Montag, 27. Juni 2022

50 Jahre UN-Umweltkonferenzen
Die Menschheit hat keinen Grund zum Feiern

Seit es Umweltschutz gibt, war er außerordentlich erfolgreich - dennoch bleibe bei der Rettung des Weltklimas eine gewaltige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, kommentiert Georg Ehring. Noch könne der Kraftakt gelingen, aber nur, wenn die Aufgabe nicht weiter aufgeschoben werde.

Ein Kommentar von Georg Ehring | 06.06.2022

Eine Frau trägt einen Behälter voller Wasser nahe einer fast eingetrockneten Wasserstelle in Allahabad.
Teile von Südasien werden auch in Zukunft extremen Hitzestress erleben" - konstatiert der Weltklimarat IPCC in seinem letzten Bericht. (picture alliance / Zumapress)
Die Dunstglocke war schmutziggelb und schon von weitem zu sehen für alle, die vor 50 Jahren mit dem Auto zum Beispiel aus Richtung Norden ins Ruhrgebiet fuhren. Kurz vor dem Kamener Kreuz begann die Luft ein wenig nach faulen Eiern zu riechen und man war drin in einer Wolke von Abgasen aus Kraftwerken, Kokereien und Fabriken. Das Auto fuhr mit verbleitem Benzin und hatte natürlich keinen Katalysator – der kam erst ein Jahrzehnt später. Viele Flüsse schäumten und stanken, Wälder starben durch die Belastung mit saurem Regen und die Wäsche hängte man nur ungern draußen auf – sie wurde dort grau vom Ruß.
Viele haben die dramatische Umweltverschmutzung schon vergessen, die damals Leben und Gesundheit der Menschen längst nicht nur in Industriezentren wie dem Ruhrgebiet massiv beeinträchtigte.
Luftverschmutzung im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst, Ruhrgebiet, 1965
Seit den 1960er-Jahren hat sich das Klima im Ruhrgebiet sehr verbessert (picture alliance / Klaus Rose)
Die Stockholmer Umweltkonferenz von 1972 gilt als Startpunkt der weltweiten Umweltpolitik. Die Bilanz 50 Jahre danach ist ermutigend: Ja, der Umweltschutz war seitdem außerordentlich erfolgreich.  

Wir sind näher am Abgrund als je zuvor

Trotzdem – die gemeinsam von Schweden und Kenia ausgerichtete Nachfolgekonferenz in der vergangenen Woche in Stockholm war keine Party, zum Feiern gibt es keinen Grund. UN-Generalsekretär Antonio Guterres mahnte, die Menschheit müsse den selbstmörderischen Krieg gegen die Natur beenden und in der Tat: Auch wenn Luft und Wasser in den Industrieländern sauberer geworden sind – als Menschheit sind wir durch unterlassenen Umweltschutz heute näher am Abgrund als je zuvor.
Die Umweltprobleme vergangener Jahre und Jahrzehnte ließen sich oft gewinnträchtig durch Reinigungstechnik und Umstellung von Produktionsverfahren lösen: Auch die Herstellung von Filtern und Katalysatoren kurbelt die Wirtschaft an. Heute reicht das nicht mehr: Die Dreifachkrise von Klimaerwärmung, Artenschwund und Umweltverschmutzung erfordert eine komplette Umstellung von Produktion und Konsum und auch Verzicht – auf dicke Autos, auf Flugreisen und auch auf die intensive Nutzung von Flächen für Landwirtschaft, Siedlungen und Straßen.
Kurzum: Wir haben die Grenzen des Wachstums erreicht, die der Bericht des Club of Rome vor 50 Jahren mit einfachen, aber erstaunlich treffsicheren Computermodellen vorhergesagt hat. Sie zu überschreiten, führt in die Katastrophe, etwa Hitze, die absehbar weite Regionen unbewohnbar machen kann.

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Die Aufgabe annehmen, nicht mehr aufschieben

Die Konferenz in Stockholm ist mit Appellen zu Ende gegangen. Das war vorhersehbar und ist doch enttäuschend. Appelle ermüden die Welt seit einem halben Jahrhundert. Haben wir also zu viele Umwelt- und Klimakonferenzen? Nein, sie bringen zu wenige Ergebnisse.
Ab Pfingstmontag treffen sich für knapp zwei Wochen die Klima-Diplomatinnen und Diplomaten in Bonn, um den nächsten Klimagipfel in Ägypten vorzubereiten. Der wiederum soll die gewaltige Lücke schließen helfen, die beim Klimaschutz nach wie vor zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft. In diesem Jahrzehnt muss der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit in etwa halbiert werden, um die Erderwärmung noch auf erträgliche 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Klappt das nicht, dann hat sich so viel CO2 in der Atmosphäre angesammelt, dass die 1,5 Grad-Grenze nicht mehr zu halten ist.
Die Aufgabe ist also auch in Kriegszeiten nicht mehr aufzuschieben, und allen guten Vorsätzen zum Trotz reichen die Anstrengungen dafür noch lange nicht. Die Erfolge beim Umweltschutz in den vergangenen 50 Jahren zeigen: Auch dieser Kraftakt kann gelingen, wenn wir die Aufgabe annehmen und nicht mehr aufschieben.
Georg Ehring
Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.