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StartseiteMusikjournalErwacht aus dem Dornröschenschlaf01.03.2021

Komponistenarchiv DresdenErwacht aus dem Dornröschenschlaf

Was geschieht mit den Nachlässen von Komponisten? In Dresden gibt es das Deutsche Komponistenarchiv als zentrale Anlaufstelle. Um die Institution war es in den letzten Jahren still, doch jetzt gibt es Pläne für die Zukunft.

Von Claus Fischer

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Das Festspielhaus Hellerau ist ein großes Gebäude mit vielen Fenstern an der Front. Die Fassade ist hellgelb, man sieht durch Blätter hindurch auf das Haus. (Foto: Samira Hiam Kabbara)
Im Festspielhaus Hellerau war das Deutsche Komponistenarchiv untergebracht. Dann musste es ins Dresdner Stadtarchiv umziehen. (Foto: Samira Hiam Kabbara)
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Dresden, 2005. Im Festspielhaus Hellerau gibt Udo Zimmermann seine Pläne für das neue "Europäische Zentrum der Künste" bekannt. Neben Aufführungen von zeitgenössischer Musik und Tanztheaterproduktionen soll die Einrichtung auch Nachlässe von Komponisten sammeln, die im turbulenten 20. Jahrhundert gelebt und gearbeitet haben. Zimmermann sagte damals:

"Je mehr sich hier künstlerisch bewegt, umso schneller wird dieses wunderbare Festspielhaus Hellerau als ein Ort der Moderne in Deutschland und Europa wieder Revitalisierung erfahren."

Neben Udo Zimmermann gehörten der Kölner Komponist Harald Banter und der damalige Vorsitzende der GEMA-Stiftung Michael Karbaum zu den Gründern des Komponistenarchivs. Letzterer sorgte für die finanzielle Grundlage.

"75 000 Euro, damit können wir beginnen. Eine Anschubfinanzierung für die nächsten drei Jahre."

"Wie einst Lilli Marleen"

Einer der ersten Nachlässe, die ins Archiv kamen, war der des 2002 verstorbenen Komponisten Norbert Schultze. Er komponierte u.a. Musik für Kabarett und Varieté und für über 60 Filme. Mit dem Schlager "Lilli Marleen", den der Soldatensender Belgrad ab 1941 täglich ausstrahlte, gelang ihm ein Welthit.

Materialien rund um Lilli Marleen, darunter Notenmanuskripte, machen den Bestand des Deutschen Komponistenarchivs für die Forschung interessant. Durch sie ließe sich etwa herausfinden, wie stark der Komponist Norbert Schultze – der nach 1945 als "Mitläufer" eingestuft wurde – tatsächlich mit der Propagandamaschinerie des NS-Staates kooperierte. Solche Untersuchungen waren aber bis zum Herbst letzten Jahres kaum möglich – die Bestände des Komponistenarchivs lagen sozusagen brach.

Kein Platz für Komponisten

"Ich würde schon sagen, dass das nicht im Fokus stand der Arbeit…"

Das konstatiert Moritz Lobeck, Dramaturg für Musik und Medien am Europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Diese Phase begann nach dem Ruhestand des Gründungsintendanten Udo Zimmermann 2009.

"Ich glaube, dass der Wechsel der Intendanz sehr relevant ist, weil der Nachfolger, das war Dieter Jaenicke, einen ganz anderen Fokus hat."

Unter seiner Ägide verlagerte sich der Schwerpunkt der Einrichtung in Dresden-Hellerau auf den zeitgenössischen Tanz und die Bildende Kunst. Dazu kam, dass die GEMA-Stiftung sich aus der Finanzierung zurückzog. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die sich um den Bestand gekümmert hatte, musste entlassen werden. 2019 stand ein Weiterbetrieb damit sogar völlig auf der Kippe.

Auslagerung ins Dresdner Stadtarchiv

"Es ist einfach eigentlich gar kein Budget da gewesen dafür, um das zu pflegen! Und ein Archiv lebt ja davon, wie es zugänglich ist."

Das sagt Moritz Lobeck. Auch Dieter Jaenickes Nachfolgerin als Intendantin in Hellerau Carena Schlewitt sah keine Möglichkeit, das Komponistenarchiv in ihr künstlerisches Portfolio einzugliedern, betont der von ihr bestallte Dramaturg für die Sparte Musik und Medien Moritz Lobeck.

"Weil wir nicht nur die Mittel nicht haben, sondern: Wir sind auch eine Institution, die eine Bühne hat, ja?! Also die Musik präsentieren soll. Und wir sind eine Institution, die gerne auch Festivals ausrichtet, Aufträge an lebende Komponisten gibt."

Moritz Lobeck betont, dass das Europäische Zentrum der Künste das Deutsche Komponistenarchiv nicht einfach loswerden will, sondern wünscht, dass es in kompetente Obhut gelangt. Deshalb hat es die Bestände inzwischen ausgelagert – ins Dresdner Stadtarchiv.

"Das sind DAT-Bänder, VHS-Kassetten, Fotos, Scores etc. Die Sachen müssen jetzt unbedingt gesichtet, digitalisiert und zugänglich gemacht werden."

Zahlreiche Nachlässe aus der Unterhaltungsmusik

Auch der Nachlass des Berliner Komponisten Birger Heymann befindet sich im Bestand des Deutschen Komponistenarchivs. Sein größter Erfolg war das Musical "Linie 1", uraufgeführt am Berliner GRIPS-Theater. Die erhaltenen Materialien dazu sind sowohl in historischer Hinsicht – Stichwort "Nachwirkungen der 68er-Revolte" – als auch musikwissenschaftlich interessant, hat Birger Heymann doch als einer der ersten Komponisten im Kinder- und Jugendtheaterbereich Rockmusik verwendet.

Birger Heymann, Norbert Schultze oder der Film- und Fernsehkomponist Hans-Martin Majewski – der größte Teil der momentan 35 Nachlässe im Deutschen Komponistenarchiv kommt aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik.

"Das hängt damit zusammen, dass Komponisten der sogenannten Ernsten Musik eher Chancen haben, in den Musikabteilungen wissenschaftlicher Bibliotheken aufbewahrt zu werden, während sich dieses für die Leichte Musik schwieriger gestaltet…"

Sagt der Dresdner Komponist und Professor an der Hochschule für Kirchenmusik Matthias Drude. Er hat sich in den letzten Jahren sehr für das Deutsche Komponistenarchiv engagiert, da es eben eine Lücke in der Forschungslandschaft füllt.

"Teilweise sind die Bestände bereits erschlossen, teilweise liegen sie auch noch in Kartons und warten darauf, erschlossen zu werden."

Ein Komponistenhaus für das Archiv?

Um das zu realisieren hat Matthias Drude mit einigen Mitstreitern im September letzten Jahres einen Verein gegründet. Sein Ziel: das "Deutsche Komponistenarchiv" ideell und auch finanziell zu unterstützen.

"Wir wollen mit Hilfe von Spendengeldern einen Minimalbetrieb wieder zu ermöglichen. Das betrifft die weitere Erschließung der Bestände, wie auch die Beantwortung von Nutzeranfragen. Ein Minijobber steht für diese Arbeiten zur Verfügung."

Langfristig, so Matthias Drude, soll wieder eine wissenschaftliche Stelle geschaffen werden. Denn die derzeitige Situation stellt keine dauerhafte Lösung dar im Sinne des Archivgründers Udo Zimmermann. Zumal der Bestand nicht ewig im Dresdner Stadtarchiv zwischengelagert werden kann und sich bislang anstelle des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau noch keine neue Trägereinrichtung gefunden hat. Zu hoffen wäre, dass irgendwann ein Komponist nicht nur seine Manuskripte, Briefe und Tonkonserven, sondern auch sein möglichst geräumiges Haus hinterlässt.

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