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StartseiteSport am WochenendeLiebesgrüße aus Moskau09.03.2014

KommentarLiebesgrüße aus Moskau

Trotz Krimkrise keine Spur von Kritik an Wladimir Putin, dem Gastgeber der Paralympics: IOC-Präsident Thomas Bach ist personifizierter Ausdruck der Haltungslosigkeit des IOC, kommentiert Hajo Seppelt.

Von Hajo Seppelt

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)
Gläschen Sekt gefällig? IOC-Präsident Thomas Bach und der russische Präsident Wladimir Putin vor der Eröffnung der Winter-Paralympics 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)

Als Temperamentsbündel ist Thomas Bach der Öffentlichkeit nicht gerade bekannt. Aber wir erinnern uns: Bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele gerierte sich der noch frisch im Amt befindliche IOC-Präsident ungewohnt. Voller Inbrunst, gerade freudetrunken, als könnte er es nun  allen Miesmachern mal so richtig aufs Butterbrot schmieren: so pries er den russischen Präsidenten für "seine außerordentlichen Bemühungen um die Olympischen Spiele“. Kein Superlativ war jeweils zu schade, keine Lobhudelei zu untertänig, wenn Bach bei allen möglichen Gelegenheiten überschwängliche Begeisterung zeigte, Kritik an Russland kleinredete und sich immer wieder mit dem russischen Präsidenten inszenierte. Putin - in den Augen Bachs offenkundig der Heilsbringer der Olympischen Bewegung.

Der deutsche FDP-Mann und der ehemalige KGB-Mann gaben sich jetzt wieder - bei der Eröffnung der Paralympics am Freitag - betont harmonisch. Auch wenn diesmal vor der Weltöffentlichkeit die demonstrative Verbrüderung ausblieb - ein Foto im Internet zeigt, wie die beiden in trauter Runde hinter den Kulissen noch vorgestern zusammen in Sotschi feierten. Die Korken der Schampusflaschen knallten demnach gerade, als die Krise um die Krim weiter dramatisch eskalierte. Putin mit Sekt-Kelch neben Bach. War es womöglich Krim-Sekt?

Olympia politisch neutral? So ein Quatsch

Der deutsche Außenminister Steinmeier nennt es die "größte Krise seit dem Mauerfall“, Kanzlerin Merkel sagt, Putin lebe "in einer anderen Welt“, sie sei nicht sicher, ob er noch "Kontakt zur Realität“ habe. Aber der deutsche IOC-Präsident schmeißt sich weiter an einen expansionslüsternen und unberechenbaren Potentanten heran, der die Welt womöglich in einen Krieg führt. So etwas hält Thomas Bach dann offenbar für eine politisch neutrale Haltung des IOC. Bach kennt auch die IOC-Historie und deren fatale Abgründe.

Zur Erinnerung: Als 1936 von manchen Nationen ernsthaft ein Fernbleiben von den Olympischen Sommerspielen in Berlin wegen der judenfeindlichen Haltung des Nazi-Regimes erwogen wurde, gab sich das IOC demonstrativ politikfern. Es überließ Hitler und seinen Gefolgsleuten die Bühne für eine gigantische Propagandashow und eine wirksame PR-Vernebelungsaktion für die wahren Absichten der Aggressoren. Der spätere IOC-Präsident Avery Brundage, damals Chef des NOKs der USA, ließ die Amerikaner in Berlin an den Start gehen - obwohl Nazi-Deutschland jüdische Sportler unter fadenscheinigen Gründen ausgrenzte und in den USA ein Boykott der Spiele gefordert wurde. Damals war längst klar, dass Hitler ein beängstigender Diktator war. Das IOC weiß also nur zu gut, wie es ist, sich mit unberechenbaren Potentaten einzulassen. Putin ist auch einer dieser Sorte. Dass er kaum, dass das olympische Feuer vor zwei Wochen erloschen war, seine Maske vom Gesicht riss und die Welt an den Rand eines Krieges führt, dazu sagt der IOC-Präsident jetzt öffentlich nichts.

Vielmehr bereiten die Sportfunktionäre - auch jetzt bei den Paralympics - Putin wieder die weltweite Bühne, um sich als Freund der Athleten in Szene zu setzen. Gleichzeitig verbieten dieselben Funktionäre, dass Ukrainer einen Trauerflor tragen, wenn sie der Ermordeten in ihrer Heimat gedenken. Bach mokiert sich noch, wenn manche Politiker aus dem Ausland bei der Propagandashow nicht zuschauen wollen, auch jetzt wieder bei den Paralympics. Bach sagt sogar selbst, ein Land und seine politische Führung könnten - so wörtlich - "hoffentlich vom Erfolg dieses Ereignisses profitieren.“ Aber Olympia sei ja angeblich politisch neutral? So ein Quatsch. Was ist etwa daran politisch neutral, wenn zahlreiche Staatenlenker einem Präsidenten Putin vor den Augen der Welt ihre Referenz erweisen sollen? Es ist ein kalkuliertes Statement, eine politische Botschaft in ihrer klarsten Form.

Putin hält die Welt zum Narren

Für wie dumm verkaufen will das IOC die Weltöffentlichkeit also? Zumal Bach gleichzeitig quasi routinemäßig alles abbürsten lässt, was vor und während der Spiele an Menschenrechtsverletzungen passierte. Auch Putins Gastspiel in Guatemala 2007, als Sotschi plötzlich wie in einem Handstreich zum Olympia-Ausrichter gekürt wurde, ist unvergessen. Thomas Bach klatschte artig Beifall und pries fortan das Unternehmen Sotschi, während Putin und Co. rechtsstaatliche Standards Zug um Zug außer Kraft setzten, die individuellen Freiheiten beschnitten und die Medien unter ihre Kontrolle brachten.

Das IOC verbreitet indes allzu gern seine angeblich so humanitären Kernbotschaften von Frieden und Völkerverständigung, betont sogar seinen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen. Der IOC-Präsident schweigt aber, wenn der Olympia- und Paralympics-Gastgeber mit der Annexion der Krim einen - nicht nur nach westlicher Lesart - eindeutigen Bruch des Völkerrechts androht. Putin hält auf der Bühne des Sports mit spöttischem Blick die Welt zum Narren. Und das IOC schaut zu.

Es hat auf dem Basar politischen und ökonomischen Kalküls seine Seele schon lange verkauft. Und Thomas Bach, der deutsche IOC-Präsident, ist der personifizierte Ausdruck dieser Haltungslosigkeit. 

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