Das könnte wegen der enormen Bedeutung des Unternehmens für die Erdgasversorgung unvermeidbar sein.
Niemand sollte jedoch allzu große Hoffnung auf ein weiteres Lufthansa-Märchen haben. Die Staatsmilliarden könnten - anders als bei der Fluggesellschaft - langfristig verloren sein. Bei der Lufthansa war eine Wiederbelebung des Flugverkehrs absehbar. Das Geschäftsmodell von Uniper aber - billiges Gas aus Russland zu importieren und weiterzuverkaufen - ist wohl langfristig kaputt.

Erfolgreiche Hilfsaktionen sind die Ausnahme

Deshalb sei es der Bundesregierung gegönnt, sich heute für die gewinnbringende Rettung der Lufthansa zu feiern. Zur Wahrheit gehört aber, dass dermaßen erfolgreiche Hilfsaktionen die Ausnahme und nicht die Regel sind. Es gab auch vermeintliche Rettungen, die schief gingen. Bei der IKB Bank zum Beispiel oder dem Baukonzern Philipp Holzmann. Das Geld, dass der Staat in diesen Wochen für unvermeidbare Rettungen investiert, könnte verloren sein. 
Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv
Benjamin Hammer wurde 1983 in Köln geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Dublin. Während des Studiums plante und begleitete er Studienreisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Benjamin Hammer ist Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Anschließend volontierte er bei der Deutschen Welle. Von 2011 bis 2017 war Benjamin Hammer Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Im Sommer 2015 arbeitete er für das Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Ein Jahr später folgten Vertretungen im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Dort arbeitet Benjamin Hammer vom Sommer 2017 bis 2022 als Korrespondent.