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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer westdeutsche abfällige Blick muss sich ändern02.06.2021

Konferenz der OstländerDer westdeutsche abfällige Blick muss sich ändern

Es brauche keine Handlungsempfehlungen zur Deutschen Einheit, kein Transformationszentrum oder "Begabtenförderungswerk Ost", wie es aktuell im Gespräch sei. Die fehlende Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen sei das Problem, kommentiert Christoph Richter.

Ein Kommentar von Christoph Richter

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Die Bundesflagge weht vor dem Portal des Reichstagsgebäude in Berlin mit dem Schriftzug: Dem Deutschen Volke. (picture alliance / Winfried Rothermel | Winfried Rothermel)
Lediglich 62 Prozent der Westdeutschen ist laut Deutschland-Monitor die Anerkennung der Lebensleistungen der Ostdeutschen wichtig (picture alliance / Winfried Rothermel | Winfried Rothermel)
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Jetzt mal Klartext: Wie viele Berichte, Empfehlungen und Handlungsanweisungen zur Deutschen Einheit braucht es denn noch? Und nun will man auch ein Transformationszentrum, irgendwo im Osten. Gebaut werden soll es von einem Stararchitekten. Ja, geht’s noch? Auch ein "Begabtenförderungswerk Ost" ist im Gespräch. Ebenso will man noch mehr Bundesinstitutionen in den Neuen Ländern haben. Was soll das an der Stimmungslage zwischen Rerik und Görlitz ändern? Nichts. Richtig. Klingt auch eher nach Betreuungsfall.

Die Abfälligkeit, das Ressentiment wie in großen Teilen im Westen der Republik über den Osten geredet wird: Das muss sich ändern. Die fehlende Anerkennung ist das Problem. Und das hat auch mit uns, den Medien zu tun. Kommt es zu einem Vorfall in Finsterwalde, heißt es: Wie tickt der Osten? Passiert das gleiche in Kiel, wird völlig anders drüber geredet.

Und natürlich: Wenn über den Osten Bilder zu sehen sind, dann sind es Plattenbauten. Auch heute auf der Internetseite der "Tagesschau". Wir haben es mit einem westdeutschen abfälligen Blick zu tun, es ist nicht das Aufeinanderzugehen, des Zuhörens der anderen Geschichten, die den bunten, wilden und vielfältigen Teil der Republik abbilden.

Jedem Dritten ist der Osten egal

Lediglich 62 Prozent der Westdeutschen – also gerade mal zwei Drittel - ist die Anerkennung der Lebensleistungen der Ostdeutschen wichtig. So steht es im Deutschland-Monitor. Übersetzt heißt das: Jedem Dritten ist der Osten egal. Und das zieht sich bis in den Bundestag. Selbst dort ist das Thema nur ein Papiertiger.

Dazu muss man sich nur mal anschauen, was für ein Streit hinter den Kulissen um den SED-Opferbeauftragten tobt. Der bisherige Leiter der Stasiunterlagenbehörde soll – so steht es im Gesetz - durch einen SED-Opferbeauftragten ersetzt werden. Gewählt durch den Bundestag. Doch: Union und SPD können sich nicht einigen. Den meisten Abgeordneten ist es aber herzlich egal.

Weshalb es passieren kann, dass am 17. Juni – ein höchst geschichtsträchtiges Datum, (als die Ostdeutschen sich 1953 gegen die SED-Diktatur erhoben haben, woraufhin der Protest von Sowjet-Panzern niedergerollt wurde) – im Bundestag kein neuer SED-Opferbeauftragter gewählt wird. Wäre ein Desaster und verdeutlicht einmal mehr, dass die gelungene Deutsche Einheit nur in Sonntagsreden auftaucht.

Es braucht Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen

Ja klar, die Städte sind saniert, über die Autobahnen gleitet man sanft. Doch von einer inneren Einheit ist das Land weit entfernt. Dabei soll es nicht um die Nivellierung von Unterschieden gehen, sondern um den Respekt gegenüber der Lebensleistung. Und was so mancher in Köthen oder Prenzlau in den letzten Jahrzehnten hingekriegt hat, ist gigantisch. Arbeit und Wohnung verloren, Bildungsabschluss nicht anerkannt: Und trotzdem weitergemacht. Das wird in Gräfelfing oder Oldenburg oft nicht verstanden, was das wirklich bedeutet.

Was es jetzt braucht: eine breite - und ehrliche - Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen von Westdeutschen. Und eine Anerkennung der Westdeutschen, dass die Geschichte der Ostdeutschen auch ihre Geschichte ist. Dieses Umdenken braucht es. Ein illustres Transformationszentrum dagegen ist völlig überflüssig, auch ein neuer Feiertag schafft kein Zusammenwachsen.

Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.

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