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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Renaissance von "Heimat" und "Nation"23.08.2018

Konferenz in HamburgDie Renaissance von "Heimat" und "Nation"

Nie ging es den Menschen in Europa so gut. Nie waren sie so sicher vor Aggressionen ihrer Nachbarländer. Und doch werden "Nation" und "Heimat" wieder Schlagworte mit Wert. Warum?

Von Ursula Storost

Ein blaues Straßenschild auf dem in weißen Buchstaben "Daheim" steht. (imago/ Priller & Maug)
Heimat - was heißt das heute? (imago/ Priller & Maug)
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"Der Mensch muss eine Heimat haben, ein Stück Erde, ein Stück Himmel, das er liebt ...", sang Hans Albers in den 1950ern. Aber was Heimat eigentlich ist, darüber wird viel gestritten. Vertraute Lebenswelt oder soziale Zugehörigkeit? Ist Heimat an den Geburtsort oder das Geburtsland gebunden, kann sie neu gewonnen werden? Seit dem Jahr 2015, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, sind hierzulande die Begriffe Heimat und Nation wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Seit kurzem haben die Deutschen sogar ein Heimatministerium unter der Leitung des CSU-Politikers Horst Seehofer.

"Ich nehme jetzt mein künftiges neues Ministerium mit der Heimat. Ich hab das Heimat ..äh ..museum… (Lachen) …äh das Heimatministerium … (Lachen)"

Es holpert also noch ein bisschen mit der Heimat. Dabei ist das, was Seehofer mit seinem Ministerium erreichen will, durchaus unterstützenswert.

"Nämlich den Zusammenhalt der Gesellschaft, das war ja eine Erkenntnis aus dem letzten Jahr, dass es eine große Aufgabe sein wird, die Polarisierung in der Gesellschaft zu überwinden, die Menschen wieder zusammenzuführen."

Heimat als ein bürokratischer Begriff

Ob die neuen alten Heimatfantasien die Menschen wieder zusammenbringen oder eher spalten, war am vergangenen Wochenende Thema auf einer Konferenz in der Kampnagelfabrik in Hamburg. Kuratiert wurde die Veranstaltung von der Kulturwissenschaftlerin Margarita Tsomou, die sich auch mit der Geschichte des Begriffs beschäftigt hat.

"Heimat war erst mal nur ein Begriff aus dem Anmeldeverfahren. Also um zu bestimmen, wo jemand wohnt in der Zeit zwischen Feudalismus und Moderne, wo man angefangen hat die Leute festzuhalten, wo sie wohnen, das hat man dann Heimat genannt. Er kam aus Gelsenkirchen, das ist seine Heimat." 

Heimat als ein bürokratischer Begriff. Das ist uns heute fremd. Denn seit der Romantik ist Heimat mit Gefühlen beladen, mit Sehnsüchten gespickt. Zum Beispiel in Friederich Nietzsches berühmtestem Gedicht aus dem Jahr 1884.

"Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n
Wohl dem‚ der jetzt noch — Heimat hat!"

Heimat, das bedeutete für viele Zugehörigkeit und Geborgenheit. Ein Ort, an dem man nicht fremd ist, sondern zuhause, umgeben von Seinesgleichen, sagt Margarita Tsomou.

"Das hatte zu tun mit einer Reaktion auf die Industrialisierung, die die Leute vom Land in die Stadt gebracht hat und einer Nostalgie jenseits der kapitalistischen Verhältnisse, die damals sehr hart waren. Sich wieder zurückzufinden in dem Ort, wo die Tanne wächst und der Fluss fließt und man nicht auf dem Fließband in der Stadt steht." 

Es könnte sein, so die Kulturwissenschaftlerin, dass diese Sehnsucht nach einer heilen Welt heute die Menschen wieder antreibt, sich auf Heimat und Nation zu besinnen. Als Fixpunkte für Sicherheit in einer komplizierten Welt. 

"Es ist meine These, dass man sich der nationalen Identität bedient, um quasi seine Vorrangsstellung in diesem Land zu betonen. Ich bin Deutscher und deswegen hab ich vielleicht mehr ein Recht zu sein als eben nicht Deutsche." 

Gabriele Kämper und Klaus Theweleit bei einer Diskussion während der Konferenz "Heimatphantasien" in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. (Axel Schröder)Gabriele Kämper und Klaus Theweleit bei einer Diskussion während der Konferenz "Heimatphantasien" in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. (Axel Schröder)

Aber, so Margarita Tsomou, die Vorstellung, dass Nation eine Heimat ist, die Ähnliche oder gar Gleiche vereint, sei eine Fiktion. Auch noch als sich 1848 in der Frankfurter Paulskirche das erste deutsche Parlament zusammenfand, wurde viel darüber diskutiert, was Deutschland eigentlich sein soll, sagt Naika Foroutan, Politologieprofessorin an der Humboldt Universität in Berlin.

"Deutschland ist von Anbeginn aus einem sehr pluralen Kontext entstanden. Sehr vielen Fürstentümern mit unterschiedlichen Religionen und unterschiedlichen Herrschaftsmotiven und Vorstellungen. In der Idee diese Vielfalt und Pluralität zusammenzuführen, gründet eigentlich der deutsche Traum."

Dementsprechend wurde in den ersten Debatten auch darüber verhandelt, wer eigentlich Deutscher ist. 

"Da gab es zum Beispiel eine Grundlinie, die besagte, Deutscher ist, wer auf deutschem Boden geboren ist. Egal ob er deutsche, französisch, sorbisch oder russisch spricht. Das heißt, die Idee war damals nicht so stark an eine Sprache gebunden geschweige denn an einen Volkskörper, den wir heute so bedienen. Und auch nicht an eine homogene Nation, in die sich Deutschland dann irgendwann mal ab den 30er-Jahren sehr stark verwandelt hat." 

Nach den schrecklichen Erfahrungen während des Nationalsozialismus, wo die Begriffe Heimat und Nation verherrlicht und zu Kriegszwecken missbraucht wurden, betrachtete man das Bekenntnis zu Heimat und Nation in der Nachkriegszeit zunächst distanzierter. Das hat sich gewandelt. Aber heute, so Naika Foroutan, gäbe es viele Deutsche, die Heimat und Nation nur für einen bestimmten Teil der hier lebenden Menschen akzeptieren wollten. 

"Und damit im Grunde genommen dieser Idee der Pluralisierung, die sehr, sehr viele Menschen verunsichert, eine Idee der Vereinheitlichung entgegensetzt. Weil die negative Idee, die mit Pluralisierung verknüpft wird, ist, dass Pluralität keine Einheit bilden kann."

Für den Kulturwissenschaftler Dietrich Diederichsen ist das eine verblüffende Entwicklung. Gerade die Deutschen, sagt er, hätten sich doch viele Jahre in der Rolle gefallen, als Botschafter für Weltoffenheit und Toleranz in der Welt umherzureisen. 

"Diejenigen, die hinausziehen in die Welt und sich Ferienhäuser kaufen. Oder Gastsemester in New York machen. Die also sozusagen aus einer nicht begrenzenden Herkunft sich beschreiben wollen sondern eben aus einer plastischen Offenheit für alles. Diese weiße Mehrheit beginnt in einem nationalistischen Diskurs sich jetzt selbst als eine von Eigenschaften geprägte, nicht anders könnende und daher so leben müssende Widerstandsgemeinschaft zu beschreiben."

Die Worte Nation und Heimat können ideologiebeladen sein

Als komplementäre Begriffe, beschreibt die Philosophin Gabriele Kämper Heimat und Nation. Die Leiterin der Geschäftsstelle Gleichstellung des Berliner Senats sieht darin zwei Seiten einer Medaille. Die eine männlich, die andere weiblich. 

"Diese Figur, dass der Mann im Grunde für sich das Nationengebilde, die Nation, als Stärke, als Haus der Männlichkeit begreift, braucht auf der anderen Seite die Heimat, die die Frau symbolisiert. Und wenn wir uns ankucken Figuren wie Mutter Heimat, die größte Frauenfigur der Welt in Kiew am Ufer des Dnepr. Oder Begriffe wie Madre Patria im Italienischen, wo sozusagen das Innere des Vaterlandes weiblich ausgestattet wird. Das ist das Symbolische weibliche darin." 

Der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit hat viele Jahre die Schriften von Männerbünden analysiert. Männlichkeit sei dort ein Symbol für das Nationale, sagt er. 

"Die ganzen Freikorps-Schriften, die ich analysiert habe haben als eins der Zentren, Nation heißt Männlichkeit. Wenn wir jetzt entwaffnet werden durch Versailler Vertrag, schreibt einer von denen, willigt die Nation ein, sich die Geschlechtsteile abschneiden zu lassen. Und Äußerungen auf dieser Ebene gibt es hunderte." 

Wie ideologiebeladen die Worte Nation und Heimat sein können, zeigt sich auch, so Gabriele Kämper, an dem Begriff Heimatfront. Ein Wort, das erst im Ersten Weltkrieg erfunden wurde. 

"Die Heimatfront bedeutete in erster Linie die Frauen, die zuhause arbeiteten, bedeutete aber auch, dass die Heimat und die Front, also das Männliche der Nation und die Heimat zusammengedacht waren. Im Grunde wie das Heimatministerium. Da kamen zwei Sphären zusammen aus dem Sehnsuchtsort und aus dem Realiter der Nation. Und darin wird dann immer auch verhandelt auch die Frage der Geschlechterordnung. Der soldatische Mann an der Front, die Frau zuhause, die plötzlich auch Front sein soll. Was bedeutet das, wie bringt das auch Geschlechterordnungen durcheinander."

Heimat und Nation sind problematische Begriffe

Eine fatale Mischung, befindet Klaus Theweleit. Nach der deutschen Kapitulation 1918 gab es fast so etwas wie eine Abspaltung zwischen Nation und Heimat. Die Heimat, so schien es, was Schuld an der deutschen Niederlage. 

"Die Heimatfront hat versagt. Das waren streikende Arbeiterinnen, das waren Frauen, die sich andere Männer genommen haben, wenn der Mann als Soldat im Krieg war. Das war die so genannte Etappe, die in Saus und Braus lebte während der Mann, die Nation an der Front verblutete. Also Nation und Heimat nach dem ersten Weltkrieg sind regelrecht entgegengesetzt." 

Heimat und Nation sind problematische Begriffe. Im Laufe der Geschichte sind sie für viele Zwecke instrumentalisiert worden. Auch heute ist es selten wertfrei, wenn jemand von "uns Deutschen" und "unserer Heimat" spricht. Wie schwierig es ist, die Begriffe zu konkretisieren, erklärt Margarita Tsomou. Die Kuratorin der Hamburger Konferenz hat einen griechischen Pass, fühlt sich aber deutsch. In Deutschland hat sie fast ihr gesamtes bisheriges Leben zugebracht. Die deutsche Sprache, Kultur und Geschichte kennt sie besser als die griechische Sprache, Kultur und Geschichte. Sie wohnte lange in Hamburg, hat dort studiert, ist dort geprägt worden. Jetzt wohnt sie in Berlin. Auch ein Stück Heimat für sie. 

"Gleichzeitig kommt meine Mutter aus einer griechischen Insel. Die heißt Skerzos. Ist eine wunderschöne Insel mit gelben Stränden und blauem Wasser. Und auch da fühl ich mich heimatlich." 

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