Mittwoch, 08. Februar 2023

Kommentar zur Kernfusion
Der Hype ist deutlich überzogen

Wenn die Bundesforschungsministerin davon spricht, dass das erste Fusionskraftwerk in Deutschland in zehn Jahren ans Netzen gehen könnte, ist das Wunschdenken, kommentiert Ralf Krauter. Wer unrealistische Erwartungen in Technologien schürt, verspiele Vertrauen.

Ein Kommentar von Ralf Krauter | 17.12.2022

Ein Schild zeigt symbolisch die Kernfusion mithilfe von Laserstrahlen
Bei einem Kernfusions-Experiment in den USA setzten Wissenschaftler rund ein Megajoule Energie frei. Das würde im Prinzip reichen, um sich 20 Minuten die Haare zu föhnen. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Sachelle Babbar)
Wenn Wissenschaftler einen historischen Durchbruch vermelden, ist immer Skepsis angebracht. Zumal wenn die Ergebnisse des angeblich bahnbrechenden Experimentes nicht in Ruhe von unabhängigen Fachleuten geprüft und in einem Fachmagazin veröffentlicht werden, sondern bei einer Pressekonferenz mit der US-Energieministerin. Dann sollte man besonders kritisch nachfragen, bevor man in den Chor der Jubelschreie einstimmt.
Doch manche Journalisten hatten offenbar keine Zeit oder Lust dazu. Sie verbreiteten die Meldung einfach so weiter. Der mediale Hype war enorm und am Ende des Tages erklärte Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger dann auch noch im ‚Heute Journal‘, das erste Fusionskraftwerk in Deutschland könne womöglich schon in zehn Jahren ans Netz gehen.

What? Nach allem, was wir wissen, ist das Blödsinn. Und eine Ministerin, die sowas zur besten Sendezeit im ZDF verkündet, ist falsch informiert oder schlecht beraten. So oder so tut sie Wissenschaft und Öffentlichkeit damit keinen Gefallen. Denn wer unrealistische Erwartungen in neue Technologien schürt, verspielt Vertrauen.

Zumindest das theoretische Potenzial der Kernfusion ist groß

Bitte nicht falsch verstehen: Die Chancen stehen gut, dass es irgendwann gelingen könnte, das Sonnenfeuer auf der Erde zu zähmen und in Fusionskraftwerken sauber und sicher große Mengen Strom zu erzeugen. Für die globale Energieversorgung und den Kampf gegen die Erderwärmung wäre das ein Game Changer. Denn wenn Wasserstoffatomkerne zu Heliumkernen verschmelzen, entstehen keine Treibhausgase.

Doch leider sind wir davon noch Jahrzehnte entfernt, weil die Herausforderungen enorm sind. Um Wasserstoffatomkerne im Labor zu verschmelzen, müssen sie auf Temperaturen von über 100 Millionen Grad erhitzt werden. An der National Ignition Facility in Kalifornien, wo man hauptsächlich Militärforschung betreibt, bündelt man dazu 192 starke Laserstrahlen auf eine erbsengroße Brennstoffkapsel. Sie wird in Sekundenbruchteilen komprimiert und dabei im Zentrum zehnmal heißer als das Innere der Sonne, sodass Wasserstoffkerne verschmelzen. Bei dem Experiment am 5. Dezember setzten sie dabei rund ein Megajoule Energie frei. Das war doppelt so viel wie bei einem Versuch im vergangenen Jahr und würde im Prinzip reichen, um sich 20 Minuten die Haare zu föhnen. Und weil das 50 Prozent mehr Energie war, als die Laserstrahlen diesmal auf die Kapsel übertrugen, wurde daraus die Schlagzeile, bei einem Kernfusions-Experiment sei erstmals Energie gewonnen worden.  

Der Weg zum Fusionskraftwerk ist noch lang und steinig

Im Taumel der medialen Euphorie übersahen viele das Kleingedruckte: Das Erzeugen der Laserblitze verschlang hundertmal mehr Energie als hinten rauskam. Damit sich ein kommerzielles Fusionskraftwerk rechnet, müsste die Reaktion hundertfach effizienter ablaufen, die Laser müssten ihre Lichtblitze tausendmal schneller abfeuern und es müssten Materialien und Methoden entwickelt werden, um die Energie in Strom zu verwandeln, die das Fusionsfeuer freisetzt. All das scheint prinzipiell möglich, doch der Weg ist noch lang und steinig.

Fachleute machen da auch keinen Hehl daraus: Das erfolgreiche Experiment war ein lang erwarteter Meilenstein der Grundlagenforschung zur Kernfusion. Nicht mehr und nicht weniger. Warum also versprechen zuerst die US-Energieministerin und später die Bundesforschungsministerin vor laufender Kamera das Blaue vom Himmel - also Fusionsmeiler am Netz, in zehn Jahren oder so?
Die Start-Up-Unternehmen in den USA, Deutschland und anderswo, die an der Kommerzialisierung der Kernfusion tüfteln, dürften es gern gehört haben. Die denken in ähnlich kurzen Zeiträumen und müssen Ergebnisse liefern, um Risikokapitalgeber bei Laune zu halten. Aber machen wir uns keine Illusionen: Neun von zehn der Fusions-Pioniere werden pleite gehen, bevor das erste Kraftwerk Strom produziert.

Fördern und vorantreiben sollten wir die Entwicklung dennoch - aber bitte mit realistischen Erwartungen. In den nächsten 20 Jahren wird die Kernfusion sicher keinen nennenswerten Beitrag zur Energieversorgung leisten. Die Energiewende und den Kampf gegen den Klimawandel müssen wir auf absehbare Zeit mit anderen Mitteln meistern. Wer etwas Anderes erzählt, macht sich und anderen etwas vor. Wunschdenken ist keine Strategie.