Dienstag, 04. Oktober 2022

Armut
Reiches Deutschland - arme Tafeln

Zwei Millionen Menschen in Deutschland kommen ohne die "Tafeln" nicht mehr über die Runden, 60.000 Ehrenamtliche helfen dort. Dass nun Schleswig-Holstein und Thüringen staatliche Mittel zuschießen, ist der richtige Schritt, meint Axel Schröder.

Ein Kommentar von Axel Schröder | 06.08.2022

Tafeln unter Druck
In der Laib und Seele- Ausgabestelle in Berlin verteilt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin Brot. Angesichts steigender Lebensmittelpreise, höherer Energiekosten und des Ukraine-Kriegs stehen Tafeln bundesweit immer mehr unter Druck. (pa/dpa)
Die „Tafeln“ in Deutschland schlagen Alarm. Und es ist nicht der erste Weckruf derjenigen, ohne deren Hilfe rund zwei Millionen Deutsche nicht wüssten, wie sie sich mit Grundnahrungsmitteln versorgen sollten. Weil das Geld nicht reicht.
Dass es die 2.000 über ganz Deutschland verteilten Ausgabestellen der „Tafeln“ gibt, dass sich dafür über 60.000 Ehrenamtliche engagieren, ist ein Riesen-Gewinn für die ganze Gesellschaft. Und gleichzeitig ein Beleg dafür, dass die Politik das Thema „Armut“ entweder nicht anpacken will oder nicht die richtigen Lösungen anbietet.

Die Zahl armutsgefährdeter Menschen wächst seit Jahrzehnten

Als 1993 die erste „Tafel“ in Berlin ins Leben gerufen wurde, geschah das als Reaktion nicht nur auf politisches, sondern auch auf marktwirtschaftliches Versagen. Die großen Supermarktketten schmissen nicht verkaufte Ware in den Müll, während in vielen Haushalten das Geld für den Einkauf fehlte. Schon damals war die bis heute andauernde Umverteilung von Vermögen im Gange.
Und die politische Führung hat bis heute nichts daran geändert, dass wenige Reiche reicher werden und die Zahl armutsbetroffener oder armutsgefährdeter Menschen stetig wächst. Die Entwicklung ist ungebrochen, ganz gleich, ob Schwarz-Gelb, Rot-Grün, Schwarz-Rot oder eine Ampelkoalition das reiche Land regiert.
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Supermärkte sparen stärker, Tafeln gehen öfter leer aus

Die „Tafeln“ sind nur ein notdürftiges Pflaster auf der Wunde. Und die wird größer, wie der letzte Hilferuf der Ehrenamtlichen zeigt. Schon mit Beginn der Corona-Pandemie stieg die Zahl derer, die bei den „Tafeln“ Hilfe suchen, dazu kommen die vielen Geflüchteten aus der Ukraine. Die Nachfrage steigt, während das Angebot an Lebensmitteln, die die großen Supermarktketten zur Verfügung stellen, seit Jahren sinkt.
Die Ketten haben ihr Mikromanagement bei Einkauf und Lagerhaltung verfeinert und streichen nun auch die kleinen Gewinne für Lebensmittel ein, die bisher, kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums, kostenlos an die „Tafeln“ gegeben wurden. Es fehlen Ehrenamtliche, um die Ausgabestellen zu betreiben während die Anzahl der Tafelkundinnen und Kunden wächst. Viele Ausgabestellen mussten schon einen Aufnahmestopp verhängen.

Sozialer Frieden entsteht nicht automatisch

Verschärfen wird sich die Lage durch verdoppelte und verdreifachte Energierechnungen. Und ab dem Herbst durch eine Energieumlage, die große Gasunternehmen stützen soll. Dass das nötig ist, steht außer Frage. Menschen mit niedrigen Einkommen müssen von dieser Umlage aber befreit werden.

Es war Bundeskanzler Olaf Scholz, der seine Wahlkampf-Agenda in einem einzigen Wort zusammengefasst hat: „Respekt“. Genau dieser Respekt ist auch gegenüber den Menschen bitter nötig, die sich die täglichen Einkäufe nicht leisten können. Dieser Respekt verlangt, ihre Situation schnell und dauerhaft zu verbessern. Ob das für das kommende Jahr geplante Bürgergeld die Lage verbessern wird, ist offen. Klar ist dagegen: sozialer Frieden entsteht auch in der so genannten „Sozialen Marktwirtschaft“ nicht automatisch.

Dass nun einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein oder Thüringen staatliche Mittel für die „Tafeln“ lockermachen, ist in der akuten Lage der richtige Schritt. Das Grundproblem wird dadurch nicht gelöst, die Wunde bleibt.
Axel Schröder
Axel Schröder
Axel Schröder, geboren 1971 in Uelzen / Niedersachsen, hat in Göttingen und Berlin Soziologie, Politik, Jura und Publizistik studiert. Nach Stationen bei der "taz" und dem "Freitag" arbeitet er seit 2003 als freier Hörfunkjournalist. Seit vier Jahren berichtet er als Landeskorrespondent von Deutschlandradio aus Hamburg.