Urteil zum "Tiergartenmord-Prozess"Justiz zeigt klare Kante

Das Berliner Kammergericht hat den Mord im Berliner Tiergarten als russischen Auftragsmord und Staatsterrorismus bezeichnet. Die Reaktion von Bundesaußenministerin Baerbock sei das Mindeste, was die Bundesregierung tun musste, um Russland in die Schranken zu weisen, kommentiert Sebastian Engelbrecht.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht | 15.12.2021

Ein Kamerateam steht vor dem Gerichtsgebäude.
Im sogenannten "Tiergartenmord" ist ein 56-jähriger Russe zu lebenslanger Haft verurteilt worden (dpa/Christophe Gateau)
Die Beweislage ist lückenhaft, insgesamt aber doch so plausibel, dass das Urteil gegen den russischen Angeklagten Vadim Krasikov – „lebenslänglich“ – berechtigt erscheint. Dieser handelte wie ein professioneller Killer. Er erschoss sein Opfer, den georgisch-tschetschenischen Kämpfer Selimchan Changoshvili, mittags um 12 an einem heißen Tag im Zentrum Berlins.
Vor aller Augen sollte der Mord geschehen – ein Warnzeichen an alle Dissidenten, Gegner, Systemkritiker aus Tschetschenien, aus Russland, aus Ländern Osteuropas, die sich in Berlin sicher wähnten. Aber wegen genau dieser Öffentlichkeit der Tat konnte das Berliner Kammergericht auf eine unüberschaubar große Menge von Zeugen zurückgreifen. Sie alle belasteten den Angeklagten schwer – so schwer, dass dem Richter keine Wahl blieb, als auf Mord zu entscheiden.

Indizien überführten Krasikov

Überzeugend erläuterte der Vorsitzende Richter Olaf Arnoldi die Indizien, die für die Schuld des Angeklagten sprechen. Als der Täter im Kleinen Tiergarten den zweiten Schuss auf sein Opfer abfeuerte, fiel er vom Fahrrad und verletzte sich am Bein. Von der blutigen Verletzung, die er sich zuzog, hafteten Spuren an seinem Fahrrad. Das Rad warf er Minuten später in die Spree – und wurde dabei von zwei Zeugen beobachtet.
Die DNA-Spuren am Fahrrad stimmten zweifelsfrei mit der DNA des Angeklagten überein. An der Kleidung, die er ebenfalls im Fluss versenkte, wurden Schmauchspuren gefunden, die auf die Schüsse zurückzuführen sind, die Krasikov mit seiner Pistole abgegeben hatte. Diese und eine Reihe weiterer Indizien und Zeugenaussagen sowie Fotos sprechen dafür, dass der Täter Vadim Krasikov war und dass er im Auftrag des russischen Geheimdienstes tötete.

Nichts rechtfertigt Selbstjustiz russicher Geheimdienste auf deutschem Boden

Allerdings bleiben Lücken: Wer waren die Helfer des Täters in Berlin? Wer stellte ihm Elektroroller und Fahrrad zur Verfügung? Wie kam er am 22. August 2019 von Warschau nach Berlin? Von wem erhielt er die Pistole? Und wer genau beauftragte den Täter?

Dann doch überraschend eindeutig urteilte der Zweite Strafsenat, es habe sich bei der Tat um einen Akt des „Staatsterrorismus“ gehandelt. Dass Bundesaußenministerin Baerbock sofort den russischen Botschafter einbestellte und zwei Mitarbeiter der Botschaft in Berlin zu unerwünschten Personen erklärte, ist die logische diplomatische Konsequenz.
Es ist das Mindeste, was die Bundesregierung tun musste, um Russland in die Schranken zu weisen. Auch wenn das Opfer, Selimchan Changoshvili, selbst Menschen auf dem Gewissen haben sollte – das rechtfertigt keine Selbstjustiz russischer Geheimdienste auf deutschem Boden.
Korrespondent Sebastian Engelbrecht
Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)
Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.