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StartseiteKalenderblattKompromisslos gegen Konventionen26.07.2006

Kompromisslos gegen Konventionen

Vor 200 Jahren starb die Schriftstellerin und Dichterin Karoline von Günderrode

Mit Heinrich von Kleist teilt sie das Abweichlertum und die Unbedingtheit in ästhetischen Fragen. Und bevor sich Christa Wolf mit ihr beschäftigte, war sie vor allem durch ihren spektakulären Selbstmord bekannt: Karoline von Günderrode, heute mit ihrem schillernden Werk Teil deutscher Literaturgeschichte.

Von Maike Albath

Blick in das Mittelrheintal von der Loreley aus. (AP Archiv)
Blick in das Mittelrheintal von der Loreley aus. (AP Archiv)

"Hanau, 21. Oktober 1801. Gunda, ich bin ungeduldig, übler Laune. Kurz: ganz hässlich und verunstaltet. Ich muss fast den ganzen Tag am Krankenbett sitzen, und bei einem Kranken, dessen Geisteskräfte so abgespannt sind, dass man keine einzige erfreuliche Äußerung derselben gewahr wird. Nein, ich kann Dir nicht sagen, wie ungeduldig ich bin, und wie ich doch dabei diese Ungeduld hasse. Ich erliege mir selber, ich bin ganz elend innerlich. Rate, hilf mir, und sage nicht Dein kaltes "Es-muss-so-sein", oder lass uns wenigstens dieses fatale Thema mit Träumen umspinnen."

Ungestüm beklagt die 21-jährige Karoline von Günderrode ihr Schicksal und schlägt ihrer Freundin Gunda Brentano eine Flucht in die Gefilde der Fantasie vor: Dichten, Lesen, Studieren - das treibt sie um. Ein aufopferungsvoller Alltag, wie es ihr als Bewohnerin eines evangelischen Damenstifts in Frankfurt eigentlich zu Gesicht stünde, ist nichts für die junge Schriftstellerin.

Aber sie hat keine Wahl, denn ihre verwitwete Mutter verfügt nur über wenige Mittel für eine Mitgift. Karoline findet Trost bei Bettine, Clemens und Gunda Brentano, und sie hat ausgeprägte intellektuelle Interessen. Sie beschäftigt sich mit Fichte, Kant, Schelling und Hölderlin, entwirft Dramen, schreibt Gedichte und umwirbt den eher knöchernen Juristen Karl von Savigny. Als sich dieser aus Prestigegründen für die vermögende Gunda entscheidet, ist Karoline von Günderrode empört. Zur Hochzeit im Frühling 1804 schickt sie ihm ein Sonett:

"Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten.
Komm Dunkelheit! mich traulich zu umnachten
Dass neue Wonne meine Lippen saugt.

In Träumen war solch Leben eingetaucht.
Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten
Weil nur die Nacht solch süßen Balsam haucht."

Unter einem männlichen Pseudonym hat Karoline von Günderrode inzwischen zwei Bände mit Gedichten und Fragmenten veröffentlicht. Ein unverfälschter Ausdruck ihrer innersten Natur ist ihr Ziel, und man bescheinigt der Dichterin Tiefsinn, klassische Sprachschönheit und stilistische Eigenständigkeit. Nur ihre Vorliebe für Mythen empfindet man als unweiblich. Unbeirrbar hält Karoline an ihren Stoffen fest, und sucht nach ebenbürtigen Gesprächspartnern.

Der Altphilologe Georg Friedrich Creutzer - gerade nach Heidelberg berufen und einer der herausragenden Gelehrten seiner Generation - kann ihr die Stirn bieten. Karoline schreibe eine "mystische Poesie, eine körnige männliche Prosa", urteilt der Professor, und die Schriftstellerin verfällt Creutzer mit Haut und Haaren. Ihre Sinnlichkeit und ihr scharfer Verstand schlagen den neun Jahre älteren Gelehrten, der immer unter seiner Hässlichkeit litt, in den Bann.

Aber er ist mit der Witwe seines akademischen Lehrers verheiratet und traut sich nicht, diese unglückliche Ehe zu beenden. Eine turbulente Liaison beginnt. Um seinen Ruf besorgt, schlägt der Professor seiner Freundin als Deckmantel für ihre Verbindung die Ehe mit einem anderen vor. Aber den Konventionen geschuldete Kompromisse sind nichts für Karoline von Günderrode:

"Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden

Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verloren,
Lassen muss was er erkoren,
Das geliebte Herz,

Der versteht die Lust und Tränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Dass der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein."

Creutzer will das Liebesverlangen nicht stillen. Eine gemeinsame Freundin verfasst in seinem Namen einen Abschiedsbrief, der Karoline von Günderrode am 26. Juli 1806 in Winkel im Rheingau erreicht, wo sie den Sommer verbringt. Wenige Stunden später erdolcht sich die 26-Jährige am Ufer des Rheins.

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