Montag, 26. September 2022

Fischsterben in der Oder
Politisch trägt allein die PiS-Regierung in Polen die Verantwortung

Polens Wasserbehörde wusste seit Ende Juli über Funde toter Fische, unfähige Behörden verhinderten das Drama aber nicht: Allein die PiS-Regierung trägt hier Verantwortung, meint Peter Sawicki. Sie versage auch charakterlich auf ganzer Linie.

Ein Kommentar von Peter Sawicki | 15.08.2022

Tote Fische in der Oder bei Brieskow-Finkenheerd: Im gesamten Flusslauf ist es zu einem massiven Fischsterben gekommen, ausgehend von Polen. Ölsperren sollen verhindern, dass sich auch Kadaver im Stettiner Haff ausbreiten, das mit 900 Quadratkilometern doppelt so groß wie der Bodensee ist.
Tote Fische in der Oder bei Brieskow-Finkenheerd: Im gesamten Flusslauf ist es zu einem massiven Fischsterben gekommen, ausgehend von Polen. Ölsperren sollen verhindern, dass sich auch Kadaver im Stettiner Haff ausbreiten, das mit 900 Quadratkilometern doppelt so groß wie der Bodensee ist. (pa/dpa)
Es ist ein schauriger Anblick, den die Oder in diesen Tagen bietet. Ganze Teppiche verendeter Fische, leblos an der Oberfläche umhertreibende Biber, Vögel, die sich von den Kadavern ernähren und ganze Nahrungsketten zu belasten drohen. Die Oder, mit über 700 Kilometern auf polnischem Gebiet zweitlängster Fluss des Landes und ein vielfältiges, unschätzbar wertvolles Ökosystem – sie sterbe derzeit vor aller Augen, wird in Polen geklagt.

Dies klingt dramatisch – doch es spiegelt die emotionale Verfasstheit vieler im Land wider. Zahlreiche Menschen in Polen sind traurig und wütend. Und sie sind es zurecht. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass die Oder in diesem Ausmaß mutmaßlich verseucht wurde, gehört bestraft.

Polens Wasserbehörde wusste seit Ende Juli über das Fischsterben

Ob das Sterben in der Oder hätte verhindert werden können, weiß man gegenwärtig noch nicht. Fest steht aber, dass es eingedämmt hätte werden können. Und das ist ein weiterer, beinahe genauso großer Skandal. Die erst seit 2018 existierende Wasserbehörde – das hat sie selbst eingestanden – wusste seit Ende Juli über erste Funde toter Fische Bescheid. Reagiert hat sie darauf zunächst aber praktisch gar nicht – sie hat nicht davor gewarnt, das Wasser zu betreten und Strände nicht gesperrt. Erst als sich das ökologische Drama nicht mehr ignorieren ließ, als tote Fische tonnenweise fast die gesamte Oder auf polnischer Seite entlang und auch in Deutschland auftauchten, begannen staatliche Stellen damit, die Krise einzudämmen. Doch der Schaden war da längst angerichtet – obwohl Anwohner zwei Wochen lang mit Nachdruck auf die Kadaver hingewiesen und sie zum Teil unter Gefährdung der eigenen Gesundheit selbst aus dem Wasser geborgen hatten.

Fehlanzeige bei Kontrolle, Kommunikation, Kompetenzen

Politisch trägt für dieses Desaster allein die PiS-Regierung die Verantwortung. Sie hat Behörden geschaffen, die offenbar über keine klar geregelten Kompetenzen und Kommunikationskanäle verfügen und sie an ihren Spitzen obendrein mit unfähigen Leuten besetzt. Eine ausreichende Zahl etwa an Messstellen für die Kontrolle der Wasserqualität, betonen Experten, gibt es bis heute nicht.

Doch auch charakterlich versagt die Regierung auf ganzer Linie. Anstatt Demut zu zeigen und das riesige Problem endlich angemessen anzugehen, ziehen es Scharfmacher wie Bildungsminister Przemyslaw Czarnek vor, die Opposition als „anti-polnisch“ zu attackieren – weil diese es gewagt hat, die Fahrlässigkeit der Regierung herauszustreichen.

Kritik an der Regierung gilt als „anti-polnisch“

Wenn jemand momentan „anti-polnisch“ agiert, dann ist es die PiS-Regierung. Sie hat zugelassen, dass die Oder einen ökologischen Schaden davonträgt, der in seinem Ausmaß nicht mal ansatzweise absehbar ist. Die Teppiche verendeter Fische – sie prägen den diesjährigen polnischen Sommer. Die Menschen werden es der Regierung nicht vergessen – und dürften sie bei der nächsten Gelegenheit abstrafen.