Donnerstag, 08. Dezember 2022

Kommentar zum G20-Gipfel
Putin kann am Ende nur verlieren

Die jüngsten massiven Angriffe auf die Ukraine hätten den G20-Mitgliedern gezeigt, wie bedrohlich der Krieg in Europa für die ganze Welt sei, kommentiert Stephan Detjen. Putins Handeln erscheine zunehmend verzweifelt, was die Lage bedrohlich mache.

Ein Kommentar von Stephan Detjen | 16.11.2022

Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt am zweiten Tag des G20-Gipfels über eine Videoschalte teil
Das G20-Treffen hat die Isolierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin gezeigt, kommentiert Stephan Detjen (IMAGO / ZUMA Wire / Evgeniy Paulin )
Für eine Verurteilung Wladimir Putins als Kriegsverbrecher ist die G20 nicht das geeignete Forum. Aber der Gipfel auf Bali hat dazu gereicht, den russischen Präsidenten auf internationaler Bühne als Störenfried der Weltordnung zu brandmarken. Das ist mehr, als man erwarten konnte.
Die G20 waren einmal aus Treffen der Finanzminister der großen Industrienationen und aufstrebender Wirtschaftsmächte hervorgegangen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist die Wahrung und Mehrung des Wohlstands ihrer Volkswirtschaften. Seit mehr als 20 Jahren erleben die Teilnehmer der Treffen, wie sie dabei von globalen Krisen bedroht werden, die sie auch im eigenen Interesse nur als gemeinsame Bedrohungen wirksam eindämmen können. Am Anfang waren es Turbulenzen auf den Finanzmärkten, Wirtschafts- und Währungskrisen, dann die wachsende Einsicht in die Auswirkungen der menschengemachten Erderwärmung, zuletzt Covid und jetzt ist es Putin.
Bald neun Monate nach dem Überfall russischer Truppen auf die gesamte Ukraine lässt sich der Krieg von niemandem mehr als europäischer Regionalkonflikt abtun, in dem Putin nur alte Rechnungen mit dem Westen begleicht. Die Abschlusserklärung, auf die sich die G20-Teilnehmer – für manche überraschend – einigen konnten, ist von der Sorge vor einer nuklearen Eskalation, langfristigen wirtschaftlichen Folgen und tödlichen Auswirkungen auf globale Nahrungsmittelketten geprägt.
Der Hinweis auf unterschiedliche Auffassungen innerhalb der G20 und die Abstimmungen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen erlaubt bestenfalls den G20-Mitgliedern China und Indien, die sich bei den UN-Voten enthalten hatten, eine Gesichtswahrung. Die Deutlichkeit, mit der sich der chinesische Präsident Xi nach einem Treffen mit US-Präsident Biden mit Warnungen vor einem Einsatz von Atomwaffen zitieren ließ, war ein unüberhörbares Signal an Putin, eine rote Linie, die sich nicht mehr durch antiwestliche Stimmungsmache in Moskau übertünchen lässt.
Wie bedrohlich der Krieg in Europa für die ganze Welt ist, wurde den G20-Mitgliedern durch die jüngsten Meldungen von den massiven Angriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung und Infrastruktur vor Augen geführt. 
Die wütenden Attacken zeigen einem großen Teil der Welt, der in Bali mit den G20 ihren Partnern und Gästen versammelt war, dass Putin in die Enge getrieben ist: militärisch und politisch. Dass sein Handeln zunehmend von Verzweiflung geprägt scheint, macht die Lage bedrohlich. Zugleich spricht mehr denn je dafür, dass Putin am Ende nur verlieren kann.
Der Chefkorrespondent des Deutschlandradios Stephan Detjen in der Bundespressekonferenz
Der Chefkorrespondent des Deutschlandradios Stephan Detjen in der Bundespressekonferenz
Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.