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StartseiteDeep ScienceMit Schimpansen sprechen09.09.2021

Kommunikation zwischen Mensch und TierMit Schimpansen sprechen

In den 60er-Jahren zieht der Psychologe Roger Fouts die Schimpansin Washoe auf wie ein menschliches Kind und bringt ihr Gebärdensprache bei. Die Erkenntnisse sind bahnbrechend. Doch am Ende kommt Fouts zu dem Schluss: Das Experiment hätte nie stattfinden dürfen.

Mit Sophie Stigler und Lennart Pyritz

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Washoe gehört zur Familie. Bis an ihr Lebensende feiert die Familie Fouts Geburtstage und Weihnachten mit der Schimpansin (Deutschlandradio / Friends of Washoe)
Washoe gehört zur Familie. Bis an ihr Lebensende feiern die Fouts Geburtstage und Weihnachten mit der Schimpansin (Deutschlandradio / Friends of Washoe)
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Die Schimpansin Washoe wird oft als erstes nicht-menschliches Wesen bezeichnet, das mit einer menschlichen Sprache kommunizieren konnte. Berichte über sie sorgten ab den 1960er-Jahren für Aufsehen. Zwar hatte es Versuche, Schimpansen das Sprechen beizubringen, bereits in den Jahrzehnten zuvor in den USA gegeben. Der Erfolg war dabei allerdings sehr begrenzt geblieben, was auch mit anatomischen Unterschieden im Vokaltrakt von Mensch und Menschenaffen begründet wurde. Beim Verhaltensexperiment mit Washoe setzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der University of Nevada in Reno deshalb auf einen anderen Kommunikationskanal: Gebärdensprache.

Die Schimpansin Washoe wurde wie ein menschliches Kind aufgezogen und in Gebärdensprache unterrichtet (friendsofwashoe.org)Die Schimpansin Washoe wurde wie ein menschliches Kind aufgezogen und in Gebärdensprache unterrichtet (friendsofwashoe.org)

Washoe, die als Jungtier in Westafrika gefangen und in die USA gebracht worden war, verbrachte die ersten Jahren ihres Lebens wie ein menschliches Kind. Bei allen Tätigkeiten – wickeln, ankleiden, essen, vorlesen oder spielen – verwendeten ihre Betreuer ausschließlich Gebärden. Den damaligen Berichten zufolge lernte Washoe so mit der Zeit Hunderte Zeichen und kombinierte diese auch spontan zu neuen Ausdrücken, zum Beispiel "Wasser, Vogel" für "Schwan" oder "öffnen, essen, trinken" für "Kühlschrank".

Den Kühlschrank nennt Washoe "öffnen, essen, trinken"  

Die Hauptbezugsperson der jungen Schimpansin war Doktorand Roger Fouts, der ursprünglich als Psychologe mit Kindern arbeiten wollte. Zwischen ihm und Washoe entwickelte sich ein enges Verhältnis, das Fouts später als geschwisterlich bezeichnete.

Durch die Arbeit seines Vaters Roger wuchs Joshua Fouts in engem Kontakt zu Schimpansen auf. Das Bild zeigt die beiden mit der Schimpansin Tatu (Joshua Fouts)Durch die Arbeit seines Vaters Roger wuchs Joshua Fouts in engem Kontakt zu Schimpansen auf. Das Bild zeigt die beiden mit der Schimpansin Tatu (Joshua Fouts)

In seinem Buch "Unsere nächsten Verwandten. Von Schimpansen lernen, was es heißt, ein Mensch zu sein" beschreibt er seine damaligen Eindrücke: "Ich kam mir vor, als hätte ich mit Washoe den Mond betreten. Jahrtausendelang hatten die Menschen in Mythen und Fabeln davon geträumt, mit Tieren zu sprechen, und jetzt wurde dieser Traum tatsächlich wahr." Später lernte auch Washoes Adoptivsohn Loulis Gebärden, indem er Washoe beobachtete. Deshalb gilt er einigen als erstes nicht-menschliches Wesen, das eine menschliche Sprache von einem anderen nicht-menschlichen Wesen gelernt hat.


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Der Traum, mit Tieren zu sprechen

Über Washoe wurden wissenschaftliche Studien publiziert und zahlreiche Zeitungsartikel geschrieben. Aber es gab auch Forscher, die die Sprachbegabung der Schimpansin anzweifelten und weitgehend für Imitation und Konditionierung hielten. Wie tief die kommunikativen Fähigkeiten von Washoe tatsächlich reichten, ist bis heute umstritten. Eines aber ist klar: Das Experiment hat den Blick auf die kognitiven Fähigkeiten von Tieren – insbesondere von Menschenaffen – revolutioniert. Laut dem renommierten Verhaltensbiologen Frans de Waal von der Emory University in Atlanta half es auch, den Weg für die moderne Kognitionsforschung zu ebnen. Zuvor seien bei Tieren Instinkte und mechanistische Aspekte des Lernens untersucht worden. Washoe dagegen wurde zur Botschafterin eines neuen Forschungsansatzes, bei dem die komplexen geistigen Fähigkeiten der Tiere im Vordergrund stehen.

"Anthropozentrisch und unethisch": Kritik am Experiment

Die konkrete Motivation hinter dem Washoe-Experiment hält de Waal allerdings für zweifelhaft. "Wir nehmen etwas, in dem wir wirklich gut sind, nämlich Sprache, werfen es den Menschenaffen hin und schauen, wie weit sie kommen." Laut dem Biologen verstellt dieser anthropozentrische Ansatz den Blick auf die artspezifischen Fähigkeiten, die für die Tiere in ihrem jeweiligen Umfeld sinnvoll sind. Dazu kommt die ethische Problematik: Ist es gerechtfertigt, ein Schimpansenbaby von seiner Mutter zu trennen und artfremd aufzuziehen – gerade vor dem Hintergrund der geistigen Fähigkeiten von Menschenaffen?

Der Psychologe Roger Fouts bezeichnete sein Verhältnis zur Schimpansin Washoe als geschwisterlich (friendsofwashoe.org)Der Psychologe Roger Fouts bezeichnete sein Verhältnis zur Schimpansin Washoe als geschwisterlich (friendsofwashoe.org)

Roger Fouts: Vom Wissenschaftler zum Aktivisten

Auch Roger Fouts kommen im Laufe der Zeit Zweifel. Immer komplexer und tiefgründiger erscheint ihm Washoes Gefühlswelt. Gleichzeitig wird die Schimpansin immer älter und kräftiger. Irgendwann ist sie stärker als die Mitglieder ihrer menschlichen Familie. Sie muss in ein neues Gehege an der University of Oklahoma umziehen. Als sie dort erstmals auf andere Schimpansen trifft, bezeichnet sie die als "schmutzige schwarze Käfer". Fouts fühlt sich verantwortlich für Washoes Entfremdung von den eigenen Artgenossen. Über Jahrzehnte kümmert er sich aufopferungsvoll um die Schimpansin, ordnet seine eigene wissenschaftliche Karriere ihrem Wohlergehen unter und setzt sich zunehmend für den Schutz und die Rechte von Menschenaffen ein.

Loulis ist Washoes Adoptivsohn. Er lebt heute in einer Auffangstation für Schimpansen in Kanada.  (friendsofwashoe.org)Loulis ist Washoes Adoptivsohn. Er lebt heute in einer Auffangstation für Schimpansen in Kanada. (friendsofwashoe.org)

Der Podcast

Roger Fouts ist heute fast 80 Jahre alt. Im Podcast erzählen wir die Geschichte von Washoe mit Hilfe seines Sohnes Joshua. Er zeichnet das bewegte Leben seines Vaters und seiner "Tante" Washoe mit allen Höhen und Tiefen anhand persönlicher Erinnerungen nach. Der Verhaltensforscher Frans de Waal beschreibt, was passiert, wenn Tiere vermenschlicht werden, und warum es noch lange dauern wird, deren geistige Fähigkeiten tatsächlich in aller Fülle zu begreifen.

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