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StartseiteKommentare und Themen der WocheSo viel ökologischer Aufbruch war noch nie29.06.2020

Kommunalwahlen in FrankreichSo viel ökologischer Aufbruch war noch nie

Die Erfolge der Grünen bei den Kommunalwahlen in Frankreich seien vor allem ein Zeichen dafür, was sich schon in dem Land verändert habe, kommentiert Jürgen König. Auch Präsident Emmanuel Macron scheine das zu erkennen - fraglich sei nur, ob ihm die Franzosen den Wandel abnehmen.

Von Jürgen König

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Auf den verbreiterten Fahrradwegen auf der Rue de Rivoli im Pariser Stadtzentrum sind Radfahrer unterwegs. Die Stadt richtete nach den coronabedingten Ausgangsbeschränkungen zusätzliche Wege für Fahrradfahrer ein.  (dpa / Christian Böhmer)
In Frankreich hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert, die Kommunalwahlen belegen es (dpa / Christian Böhmer)
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Eine "grüne Welle", ein "erdrutschartiger Sieg", eine "Sensation": Frankreich überbietet sich in Superlativen für die französischen Grünen und zu Recht. So viele große Städte - Lyon, Marseille, Bordeaux, Straßburg, Grenoble - werden fortan von der grünen Partei regiert, auch in Paris wird sie Verantwortung tragen - so viel ökologischer Aufbruch war noch nie in Frankreich.

Jahrelang spielten die Grünen in der französischen Öffentlichkeit nur eine untergeordnete Rolle. Ihr jetziger Wahlsieg zeigt weniger, wie sich die Grünen verändert haben, sondern wie viel sich in Frankreich in den letzten Jahren beim ökologischen Stadtumbau getan hat. Anne Hidalgo, die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, eine Ausnahmeerscheinung in ihrer Partei - sie hat vorgemacht, was viele Städte dann übernahmen: hat durchsetzungsstark Straßen gesperrt oder verkleinert, hat Busspuren eingerichtet, Fahrradwege gebaut, Fahrradleihsysteme eingeführt; hat im Wahlkampf beherzt für die Fortsetzung dieses Weges gekämpft und wurde mit großer Mehrheit für weitere sechs Jahre wiedergewählt. Das ist wirklich etwas Neues, und es ist bemerkenswert: dass Ökologie inzwischen auch in Frankreich ein Thema geworden ist, mit dem man Wahlen gewinnt.

Grüne sind meist jünger als das etablierte Personal

Davon profitierten jetzt vor allem die Grünen. Ein Kuriosum ist dabei, dass viele der grünen Kandidatinnen und Kandidaten manchmal selbst in ihren Kommunen bis vor kurzem so gut wie gar nicht bekannt waren, aber sie wurden gewählt, weil sie durchweg jünger sind als das etablierte Personal, weil sie mit Fachkompetenz aufwarten können, engagiert und bürgernah auftraten. Die mit 40 Prozent historisch niedrige Wahlbeteiligung mag den hochmotivierten Grünen und ihren Anhängern zusätzlich zugute gekommen sein.

Ob sich damit alles zum ökologisch Besseren wendet, ist alles andere als sicher. Schon bei der Frage, ob die neuen Führungskräfte, allesamt unerfahren in der Ausübung politischer Spitzenämter, in der Lage sein werden, Städte mit teilweise mehr als 500.000 Einwohnern zu regieren, tun sich erhebliche Zweifel auf.

Auch Macron will sich verändern

Auch dass Präsident Macron schon am Tag nach der Wahl die grüne Karte spielte und von 149 Forderungen des "Bürgerkonvents für das Klima" nicht weniger als 146 versprach umzusetzen, klingt derzeit eher nach Symbolpolitik, trotz solch markiger Sätze wie dem, die "Ökologie" werde künftig das "Herzstück der Wirtschaft" sein. Jahrelang hatte sich der Präsident das Themenfeld Ökologie jenseits der Festreden nie wirklich zu eigen gemacht, erst spät entdeckte er Themen wie Klimaschutz, Gebäudesanierung, Elektromobilität. "Auch ich werde mich neu erfinden müssen", hatte Macron unlängst gesagt. Sollte er sich zum radikalen Öko-Präsidenten wandeln - ob die Franzosen ihm das abnehmen werden?

(©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

  

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