Hospitalisierungsrate als neuer Corona-Gradmesser Wir hinken der Realität weiter hinterher

Die Hospitalisierungsrate sei jetzt grundsätzlich der richtige Kennwert, um in der Corona-Pandemie zu handeln, kommentiert Piotr Heller. Dabei gebe es aber zwei Probleme, die antiqierte Datenerfassung in den Krankenhäusern in Deutschland sei dabei nur eines.

Ein Kommentar von Piotr Heller | 19.11.2021

Die Intensivstation im Johanniter Krankenhaus in Duisburg Rheinhausen
Die Intensivstation im Johanniter Krankenhaus in Duisburg Rheinhausen (imago images/Reichwein)
Die Hospitalisierungsrate ist jetzt die richtige Zahl. Und das ist ganz einfach zu begründen: Will man beurteilen, wie hilfreich ein Kennwert ist, muss man sich erst mal klarmachen, was man damit erreichen will. Jetzt, wo Krankenhäuser am Limit sind und Patienten sogar von Bayern nach Italien verlegt werden, muss das Ziel lauten: Die Kliniken entlasten! Weil die Hospitalisierungsrate eben die Belastung der Krankenhäuser wiedergibt, ist es richtig, sich an ihr zu orientieren.
Und dennoch, stecken in dem Bund-Länder-Beschluss ein kapitaler Fehler und ein schweres Versäumnis.
Der Fehler spiegelt sich in der Kritik am Kennwert Hospitalisierungsrate wider. Die lautet nämlich: Die Zahl hinkt der Realität hinterher. Das bedeutet: Wenn sich die Lage zuspitzt und immer mehr Menschen ins Krankenhaus kommen, schlägt sich das aus praktischen Gründen erst ein oder zwei Wochen später in der Hospitalisierungsrate nieder. Jede Maßnahme, die man auf dieser Grundlage ergreift, kommt somit zu spät. Das stimmt. Aber: Man kann darauf regieren.
Wenn man weiß, dass der Kennwert die Realität systematisch unterschätzt, dann muss man die Grenzen entsprechend niedrig wählen. Man muss sie mit viel Expertenwissen an die Schwächen des Kennwerts anpassen und diese Entscheidung dann minutiös begründen. Was hat die Bund-Länder-Runde gemacht? Sie hat die Grenzen bei drei, sechs und neun festgelegt. Das klingt willkürlich. Aufgrund der Tatsache, dass die Auswahl dieser drei Zahlen in dem Beschluss nicht mal mit einem Satz begründet wird, muss man leider urteilen: Sie ist wahrscheinlich auch willkürlich. Das ist der Fehler.
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Das Versäumnis wiederum ist einer der Gründe, warum die Hospitalisierungsrate der Realität überhaupt hinterherhinkt: Das liegt zum Teil an der Datenerfassung. Die sieht nämlich so aus: In den Kliniken müssen Ärzte täglich irgendwie die Patientendaten zusammenkramen und die Corona-Fälle per Hand eintippen. Es gibt keine automatische, digitale Lösung. Im September schlugen die Mediziner schon Alarm und sagen: Wenn die Corona-Zahlen steigen, schaffen wir das nicht mehr. Seitdem sind zwei Monate vergangen. Die Corona-Zahlen sind dramatisch gestiegen. Doch an dem antiquierten System der Datenerfassung hat sich nichts geändert. Das alles mindert den Nutzen dieses eigentlich richtigen Kennwerts.