Ukraine-Russland-KonfliktBiden ist in Putins Falle getappt

US-Präsident Biden hätte nicht ohne Beteiligung der Ukraine mit Präsidenten Wladimir Putin verhandeln sollen, kommentiert Sabine Adler. Das sei ein Rückfall in Denkmuster des Kalten Krieges. Die Zeit, in der Supermächte Einflusssphären untereinander aufteilten, sei vorbei.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 03.01.2022

US-Präsident Joe Biden telefoniert an seinem Schreibtisch im Oval Office. Am anderen Ende der Leitung ist Wladimir Putin.
US-Präsident Joe Biden telefoniert an seinem Schreibtisch im Oval Office. Am anderen Ende der Leitung ist Wladimir Putin. (picture alliance / Consolidated News Photos | Adam Schultz - The White House via CNP)
Wenn es dem russischen Präsidenten Putin an einem nicht mangelt, dann ist es Chuzpe. Die Ukraine zu überfallen, sich die Krim einzuverleiben, einen Krieg im Donbass loszutreten – und sich nach alldem als schutzbedürftige, verfolgte Unschuld darzustellen, das macht Putin keiner so leicht nach.
Es ist, als würde mein Nachbar sein Auto in meiner Garage parken, meine Veranda ausrauben, und sich dann darüber aufregen, dass ich mir eine Alarmanlage einbaue, um schneller die Polizei rufen zu können.

Verhandlung im Stil des Kalten Krieg

Nach fast acht Jahren Krieg mit mindestens 13.000 Toten zwingt Putin die USA an den Verhandlungstisch, um zu einer Staatenordnung zurückzukehren wie vor 1991, vor dem Zerfall der Sowjetunion. Als es noch eine bipolare Welt gab, mit zwei Supermächten, der Sowjetunion und den USA. 30 Jahre später hat sich die Welt weitergedreht, stehen sich die Hauptkontrahenten in Peking und Washington gegenüber. Und US-Präsident Biden tappt prompt in Putins Falle. Mit seiner jahrzehntelangen außenpolitischen Erfahrung fiel er in das Denken des Kalten Krieges zurück, den er so lange miterlebt hat. Anstatt klarzumachen, dass die Politik der Einflusssphären vorbei ist und es weitaus klüger wäre, gemeinsam China die Stirn zu bieten.

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Dass sich Joe Biden zunächst auf ein Gespräch über die Ukraine ohne diese eingelassen hat, war ein weiterer Fehler und damit noch ein Erfolg für Putin. Mit dem gestrigen Anruf bei dem Amtskollegen in Kiew, Wolodimir Selenksij, hat Biden die Scharte etwas ausgewetzt. Doch seine Glaubwürdigkeit hat gelitten, wird doch die NATO eigentlich nicht müde zu betonen, dass über neue Mitglieder nur sie selbst entscheidet und jedes Land das Bündnis, dem es angehören möchte, frei wählt.
100.000 russische Soldaten an der ukrainischen Grenze, dazu ein auf Kreml-Linie gebrachter belarussischer Machthaber, der für eine Drohkulisse gegen die Ukraine und den Westen leicht miteingespannt werden kann, sind ein Szenario, bei dem jeder froh sein kann, wenn erst einmal gesprochen wird. Letzteres ist dringend nötig: Kooperieren für den Frieden. Denn der ist mitten in Europa in großer Gefahr.
Die Folterwerkzeuge müssen nicht ausgepackt werden, sie sind bekannt: Wirtschaftssanktionen, Russlands Ausschluss aus dem Zahlungsverkehr SWIFT, und wenn das alles nichts hilft, muss sich der Westen ernsthaft überlegen, ob er weiter russisches Öl oder Gas kauft. Auch dank dieser Einnahmen konnte sich Moskau derart aufrüsten. Umso absurder klingt es, wenn ausgerechnet der Kremlchef beklagt, dass sich sein Land bedroht fühlt. Putins Fähigkeit, Wahrheiten zu verdrehen, ist womöglich noch größer als seine Chuzpe.
Sabine Adler
Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )
Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012 Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.