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StartseitePISAplusKommunikationsfalle Elternabend30.10.2010

Kommunikationsfalle Elternabend

Eine Glosse aus Betroffenensicht

Elternabende sind für viele ein Graus. Zum einen den Konflikt mit den Lehrkräften zu suchen, sich möglicherweise unter der Schar der Übermütter unwohl zu fühlen und obendrein die Veranstaltung auch noch vorzeitig zu verlassen.

Von Antje Allroggen

Klassenzimmer können einen schon mal in die eigene Schulzeit zurückversetzen. (AP)
Klassenzimmer können einen schon mal in die eigene Schulzeit zurückversetzen. (AP)

Der größte Feind eines jeden Elternabends ist natürlich der Lehrer. Das fängt schon damit an, dass er es sich auf seinem Erwachsenen-Stuhl bequem machen kann. Der Klassenlehrer meiner Tochter unterrichtet sogar auf einem drehbaren Modell. Und natürlich ist der Lehrerstuhl an Elternabenden direkt vor der Tafel positioniert. Da steht er sonst eigentlich nie, denn Frontalunterricht gibt es an der Grundschule, in die meine Tochter geht, fast überhaupt nicht mehr. Wir Erwachsenen hingegen sitzen auf viel zu kleinen Stühlen an viel zu kleinen Tischen und reiben uns alte Kaugummis von den Hosen- oder Rockbeinen, die sich noch auf der Sitzfläche befanden oder fischen längst vergammeltes Brot aus verloren geglaubten Dosen. Ein autoritäres Gefälle, das Erinnerungen an die eigene, nicht immer nur rosige Schulzeit weckt, von der man dachte, sie sei für immer vorbei. Elternabende haben eindeutig eine leicht traumatisierende Wirkung. Zudem befeinden wir Eltern nicht nur gemeinsam den frontal aufgestellten Lehrer, sondern geraten auch untereinander in einen harten Wettbewerb: Eltern-Streber lesen die Hefte ihrer Kinder Kontrolle, andere spielen giggelnd den Klassenclown, während die Eltern der Schulversager durch Abwesenheit glänzen.

Elternabende zementieren so auch die soziale Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems. Dabei bedarf es keines Abiturs, um den Sachverhalt der diskutierten Themen nachzuvollziehen: Auf unserem Elternabend der 2. Klasse geht es um aufgeräumte Ranzen, gespitzte Bleistifte und wärmende Hausschuhe. Gewiss, mitunter gärt es dann tüchtig unter dieser einschläfernden banalen Organisations-Soße, die keinen interessiert, mal abgesehen von den hauptberuflichen Super-Müttern.

Als wir um 23 Uhr immer noch nicht alle Tagesordnungspunkte abgearbeitet haben, der viel zu kleine Stuhl längst schon unbequem geworden ist und die Kassenwartin damit beginnt, ihren Rechenschaftsbericht über die Kopierkosten abzugeben, beschließe ich, zu gehen. Dem Rektorenohr zugewandt, flüstere ich noch eine leise Entschuldigung. Der Lehrer nickt, und das Gros der Elternschaft glotzt und schweigt.

Studiogäste

Annette Holl von elternwissen.de. Sie schreibt auf dem Internetportal unter anderem über Elternsprechtage.

Ute Janus, Vorsitzende des Stadtelternrats Hannover

Franz-Josef Bölting bildet Gymnasial- und Gesamtschullehrer am Studienseminar Minden aus

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