Freitag, 01. Juli 2022

Ende der Globalisierung
Die Entkopplung der Wirtschaft ist leider längst im Gange

Viele Unternehmen schränken ihre internationale Geschäfte immer mehr ein, sie verlassen Russland und China: Einen Wegfall der Globalisierung werde Europa schlecht verkraften, kommentiert Patrick Bernau von der FAZ. Gerade Deutschland müsse aufpassen, dass die politische Stimmung künftig nicht öfter dem Freihandel schade.

Ein Kommentar von Patrick Bernau | 28.05.2022

m Tiefwasserhafen von Yanghan wurden 2021 mehr als 47 Milllionen Container verladen - damit hält Shanghai das 12. Jahr in Folge die Position als größter Umschlagplatz der Welt.
Im Tiefwasserhafen von Yanghan wurden 2021 mehr als 47 Milllionen Container verladen - damit hält Shanghai das 12. Jahr in Folge die Position als größter Umschlagplatz der Welt. Neben aller Kritik hat die Globalisierung armen Ländern viel Wohlstand beschert, meint FAZ-Redakteur Patrick Bernau. (pa/Lu Hongjie)
Das Ende der Globalisierung wurde schon oft ausgerufen, doch jetzt kommt es wirklich. Mit der ganzen Welt zu handeln, über alle Unterschiede von Kulturen und Wirtschaftssystemen hinweg – das kommt aus der Mode. In der vergangenen Woche wurde das ganz deutlich, und zwar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Viele Unternehmen aus den USA, Deutschland und anderen westlichen Ländern begrenzen ihre Geschäfte in Staaten, zu denen das politische Verhältnis angespannt ist – nicht nur in Russland, sondern auch in China und manchmal sogar in ganz Asien. Nicht jeder spricht gerne darüber. Offen verkünden europäische Unternehmen wie Volkswagen, dass sie verstärkt in Amerika investieren – und amerikanische Unternehmen wie Facebook, dass sie verstärkt in Europa investieren. Das neue Zauberwort heißt „Friendshoring“: Man handelt nicht mehr global, sondern am liebsten nur noch mit befreundeten Ländern.
Die Grafik zeigt den russischen Anteil der deutschen Rohstoff-Gesamtimporte sowie den Wert russischer Rohstoff-Exporte nach Deutschland (Stand: Februar 2022).
Die Grafik zeigt den russischen Anteil der deutschen Rohstoff-Gesamtimporte sowie den Wert russischer Rohstoff-Exporte nach Deutschland (Stand: Februar 2022). (DERA, Februar 2022 )

„Globalisierung hat den Wohlstand der Welt enorm gesteigert“

Das ist kein Wunder. Der politische Druck ist gewaltig. „Freiheit ist wichtiger als Freihandel“, sagte zum Beispiel NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg vergangene Woche. Und wörtlich weiter: „Der Schutz unserer Werte ist wichtiger als der Profit.“ Außenministerin Annalena Baerbock klingt so ähnlich. Sie sagt: Es habe sich als Illusion erwiesen, dass durch Handel allein bereits Wandel entstehe.
All das stimmt natürlich. Doch wenn sich altgediente Globalisierungskritiker jetzt die Hände reiben, freuen sie sich vielleicht zu früh. Die Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten den Wohlstand der Welt enorm gesteigert. Wenn es jetzt rückwärts geht, ist auch dieser relative Reichtum gefährdet. Ein erstes Zeichen sieht die Welt schon in der Inflation. Energie wird teurer. Selbst in Deutschland haben viele Menschen Schwierigkeiten, ihren gewohnten Lebensstandard zu halten. Viele wissen nicht mehr, wie sie am Ende des Monats noch mit ihrem Geld auskommen sollen.
Deutsche Exporte auch per Schiff sollen weiter zulegen
Deutsche Exporte auch per Schiff sollen weiter zulegen (dpa / Ingo Wagner)

Europa ist nicht mal in der Lage, Paracetamol selbst zu produzieren

Es geht nicht nur ums Geld, es geht auch um die Versorgung mit wichtigen Produkten. Im Moment ist Europa nicht mal in der Lage, eine einzige Tablette des Schmerzmittels Paracetamol selbst zu produzieren – alles wird bisher importiert. So viel ist sicher: Wenn die Globalisierung wegfällt, wird Europa das schlechter verkraften als Amerika oder China.
Schlimmer wird es noch für die armen Länder. In den vergangenen Jahrzehnten hat internationaler Handel Milliarden von Menschen aus bitterer Armut geholt. Die Kindersterblichkeit ist deutlich zurückgegangen, weil Wissen und Medikamente weltweit ausgetauscht wurden. Natürlich wurde die Globalisierung immer wieder kritisiert, oft zu Recht. Doch in Summe hat sie für die Menschheit viel Gutes bewirkt.
Chinesische Näherinnen in einer Fabrik
Textilfabrik in China (picture alliance/dpa/Imaginechina, Xie Zhengyi)

Deutschland muss über den Tellerrand hinaus gucken

Freiheit ist wichtiger als Freihandel – da kann niemand widersprechen. Aber die Menschheit hat in allen Zeitenwenden eine Tendenz, die zum Problem werden kann: Sie schießt oft übers Ziel hinaus. Wenn wir nicht aufpassen, werden in den kommenden Jahren auch solche Handelsbeziehungen aufgekündigt, die der Freiheit überhaupt nicht schaden.
Die offeneren Politiker arbeiten daran, wenigstens den Handel mit anderen Ländern als Russland und China zu stärken, zum Beispiel den mit Indien, mit Afrika oder mit Südostasien. Das ist wichtig. Doch Deutschland muss auch darüber hinaus genau hingucken. Die Gefahr ist groß, dass die politische Stimmung in den kommenden Jahren öfter mal dem Freihandel schadet und der Freiheit trotzdem nicht nützt. Dann verlieren alle.