Mittwoch, 18. Mai 2022

Bericht des Weltklimarats macht Mut
Wir können die Kurve noch kriegen, wenn wir jetzt handeln

Der Weltklimarat IPCC hat den dritten Teil seines Sachstandsberichts vorgelegt - mit einer überraschend optimistischen Einschätzung der Möglichkeiten für den Klimaschutz, kommentiert Georg Ehring. Der Bericht mache Mut für einen entschlossenen Politikwechsel; noch sei Deutschland nicht auf Kurs.

Ein Kommentar von Georg Ehring | 04.04.2022

Windkraftanlagen im Landkreis Aurich in Ostfriesland
"Wir können die Emissionen bis 2030 halbieren", heißt es im dritten Teil des IPCC-Sachsandsberichs. Aber dafür sei entschlossenes Handeln nötig, meint Georg Ehring. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)
„Die Beweislage ist klar: Jetzt ist die Zeit zum Handeln. Wir können die Emissionen bis 2030 halbieren.“ Unter diese Überschrift setzt der Weltklimarat IPCC seine Pressemitteilung zur Minderung der Klimaerwärmung – Thema des am 4. April veröffentlichten dritten Teils seines sechsten Sachstandsberichts.
Die Forscherinnen und Forscher teilen eine überraschend optimistische Einschätzung der Möglichkeiten für den Klimaschutz. Der Ausstoß von Treibhausgasen sei zwar weiter gestiegen, aber langsamer als früher. Und vor allem: Viele Länder haben begonnen, ernsthaft gegenzusteuern. Die Entwicklung der Technik mache das leichter als je zuvor: Die Kosten für Solarenergie etwa seien seit 2010 um stolze 85 Prozent gesunken. Fossile Energien wie Kohle, Öl und Gas lassen sich ersetzen, moderne Häuser brauchen weniger Heizungswärme.

Entschlossen und gemeinsam handeln, auch in Deutschland

Die Notwendigkeit liegt auf der Hand. Ende Februar hatte der IPCC im zweiten Teil seines Sachstandsberichts die immer drastischeren Folgen der Erderwärmung aufgezeigt. Ein weiteres Hinauszögern des Klimaschutzes kann nur zu noch mehr Hitzewellen, Dürren und Hungersnöten, zu immer extremeren Überschwemmungen und Wirbelstürmen führen, die Anpassung daran wird dann enorm teuer.
Kriegt die Welt also doch noch die Kurve? Nur dann, wenn sie entschlossen und gemeinsam handelt, und zwar in diesem Jahrzehnt – weltweit, also auch in Deutschland. Die Ampel-Koalition in Berlin hat sich einiges davon vorgenommen, vor allem den beschleunigten Ausbau von Sonnenenergie und Windkraft. Am gleichen Tag wie der Weltklimarat seinen Bericht hat sie Standards vorgelegt für die Lösung von Konflikten, wenn im Umkreis von geplanten Windrädern Vögel nisten, die durch die Rotoren gefährdet werden könnten. Das kann viele Bauprojekte beschleunigen und für manche auch das Aus bedeuten, wenn sie am falschen Ort stehen – gut so.

Deutschland ist noch nicht auf Kurs

Allerdings: Die Vorgängerregierung aus Union und SPD hat den Ausbau der Erneuerbaren so verschleppt, dass selbst das erhöhte Tempo noch immer nicht ausreicht. Die Ampel-Koalition sollte die Notwendigkeit, noch weiter nachzubessern, klar benennen anstatt so zu tun, als sei Deutschland schon auf Kurs.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine lenkt jedoch derzeit die Aufmerksamkeit vom Klimaschutz ab: Doch besonders klimaschädliche Braunkohle und Fracking-Gas aus den USA dürfen nicht salonfähig werden, sie können kurzfristige Notnägel sein. Schon auf mittlere Sicht hilft für Energie-Unabhängigkeit von Russland und Klimaschutz vor allem diese Lösung: Noch schnellerer Ausbau der Erneuerbaren, Einsparen von Energie wo immer möglich und Verdrängen von Kohle, Öl und Gas vor allem durch hohe Preise für den Ausstoß von CO2 - mit sozialem Ausgleich für die, die dadurch zu stark belastet würden.
Die Aussicht auf Unabhängigkeit: Noch ein Grund, jetzt entschlossen zu handeln – der Bericht des IPCC macht Mut dafür.
Georg Ehring
Georg Ehring
Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.