Freitag, 30. September 2022

Kommentar zur Documenta
Antisemitismus muss entschlossen bekämpft werden - auch in der Kunst

Nach immer neuen Antisemitismus-Vorwürfen bei der Documenta, müsse die Organisationsstrukturen der Weltkunstausstellung auf den Prüfstand gestellt werden kommentiert Ludger Fittkau. Der Bund müsse wieder eine verantwortliche Rolle übernehmen.

Ein Kommentar von Ludger Fittkau | 13.09.2022

Besucher der documenta 15 stehen nach Eröffnung vor dem Fridericianum, dessen Säulen der rumänische Künstler Dan Perjovschi mit schwarzer Farbe bemalt und mit weißen Symbolen und Zeichen zu Themen wie Frieden, Solidarität oder Nachhaltigkeit beschriftet hat
Die Documenta 15 in Kassel wurde von Antisemitismus und Hass auf Israel überlagert (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Es ist genauso gekommen, wie befürchtet: Antisemitismus und Hass auf Israel überlagern die diesjährige Documenta 15. In zwölf Tagen schließt die Weltkunstausstellung und immer noch werden weitere Werke entdeckt, die vor allem Israel-bezogenen Antisemitismus beinhalten.
Auch der Versuch, mit einem prominent besetzten Begleitgremium aus der Wissenschaft die Wogen zu glätten, ist misslungen. Das indonesische Kunstkollektiv „Ruangrupa“, das die Documenta 15 verantwortet, lehnte dieses Gremium von Beginn an ab - sprach von politischer Zensur. So war zu erwarten, dass die Empfehlungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Umgang mit einzelnen problematischen Werken von der Documenta-Leitung abgelehnt werden.
Wie nun auch im Fall der Film-Collage „Tokyo Reels Film Festival“ des Künstlerkollektivs „Subversive Film“. Das Documenta-Begleitgremium betrachtet das Werk als antisemitisch und verlangt zumindest eine kritische Kommentierung in der Ausstellung. Die Documenta-Gesellschafter - die Stadt Kassel und das Land Hessen - fordern sogar ein Ende der Vorführung. „Ruangrupa“ lehnt das als Einschränkung der Kunstfreiheit ab.

Auswahlgremium darf Antisemitismus nicht dulden

Das Nachdenken darüber, welche Schlüsse aus dem Antisemitismusskandal zu ziehen sind, hat längst begonnen. Unter der Leitung der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff hat ein Teil des wissenschaftlichen Beratergremiums der Documenta 15 in seiner jüngsten Stellungnahme einen entscheidenden Hinweis gegeben. Die gravierenden Probleme der Documenta gehen über einzelne umstrittene Werke hinaus. Die internationale Kunstszene, zu der "Ruangrupa" gehört, ist sehr stark von Solidarität mit dem palästinensischen Volk geprägt, die nicht selten in antisemitische und israelfeindliche Stimmung umschlägt.
Das bedeutet: Die Organisationsstrukturen der Documenta müssen für die nächste Ausgabe der Weltkunstausstellung in fünf Jahren genauestens auf den Prüfstand gestellt werden. Das Auswahlgremium für die nächste künstlerische Leitung muss so zusammengesetzt sein, dass Antisemitismus keine Chance hat. Kritik etwa an der völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik der israelischen Regierung muss auch künftig in Kassel möglich sein. Doch ein genereller wirtschaftlicher und kultureller Boykott Israels, wie ihn Teile der internationalen Kunstszene fordert, darf keine Position einer bedeutenden Kunstausstellung in Deutschland sein, die noch dazu maßgeblich aus staatlichen Mitteln finanziert wird.

Kein regionales Thema mehr

Ein wichtiger Schritt, um das künftig zu gewährleisten, wäre: Der Bund sollte zurückkehren in eine verantwortliche Rolle in den Documenta-Gremien. Dass er sich 2017 weitgehend zurückgezogen hat, war ein Fehler. Die Stadt Kassel und das Land Hessen sollten bei dieser bedeutenden Ausstellung nicht noch einmal allein gelassen werden. Wenn eine Documenta - wie dieses Mal - schiefgeht, ist das kein regionales Thema. Antisemitismus muss entschlossen bekämpft werden - auch in der Kunst.
Ludger Fittkau –
Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.