Donnerstag, 18. August 2022

Getreideexport aus Odessa
Ein Erfolg der Ukraine, der auch Russland nützt

Dass nach monatelanger kriegsbedingter Blockade wieder ein erstes Schiff mit ukrainischem Getreide den Hafen von Odessa verlassen konnte, nützt auch Russland, kommentiert Gesine Dornblüth. Daneben aber sorgt Moskau weiter dafür, dass Getreide in der Ukraine vernichtet und der Export erschwert wird.

Ein Kommentar von Gesine Dornblüth | 01.08.2022

Die Razoni auf See
Die Razoni, das erste Frachtschiff mit ukrainischen Getreide seit Monaten (picture alliance / Anadolu / Türkisches Verteidigungsministerium)
Dass ein erstes Schiff mit ukrainischem Getreide heute endlich aus dem Hafen von Odessa auslaufen konnte, ist ein Triumph für die Ukrainerinnen und Ukrainer: wirtschaftlich von großer Bedeutung, vor allem aber auch psychologisch.
Dass die russische Führung dem Deal überhaupt zustimmte, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens geht das Getreide in zahlreiche Staaten im Nahen Osten und in Afrika, um deren Gunst Russland sich seit Jahren bemüht. Sie zu verprellen, kann sich Moskau nicht leisten.
Zweitens kann Russland, weil es hilft, die von ihm selbst ausgelöste Lebensmittelkatastrophe zu lindern, nun auch sein eigenes Getreide und Düngemittel wieder leichter auf den Weltmarkt bringen. Dafür wurden Sanktionen entsprechend angepasst. Für die schrumpfende russische Wirtschaft sind diese Einnahmen wichtig.

Russland schafft gestohlenes Getreide auf die Seite

Doch jenseits dessen sorgt Russland weiter dafür, dass Getreide in der Ukraine vernichtet und der Export erschwert wird.
Aufgrund des Krieges sind Felder abgebrannt oder vermint. Bei Raketenangriffen wurden riesige Kornspeicher in Brand gesetzt. Nicht mal 24 Stunden nach den Abkommen von Istanbul griff Russland den Hafen von Odessa an. Am Wochenende kam der wichtigste Getreidehändler der Ukraine bei einem Raketenangriff ums Leben.
Und parallel zu all dem schafft Russland gestohlenes ukrainisches Getreide aus den besetzten Gebieten außer Landes. Auf der Straße Richtung Krim stauen sich hunderte Lkw, die zuvor bei der Ernte eingesetzt wurden. Unter anderem im Hafen von Sewastopol wird das Diebesgut auf Schiffe geladen und, wie Journalisten recherchiert haben, unter anderem in die Türkei gebracht. Um das schmutzige Geschäft zu vertuschen, schalten die Kapitäne die Identifikationssysteme ihrer Schiffe ab.
Die Erlöse aus den illegalen Exporten füllen über Steuern und Abgaben den russischen Haushalt und finanzieren damit den Krieg. Einen Krieg, in dem Russland weitere Infrastruktur der Ukraine vernichtet und vermutlich versuchen wird, Odessa mit seinem Hafen zu besetzen.

Getreideexporte militärisch absichern

Verantwortlich in Russland ist übrigens Landwirtschaftsminister Dmitrij Patruschew. Der sitzt außerdem im Aufsichtsrat von Gazprom und ist der Sohn von Nikolaj Patruschew, dem Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates.
Raketen, Gas, Getreide – Russland hat eine ganze Palette von Waffen, und über deren Einsatz entscheidet eine enge Führungselite - internationale Abkommen spielen dabei eine untergeordnete Rolle.
Sicher werden die Getreideexporte der Ukraine deshalb nur, wenn das Land gleichzeitig militärische Sicherheit bekommt: Flugabwehrsysteme zum Beispiel für Odessa und andere Großstädte. Schwere Waffen entlang der ukrainischen Schwarzmeerküste. Und Hilfe bei der Befreiung der besetzten Gebiete. Damit die Ukrainer auch dort das exportieren können, was ihnen gehört und die Welt braucht: Getreide.  
Gesine Dornblüth, ehemalige Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau
Gesine Dornblüth, ehemalige Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau
Gesine Dornblüth wurde 1969 in Niedersachsen geboren. Sie studierte Slawistik und promovierte über russische Lyrik. In den 90er-Jahren gründete sie mit ihrem Partner das Büro "texte und toene" in Berlin und produzierte fünfzehn Jahre Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen, politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Südkaukasus und vom Balkan. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau.