Mittwoch, 01. Februar 2023

Kommentar zum Renteneintritt
Es kommt auch auf die Arbeitgeber an

Der frühe Renteneintritt vieler Arbeitnehmer wirft ein bescheidenes Licht auf die Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte, kommentiert Volker Finthammer. Damit weniger in Frührente gingen, seien daher auch die Arbeitgeber gefragt.

Von Volker Finthammer | 12.12.2022

Ein älterer Mann mit einem Gehstock und seine Begleitung spazieren durch den herbstlichen Tiergarten in Berlin-Mitte
Gut die Hälfte aller rentenfähigen Beschäftigten nutzen die Möglichkeit, früher in den Ruhestand zu gehen (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Jetzt rächt sich wohl für viele in der öffentlichen Debatte, dass es die SPD war, die vor Jahren die Rente mit 63 politisch durchgesetzt hat. Die Worte des Bundeskanzlers gelten den Kritikern als spätes Eingeständnis dafür.
Über ein Viertel aller Neurentnerinnen und -rentner nutzen die Gelegenheit, abschlagsfrei in Rente zu gehen. Augenscheinlich verträgt sich das nicht mit einem Arbeitsmarkt, in dem nahezu überall händeringend nach Fachkräften gesucht wird.
Allein dabei wird gerne vergessen, das abschlagsfrei in den Ruhestand nur gehen kann, wer in der gesetzlichen Rentenversicherung auf 45 Beitragsjahre kommt, wer also spätestens mit 18 Jahren ins Berufsleben eingestiegen ist und dies weitgehend ununterbrochen bis zum Rentenalter fortgesetzt hat.

Wie sehen die Arbeitsbedingungen für ältere Beschäftigte aus?

Aber zugleich wirft der frühere Renteneintritt auch ein bescheidenes Licht auf die konkreten Arbeitsbedingungen, mit denen es ältere Beschäftigte wohl oft genug noch zu tun haben. Warum sonst geht aktuell gut ein weiteres Viertel auch mit Abschlägen von über acht Prozent vorzeitig in den Ruhestand? An der üppigen Rente dürfte das wohl kaum liegen. Eher an den konkreten Arbeitsbedingungen, denen viele dann doch lieber früher entfliehen wollen, als es von der Regelaltersgrenze angebracht wäre. Auf diese Fragen geht kaum einer derjenigen ein, die jetzt wieder ein höheres Renteneintrittsalter fordern. Dabei geht es nämlich auch um die konkreten Bedingungen und die Möglichkeiten für ältere Arbeitnehmer.
Stichwort "Möglichkeiten": Erst vor gut zwei Wochen hat die Koalition mit breiter Zustimmung im Bundestag eine Reform verabschiedet, bei der die Hinzuverdienstgrenzen für Vorruheständler gestrichen wurden. Ab Januar können auch sie neben der Rente unbegrenzt dazu verdienen. Für Ruheständler über der gesetzlichen Altersgrenze galt das schon immer. Damit hat der Gesetzgeber zumindest seinen Beitrag geleistet, damit künftig mehr Ältere wieder eine Arbeit aufnehmen können, sofern sie das noch wollen. Aber das Wollen hängt ganz offensichtlich auch stark davon ab, ob die Bedingungen auch stimmen.

Gesetzliche Rahmenbedingungen sind nicht allein schuld

Vor diesem Hintergrund kommt es wohl auf die Arbeitgeber an, unter welchen Voraussetzungen sie ältere Mitarbeiter weiter beschäftigen wollen. Eine klassische fünf Tage Woche wird für die wenigsten noch in Frage kommen, weil viele mit gutem Gewissen auch die neuen Freiheiten nutzen wollen, die ein Ruhestand nun mal mit sich bringt.
Deshalb müssen sich auch die Arbeitgeber fragen lassen, warum gut die Hälfte aller rentenfähigen Beschäftigten die Möglichkeit nutzen, früher in den Ruhestand zu gehen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen allein können kaum schuld daran sein.
Volker Finthammer
Volker Finthammer
Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.