Donnerstag, 21.03.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteForschung aktuellKomplette Vernetzung28.03.2008

Komplette Vernetzung

Internet der Dinge nimmt Gestalt an

Informationstechnologie. – Noch ist das Internet vornehmlich ein Informationsnetzwerk. Die Verknüpfung mit der realen Welt geht über relativ wenige Schnittstellen. Deren Zahl soll sich allerdings in Zukunft drastisch erhöhen, wenn alles und jedes über verschiedene Kommunikationswege miteinander in Verbindung tritt. Ein Kongress an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich gab davon einen Vorgeschmack.

Von Thomas Wagner

Das Internet der Dinge geht über die Informationstechnik hinaus. (Messe Berlin)
Das Internet der Dinge geht über die Informationstechnik hinaus. (Messe Berlin)

Wie in einem Spielzeug-Kaufladen, hat Felix von Reischach mehrere Essig- und Olivenflaschen auf einem Tisch aufgestellt. Daneben liegt ein Handy.

"Ich würde mein Handy an die Olivenölflasche halten, weil wir die Olivenölflasche mit einem RFID-Chip ausgestattet haben und würde dann eine Produktempfehlung in einer eins bis fünf – Sterne – Skala auf mein Handy bekommen, was mir sagt, wie das Produkt von anderen bewertet wurde."

Ein Mini-Chip auf der Flasche funkt die wesentlichen Produktinformationen an das Handy – Marke, Hersteller, Abfülldatum. Nun baut Felix von Reischach vom Lehrstuhl für Informations-Management der ETH Zürich mit dem Handy eine Verbindung zum Internet auf. Dort gleicht das Mobiltelefon den Datensatz des Olivenöls mit einer Fülle von Lebensinformationen über Lebensmittel ab, die in einer Datenbank abgelegt sind. Reischach:

"Wir haben im Kopf eine offene Community, die unabhängig ist von Händlern oder Herstellern, bei der Konsumenten einfach auch ihre Meinung per Mobiltelefon übertragen können per Zentralstelle, auf die dann auch wieder zugegriffen wird, wenn ein Konsument die Produktratings auf sein Handy haben will."

Ein typisches Beispiel für das "Internet der Dinge". In diesem Fall ist die Olivenölflasche über Datenchip und Handy indirekt in Kontakt mit dem Internet getreten. Bei anderen Szenarien werden die Gegenstände sogar selbst aktiv.

"Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen für ein Projekt, das wir zusammen mit einem japanischen Hersteller gemacht haben: Schlüsselanhänger mit kleinen Funkeinheiten in der Weise, wenn ich meinen Schlüsselbund verliere, dann funkt dieser Schlüsselanhänger an vorbeilaufende Mobiltelefone anderer Leute eine Art Hilferuf. Und die Mobiltelefone melden dann verschlüsselt, wo sie einen Hilferuf empfangen haben. Wenn ich dann meinen Schlüssel suche, gehe ich an einen Web-Browser und bekomme dann, wenn das so entdeckt wurde, auf einer Karte direkt angezeigt, wo sich dieser Schlüsselbund befindet","

erklärt Professor Friedemann Mattern vom Institut für Pervasive Computing an der ETH Zürich. Dort untersuchen die Experten, inwieweit es Sinn macht, Dinge des alltäglichen Lebens mit dem World Wide Web zu verbinden.

""Denkbar wäre eine Waschmaschine oder ein Kühlschrank, die sich die Wettervorhersage vom Internet herunterladen können und dann, wenn sie wissen am Vormittag, dass am Nachmittag die Sonne stark scheint, dann erst viel Strom verbrauchen können oder den Waschgang einschalten können bei der Waschmaschine, wann der Solarstrom da ist, der billig ist und der keinen normal erzeugten Strom benötigt."

Die Liste solcher Beispiele wird täglich länger: Der Rasensprenger, der nur dann in Aktion tritt, wenn der Wetterbericht im Internet keinen Regen in Aussicht stellt; der Badezimmer-Spiegel, der online mit dem Rechner des Hausarztes verbunden ist und selbständig an die morgendliche Einnahme bestimmter Medikamente erinnert; der Kühlschrank, der seine Vorräte kontrolliert und bei der Unterschreitung bestimmter Sollwerte automatisch per e-Mail Nachschub ordert – der Fantasie der Experten sind da kaum Grenzen gesetzt. Dass Alltagsgegenstände zunehmend online gehen, bleibt allerdings nicht ohne Folgen für das Internet selbst. Professor Friedemann Mattern:

"Einerseits wird sicherlich die Datenmenge immer größer, die pro Zeiteinheit transportiert werden kann. Das Zweite ist, dass Datenmengen über Funk transportiert werden können zu Kosten, die fast nichts mehr ausmachen, fast kostenfrei. Das heißt: Der drahtlose Zugang zum Internet durch Wireless Lan und andere Technologien – das wird noch sehr viel weiter gehen. Das heißt: Drahtlose Vernetzung von Dingen – und das zu Kosten im Kleinen, die fast vernachlässigbar sind."

Schon in ein paar Jahren, glaubt Friedemann Mattern von der ETH Zürich, werden Waschmaschinen, Rasensprenger, Kühlschränke, Staubsauger und viele andere Geräte standardmäßig mit kleinen Chips ausgestattet sein. Damit verbinden sie sich automatisch mit dem WLan-Netz des jeweiligen Haushaltes, wobei auch die Struktur dieser Funknetze Änderungen erfährt. Mattern:

"Es werden andere drahtlose Technologien entwickelt. Da ist man gerade dabei. BlueTooth ist erst der Anfang. Es gibt weitere, die zwar über kürzere Distanzen funktionieren und nicht ganz so hohe Bandbreiten haben, aber dafür praktisch keine Energie benötigen, sehr klein und sehr kostengünstig hergestellt werden können, so dass wir tatsächlich dann billige, kleine Produkte wie ein Rasensprenger oder einen Schlüsselanhänger damit ausstatten können, dass wir nicht immer die Batterie wechseln müssen, weil ja eine Batterie vielleicht ein paar Jahre hält. Aber das reicht auch aus, um in sehr kurzen Distanzen die kleine Datenmengen, die man sich dort vorstellt, zu senden."

Nach Ansicht der Experten, die sich derzeit in Zürich treffen, wird die Vernetzung der Dinge des täglichen Lebens übers Internet nicht problemfrei verlaufen. Dabei macht ihnen weniger der zusätzliche "Elektrosmog" Sorgen als vielmehr Sicherheitsaspekte: Die Vision vom verärgerten Nachbarn, der sich findig in die Waschmaschine einhackt, um empfindliches Mieder durch dauerhafte Kochwaschgänge zu malträtieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Professor Friedemann Mattern:

" Da gibt es viel Forschung dazu. Es wird bedacht. Aber keiner kann garantieren, dass es in diesem Sinne absolute Sicherheit gibt. Das heißt: Umso mehr vernetzt wird, umso anfälliger wird auch die Gesellschaft sicherlich für mögliche Angriffe. Also von vornherein zu bedenken, dass Dinge kaputt gehen können oder kaputtgemacht werden können, ist ein wichtiger Aspekt, wenn wir zunehmend Dinge des alltäglichen Lebens vernetzen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk