Corona in SachsenEin Lockdown, der vermeidbar gewesen wäre

Mit seinem politischen Schlingerkurs habe Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) dazu beigetragen, dass die Pandemie in Sachsen schlimmer wüte als anderswo, kommentiert Alexander Moritz. Aber auch die Gesellschaft insgesamt trage eine Verantwortung für die dramatische Lage in den Krankenhäusern.

Ein Kommentar von Alexander Moritz | 18.11.2021

Impfen in Leipzig Impfzentrum im Leipziger Hauptbahnhof. Menschen stehen in langen Schlangen um sich impfen zu lassen.
Impfzentrum im Leipziger Hauptbahnhof. Menschen stehen in langen Schlangen um sich impfen zu lassen. (imago images/Max Stein)
Einen sofortigen Lockdown, zwei Wochen für alle. Das fordern die Leiter der sächsischen Krankenhäuser. Nur so könne die Arbeitsbelastung in den Intensivstationen überhaupt noch auf einem erträglichen Maß gehalten werden. In den kommenden zwei Wochen wird sich die Zahl der Intensivpatienten in Sachsen fast verdoppeln – möglicherweise sogar höher liegen als in der Spitze der Winterwelle vor einem Jahr, befürchtet der sächsische Krankenhauskoordinator. Die bisher geltenden 2G-Regeln schaffen nachweislich kaum Entlastung.
Nichts davon kommt überraschend. Die Impfquote von unter 60 Prozent ist in Sachsen schlicht zu niedrig. Das RKI und die Seuchenforschung warnen seit Wochen. Trotzdem reagiert die sächsische Regierung erst jetzt – zu spät, zu zögerlich - mal wieder.
Dass Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU einen mehrwöchigen „Wellenbrecher“ ankündigt, ist richtig. Dass er das Wort Lockdown dabei gar nicht erst in den Mund nimmt, wirkt dagegen wie ein Einknicken vor den hartgesottenen Realitätsverweigerern der Querdenkenfraktion. Dabei sind sie es, die ihre Kontakte am meisten reduzieren sollten.
Für Impfunwillige habe er kein Verständnis mehr, sagt Kretschmer – und betont gleichzeitig, dass man weiter zusammenleben müsse - auch mit denen, die „im Abseits stehen“. Es ist dieser Schlingerkurs, das „es allen Recht machen wollen“, der mit dazu beigetragen hat, dass die Pandemie in Sachsen schlimmer wütet als anderswo. Die Regierung warb unermüdlich für das Impfen. Doch wer skeptisch ist, konnte hoffen, sich irgendwie durchwurschteln zu können. Dabei ist völlig klar, dass die niedrige Impfquote keine Herdenimmunität bietet.

Ein Lockdown, der sich ungerecht anfühlt und es auch ist

Die Politik hat zu lange gewartet, zu unklar kommuniziert. Die Drittimpfungen verlaufen schleppend, weil der Aufbau ausreichender Kapazitäten verschlafen wurde. In vielen Städten werden gerade Weihnachtsmärkte aufgebaut, weil die Landesregierung sich vor zwei Wochen nicht getraut hat, sie zu verbieten. Nun könnte das Verbot nachträglich doch noch kommen – für Händler und Gäste eine doppelte Enttäuschung.
„Wir haben das Virus unterschätzt“ – mit dieser viel gescholtenen Formulierung versuchte Kretschmer vor einem Jahr das eigene Zaudern zu erklären. Heute will er einen Wellenbrecher bauen, gegen eine Infektionslage, die er mit einem Hochwasser vergleicht. Wieso er nicht viel früher den Deich erhöht hat, erklärt er nicht.
Die Verantwortung für die vierte Welle trägt aber auch die Gesellschaft insgesamt. Zu viele in Sachsen nehmen das Virus immer noch nicht ernst, umgehen Infektionsschutzregeln und verklären das als Geste des Widerstands. Jede schief oder gar nicht getragene Maske zeugt davon. Dass auch niedergelassene Ärzte zu den Impfgegnern zählen, macht es nicht besser.
Ergebnis ist nun ein Lockdown, den niemand will, der vermeidbar gewesen wäre, der sich ungerecht anfühlt und es auch ist - für die übergroße Mehrheit, die auch in Sachsen wissenschaftlicher Expertise vertraut, sich impfen lässt oder zumindest Infektionsschutzregeln beachtet. In den Lockdown müssen nun wohl wieder alle gemeinsam.
Ein Porträt von Alexander Moritz
Alexander Moritz (Deutschlandradio / C. Kruppa)
Alexander Moritz, Jahrgang 1991, studierte in Leipzig, Lyon und Växjö Politikwissenschaft und European Studies. Vor seinem Volontariat beim Deutschlandradio arbeitete er als freier Journalist u. a. für den MDR, Radio France und Spiegel Online und war Chefredakteur und Moderator bei mephisto 97.6, dem Lokalradio der Universität Leipzig. Seit September 2020 ist er Landeskorrespondent von Deutschlandradio in Sachsen.