Montag, 27. Juni 2022

Rollenbilder
Die modernen Väter treten im Alltag zu wenig in Erscheinung

Viele Väter wünschten sich eine gerechte Aufgabenteilung in der Familie – in der Realität blieben nach der Geburt eines Kindes aber noch immer meist die Mütter zu Hause, kommentiert Johannes Kulms. Er fordert die Väter auf, ihr eigenes Handeln zu überdenken – und die Frauen, das immer wieder einzufordern.

Ein Kommentar von Johannes Kulms | 26.05.2022

Ein Vater spielt mit seiner kleinen Tochter im Sandkasten auf einem Spielplatz
Dass Väter in Teilzeit arbeiten und nachmittags die Betreuung ihrer kleinen Kinder übernehmen, ist noch immer eher Ausnahme als Regel (imago/Westend61)
Väter, die entscheiden, wo es langgeht. Väter, die als Alleinverdiener das Einkommen für die Familie verdienen und sich kaum um die Kinder kümmern. Weil sie nicht wollen oder schlichtweg keine Zeit haben. Dieses Rollenbild ist schon lange überholt. Und das ist schon mal ein Fortschritt. Inzwischen wünschen sich nicht nur viele Mütter, sondern auch viele Väter eine gerechte Aufgabenteilung in den Familien. Das Problem ist leider nur, dass die modernen Väter bis heute vor allem in den Köpfen leben. Aber im Alltag immer noch viel zu wenig in Erscheinung treten.

Mehr Mütter arbeiten in Teilzeit

Zwar steigt seit Jahren die Zahl der Väter, die Elternzeit nehmen. Doch fast unverändert sind es meist nur wenige Monate, wenn sie denn überhaupt Elternzeit nehmen. In den meisten Familien in Deutschland ist es weiterhin die Regel, dass nach der Geburt eines Kindes die Mutter eine längere Auszeit nimmt und mit dem Nachwuchs zu Hause bleibt. Leider ist es ebenfalls immer noch normal, dass eher Mütter in Teilzeit arbeiten als Väter. Die Zahlen hierzu muten unterirdisch an: 2019 waren 72 Prozent der Mütter von Kindern unter sechs Jahren in Teilzeit. Aber gerade mal 7 Prozent der Väter. Ein Witz. Ob aus finanziellen Gründen oder wegen überholten Rollenbildern -  Statistiken zeigen, dass gerade nach der Geburt eines Kindes viele Väter mehr arbeiten anstatt weniger.
Weiterhin gibt es viele Familien, die sich in Deutschland diese Verhältnisse wünschen und bewusst für ein traditionelles Rollenmodell eintreten. Das ist in Ordnung, solange Mütter und Väter es gemeinsam so entscheiden. Doch häufig läuft es eben anders: Familien fallen schneller in alte Rollenmuster zurück als ihnen lieb ist. Das hat nicht zuletzt auch die Corona-Pandemie gezeigt.

Männer sind nicht ersetzbar im Job, Frauen angeblich schon

Wenn die Gesellschaft mehr moderne Mütter und Väter möchte, braucht es keine Revolution. Wohl aber eine ziemliche Kraftanstrengung auf vielen Ebenen. Noch immer dominiert das Bild der starken Männer. Das zeigt sich in den fortbestehenden Gehaltsunterschieden zwischen den Geschlechtern. Aber auch den unterschiedlichen Berufswahlen. Beides sind wichtige Entscheidungsfaktoren für Familien, wenn es um die Frage geht, wer nun wie lange Elternzeit nimmt. Es zeigt sich in den Firmen, in denen gerade den Männern signalisiert wird: Wir zählen fest auf euch, ihr seid nicht zu ersetzen! Frauen, die ein Kind kriegen, aber angeblich schon.

Elterngeld und Ehegattensplitting

Auch die Politik kann und muss vor allem mehr machen, um eine gerechtere Rollenverteilung in den Familien zu fördern. Und das fördern ist hier durchaus finanziell gemeint. Immer noch besteht das Ehegattensplitting fort, das Paare steuerlich besserstellt, wenn der Einkommensunterschied zwischen beiden besonders groß ist. Auch beim Elterngeld hat die neue Ampel-Regierung mit der Anhebung der sogenannten Vätermonate von zwei auf drei nicht gerade übersprühenden Elan gezeigt. Auch der Ausbau der Kita-Betreuung Ist weiterhin wichtig.

Es braucht einen Wandeln in unseren Köpfen

Doch am Ende braucht es vor allem eines: Einen Wandel in unseren Köpfen. Viel zu oft wird eine Entscheidung über die Dauer des Elterngeldbezugs alleine unter dem Gesichtspunkt der Finanzen betrachtet. Viele können sich nicht vorstellen, dass sie und er bei einer gemeinsamen Elternzeit im Alltag oftmals deutlich weniger Geld ausgeben. Vor allem aber mehr Zeit zusammen als Familie verbringen, die gerade bei einem Baby letztendlich unbezahlbar ist. Gerade für die Väter ist diese Erfahrung wichtig, weil sie zeigt, wie schön, aber – und auch das gehört zur Wahrheit dazu – wie anstrengend und tierisch langweilig es sein kann, mit einem kleinen Menschen zu Hause zu sein. Das ist ein wichtiges Erkenntniserlebnis auf dem Weg hin zu einer Familie mit fairer Lastenverteilung.
Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich von alten Bildern löst und eine Politik, die finanzielle Anreize schafft. Vor allem aber brauchen wir mehr Väter, die bereit sind, ihr eigenes Handeln zu überdenken und eingespielte Rollenmuster zu hinterfragen. Genau dies sollten auch die Frauen immer wieder einfordern. Der Weg hin zu einer gerechteren Aufgabenteilung in den Familien ist ein tägliches Ringen, das unglaublich anstrengend sein kann. Aber es lohnt sich.
Johannes Kulms
Johannes Kulms
Johannes Kulms, geboren 1986 in Hamburg. Als Jugendlicher ein Jahr Austauschschüler in Argentinien, nach dem Abitur Freiwilligendienst mit der Aktion "Sühnezeichen" in Paris. Es folgte ein deutsch-französisches Doppeldiplomstudium im Fach Politikwissenschaft an der Uni Münster und dem IEP Lille. Erste mediale Gehversuche bei Radio Q, nach mehreren journalistischen Praktika für ein knappes Jahr eine Redakteursvertretung bei der "taz" in Berlin. Mitarbeit bei mehreren arte-Produktionen. Ab 2013 Volontariat beim Deutschlandradio, anschließend ein Jahr Junior-Korrespondent im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio. Von Juli 2016 bis Januar 2022 war er Landeskorrespondent in Kiel in Schleswig-Holstein.