Donnerstag, 26. Januar 2023

Kommentar zur COP15
Weltnaturkonferenz - zum Erfolg verdammt

Bei der Biodiversität geht es ums Ganze, kommentiert Jule Reimer: Um den Erhalt von Ökosystemen, auf die auch der Mensch angewiesen ist. Bei der Weltnaturkonferenz in Montreal müssten sich daher alle Staaten verpflichten, den Naturverlust zu stoppen.

Ein Kommentar von Jule Reimer | 10.12.2022

Ein Graureiher, auch Fischreiher genannt, sthet an der renaturierten Boye im Wasser. Der Nebenfluss der Emscher, wurde zum naturnahem Gewaesser umgestaltet.
Intakte Ökosysteme stellen uns kostenlos unzählige Dienstleistungen zur Verfügung, kommentiert Jule Reimer (IMAGO / Rupert Oberhäuser )
Erinnern Sie sich an den Film Jurassic Park, in dem auf einer Insel mit Hilfe moderner Biotechnologie nachgezüchtete Dinosaurier ausbrechen und nur wenige der Besucher lebend davonkommen? Die 15. Weltnaturkonferenz – im UN-Slang COP15 genannt – hat einen ähnlichen Spitznamen weg: Jurassic COP. Nicht wegen randalierender Dinosaurier, sondern wegen des Aussterbens derselben. Massenaussterben hat es in der Erdgeschichte schon fünf Mal gegeben. Bei den Dinosauriern streitet die Wissenschaft darüber, ob die Ursache vor 66 Millionen Jahren zahlreiche Vulkanausbrüche oder ein Meteorit gewesen war. Wir Menschen brauchen so etwas nicht – wir kriegen ganz allein das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte hin.

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Eine Million Tier- und Pflanzenarten in näherer Zukunft bedroht

Eine Million von schätzungsweise acht Millionen Tier- und Pflanzenarten sind in näherer Zukunft vom Aussterben bedroht, warnen die Wissenschaftler des Weltbiodiversitätsrates. Wenn wir unsere Produktions- und Konsummuster nicht grundlegend ändern. Und ja: Natur ist doch sowieso stetig im Wandel. Doch nie in diesem Tempo, 100 bis 1.000 Mal schneller als es auf natürlichem Weg geschieht. Mit starken Worten haben die höchsten Umweltschützerinnen der Erde, Elisabeth Mrema vom UN-Biodiversitätssekretariat, Inger Anderson als Chefin des UN-Umweltprogramms UNEP sowie UN-Generalssekretär Antonio Guterres die Weltnaturkonferenz in Montreal eröffnet. Ob diese - Zitat - „letzte Chance“ ist, einen „indirekten Selbstmord“ – auch ein Zitat - der Menschheit zu verhindern, sei dahingestellt.
Tatsache ist aber, dass die Natur durch ungezügelte Eingriffe des Menschen sehr großen Schaden genommen hat und die Klimaerwärmung ganz heftig noch einen draufsetzt. Das Drama dabei: Die meisten Verluste in der Natur vollziehen sich leise und schleichend. Welche Zerstörung von fruchtbaren Äckern und Wäldern ein Braunkohletagebau hinterlässt, ist für jeden sichtbar. Wenn jedoch Flussufer begradigt werden oder unter Stauseen verschwinden, ist vielen von uns gar nicht bekannt, wie viele Pflanzen, Amphibien sowie bodenständige Krabbeltiere durch die Zerstörung einer Auenlandschaft mitausgelöscht werden. Genauso wenig wie der Laie beurteilen kann, ob in dem Boden eines Maisfelds noch Vielfalt und Fruchtbarkeit steckt oder das System hauptsächlich durch synthetischem Dünger und Pestizide am Leben erhalten wird.

Es geht bei Biodiversität ums Ganz

Das Thema Biodiversität ist schwer zu vermitteln. Es beginnt beim Verständnis, was auf der Weltnaturkonferenz verhandelt wird. Nicht der Erhalt einzelner Arten, des Waldelefanten, der Feldlerche, des Pumas oder der Suppenschildkröte. Es geht bei Biodiversität ums Ganze: um den afrikanischen Regenwald, die europäische Kulturlandschaft, die südamerikanischen Feuchtgebiete, um die Korallenriffe vor Australien. Denn ohne das zugehörige Ökosystem haben Waldelefant, Puma, Feldlerche und Suppenschildkröte nur noch die Chance, im Zoo zu überleben oder als digitalisierte Gensequenz in einer Datenbank zu enden.
Wollen wir das? Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal wird es gebetsmühlenartig wiederholt: Alles, was wir essen, ist Biodiversität, unser Trinkwasser entsteht dank Biodiversität, die Luft, die wir atmen, wird erzeugt und gereinigt dank Biodiversität. Intakte Ökosysteme stellen uns kostenlos unzählige Dienstleistungen zur Verfügung. Von der Bestäubung der Pflanzen bis zum preisgünstigen Abbremsen der Klimaerwärmung.

Weiter machen wie bisher ist keine Option

Mit einem Ruck das ganze System von Produktion und Konsum zu ändern, geht nicht. Aber solide Weichen zu stellen für ein wirksames Umsteuern geht: Alle Staaten, aber voran die Hauptverursacher, müssen sich in Montreal verpflichten, mit ehrgeizigen, überprüfbaren Zielen mit allen verfügbaren Mitteln den Naturverlust zu stoppen. Das alte Konzept „ein bisschen Naturschutzinsel hier, großflächige Ausbeutung und Zerstörung dort“, ist keine Option mehr!
Jule Reimer
Jule Reimer
Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.